Interview mit Mathieu Carrière zum Unterhaltsgesetz "Ein Kind ist kein Sack Kartoffeln"

Die große Koalition zankt über das Unterhaltsrecht. Demnach soll den Kindern von Scheidungseltern künftig absoluter Vorrang eingeräumt werden. Seit Jahren gehört der Schauspieler Mathieu Carrière zu den prominentesten Kritikern des geltenden Rechts. Seiner Meinung nach sollen sich die Frauen endlich von ihrer Mutterrolle emanzipieren - und arbeiten gehen.

Ein Interview von Thorsten Denkler

Wir haben den Schauspieler Mathieu Carrière in Venedig erreicht, wo er regelmäßig seine Tochter besucht. Carrière kämpft seit langem - auch öffentlich dafür - Umgang mit seinem Kind haben zu dürfen. In dieser Zeit ist er zu einer Ikone der deutschen Väterbewegung geworden.

Matthieu Carrière ließ sich in einer Aufsehen errgenden Aktion im Juni 2006 vor dem Justizministerium an ein Kreuz binden, um für die Rechte und Gleichberechtigung von Vätern zu demonstrieren

(Foto: Foto: ddp)

sueddeutsche.de: Herr Carrière, wenn Eltern sich trennen, dann geht es schnell um zwei Fragen: Wer bekommt die Kinder, wer muss zahlen? Wie ist ihre Erfahrung?

Mathieu Carrière: In Deutschland gehört das Kind wie ein Sack Kartoffeln dem Sorgerechtseigentümer. Er bestimmt über Besuchszeiten und das Unterhaltsgeld. Es müssten Treuhandkonten eingerichtet werden, auf das die Unterhaltszahlungen für die Kinder fließen. Dann können sich die Eltern keine Prada-Täschchen kaufen von dem Geld, dass den Kindern zusteht.

sueddeutsche.de: Viele Frauen sind auf das Geld angewiesen. Ohne das können sie weder sich noch die Kinder durchbringen.

Carrière: Die Frage nach dem Geld ist doch eine Scheindiskussion. Es ist ja gut, dass die Last nach einer Trennung ein wenig gerechter verteilt werden soll. Aber der eigentliche Skandal ist doch, dass fast 90 Prozent der Trennungskinder in Deutschland in den Besitz der Frau kommen und sich dann an den Tropf hängen. Auch Frauen sind doch erwachsene Menschen. Sie sind doch nicht durch das Kinderkriegen zu erwerbsunfähigen Krüppeln geworden.

sueddeutsche.de: Das Gesetz verlangt doch, dass Mütter ab einem bestimmten Kindesalter arbeiten gehen.

Carrière: Sie müssen nicht, sie sollen. Diese degressive Regel geht auch wieder davon aus, dass die Frauen behütet werden müssen wie Mimosen. In der Praxis kann kein Unterhaltszahler nachweisen, ob seine Ex einen reichen Liebhaber hat oder einen neuen Job.

sueddeutsche.de: Die Union will verhindern, dass das neue Unterhaltsrecht junge Mütter zwingt, arbeiten gehen zu müssen.

Carrière: Um Gottes Willen! Junge Mütter! Dies sind besonders schwach. Mütter unter Artenschutz. Mit Gleichberechtigung hat das nichts zu tun. Ich kann da nur mit Alice Schwarzer antworten, die seit 30 Jahren predigt: Frauen, emanzipiert euch von der Mutterrolle. Einem Kind ist es doch vollkommen egal, von wem es betreut und geliebt wird. Es hat da keine geschlechtspezifischen Grundbedürfnisse. Und ein alleinerziehender Vater muss auch arbeiten.

sueddeutsche.de: Haben Sie die Unterhaltszahlungen an zwei ihrer drei Kinder arm gemacht?

Carrière: Arm nicht, aber zerrüttet. Dabei zahle ich sehr viel Geld an die Mütter und für die Kinder. Aber ich kenne viele, viele Väter, deren Geschäfte zerstört wurden, die Konkurs anmelden mussten, deren Karrieren kaputt gingen. Das Geld hindert die Frauen daran, sich zu emanzipieren. Wenn Kinder da sind, sollen sich beide Eltern gleichberechtigt um deren Erziehung und auch um die Finanzierung kümmern. Wenn Eltern aber glauben, sie könnten die Erziehung nur alleine übernehmen, dann sollen sie auch dafür aufkommen.

sueddeutsche.de: Viele Väter sind doch froh, wenn sie die Verantwortung für ihre Kinder abgeben können.

Carrière: Auch die müssen gezwungen werden, für ihre Kinder zu sorgen. Aber das ist viel seltener Fall, als man glaubt. Ein Großteil der Trennungen erfolgt auf Initiative der Frauen. Warum nicht eine einfache Formel einführen: Wer geht, der zahlt mehr. Warum wird unter "Gleichberechtigung" immer verstanden, dass die Männer zahlen?

sueddeutsche.de: Was müsste denn im Sinne der Kinder grundsätzlich anders laufen?

Carrière: Zuallererst, dass die Eltern bei einer Trennung kooperieren. Jeder in unserer Gesellschaft ist frei, sich zu trennen. Aber aus dieser Freiheit folgt notwendigerweise die Verantwortung, weiter im Interesse des Kindes zu handeln und nicht aus dem Kind eine Goldmine zu machen.

sueddeutsche.de: Darf sich der Staat da einmischen?

Carrière: Er muss. Trennungseltern sind oft beratungresistent. Es geht immer um die Interessen der Kinder. Aber heute wird in Deutschland das Elternteil mit dem Sorgerecht ja geradezu ermutigt, den Umgang des Kindes mit dem Ex-Partner zu vereiteln. Da werden Zwangsgelder nicht durchgesetzt, weil die Jugendämter den Frauen vorrechnen, dass sie mehr Geld bekommen, wenn sie den Konflikt schüren. Darunter leiden vor allem die Kinder. Und der entsorgte Elternteil zahlt dafür, dass er seine Kinder nicht sehen darf.