Interview mit Jaenicke:"Herr Rogge küsst Hintern"

Schauspieler Jaenicke im Gespräch mit sueddeutsche.de über Olympia, Propaganda und was Orang-Utans mit China zu tun haben.

Interview: Julia Troesser

sueddeutsche.de: Herr Jaenicke, Sie rufen öffentlich zum Boykott der Fernsehübertragungen der Olympischen Spiele auf. Haben Sie nicht einmal die Eröffnungsfeier gesehen?

Interview mit Jaenicke: Schauspieler Hannes Jaenicke: Kampf für Menschenrechte und Umweltschutz

Schauspieler Hannes Jaenicke: Kampf für Menschenrechte und Umweltschutz

(Foto: Foto: Carsten Sander)

Jaenicke: Um Gottes Willen, das ist die schlimmste Propaganda-Veranstaltung von allen. Warum sollte ich mir ausgerechnet die anschauen? Ich sehe bestimmt nicht zu, wenn Leute wie Schröder und Bush mit den Chinesen feiern.

sueddeutsche.de: Informieren Sie sich auf anderen Wegen über den Verlauf der Spiele? Über Zeitungen oder das Internet?

Jaenicke: Ja, zum Beispiel in der Süddeutsche Zeitung. Die Ergebnisse und ganz besonders die Berichte über das chinesische Doping lese ich mit wachsendem Zynismus. Es ist eine unglaubliche Augenwischerei des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), einfach über die Vorwürfe hinweg zu gehen.

sueddeutsche.de: Sie sagten, dass die Spiele in diesem Jahr für Sie nicht stattfänden. Inwiefern kann ein Boykott der Spiele die Menschenrechte in China beeinflussen?

Jaenicke: Man darf das natürlich nicht auf dem Rücken der Sportler austragen. Die haben einfach Pech, dass sie in diesem Jahr in China antreten müssen. Aber wenn ich sehe, wie Politiker aus aller Welt auf der Tribüne sitzen und in diesem Land ein großes Sportfest feiern, halte ich das für Arschkriecherei. So etwas sollte es nicht geben.

sueddeutsche.de: Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) hat scharf kritisiert, dass die deutsche Regierungsspitze nicht bei der Eröffnung war. Wie stehen Sie dazu?

Jaenicke: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob wir auf die Worte eines Gazprom-Aufsichtsratsmitgliedes hören müssen. Einen fragwürdigeren Ex-Politiker kann ich mir derzeit nicht vorstellen. Das wird nur noch getoppt von unserem Altkanzler Helmut Schmidt (SPD), der bei Maischberger solche Sätze sagt, wie "Menschenrechte sind doch nicht mein Bier". Da frage ich mich: Hat der das Wort sozialdemokratisch irgendwie missverstanden?

sueddeutsche.de: Hatten Sie im Jahr 2001 die Hoffnung, dass sich die Situation Chinas durch den Zuschlag für die Olympischen Spiele verbessert?

Jaenicke: Ich war immer der Meinung, dass das nicht passieren wird. Es gab aber so viele Leute, die dafür waren - gerade der Dalai Lama - dass ich vorübergehend die Klappe gehalten habe. Aber das hat sich leider nicht bewahrheitet.

sueddeutsche.de: Hätte das IOC Ihrer Meinung nach die Zusage an Peking zurückziehen sollen, als sich zeigte, dass die gemachten Versprechen nicht eingehalten werden können?

Jaenicke: Das IOC hätte Bedingungen stellen müssen, wenn es den Chinesen diese Milliardenspiele, die sie als Propagandaventil benutzen, ermöglicht. Zum Beispiel Verhandlungen mit den Tibetern und den Uiguren. In der Olympischen Charta steht, dass die Spiele nur in einem Land stattzufinden haben, das die Menschenrechte achtet. Deshalb hätten diese Bedingungen an die Vergabe der Spiele geknüpft werden müssen. Aber Herr Rogge sitzt da wie ein kleiner Schulbub, schweigt zu allem und küsst von morgen bis abends die Hintern des Zentralkomitees.

sueddeutsche.de: Und als klar wurde, dass die Bedingungen nicht erfüllt wurden...?

Jaenicke: Spätestens als die Chinesen die Tibeter zusammengeschlagen haben, hätte das IOC eingreifen müssen. Die Spiele hätten völlig problemlos nach Sydney oder Athen verlegt werden können, die Anlagen dort stehen ja noch.

Lesen Sie weiter, warum Jaenicke selbst nicht mehr nach China darf...

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