Zweiter Weltkrieg Fliegerheld Günther Rall über Heldentum

Günther Rall, geboren am 10. März 1918 in Gaggenau, war mit 275 Abschüssen einer der erfolgreichsten Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs. Er war, ausgezeichnet mit dem Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern, einerseits Held der NSWochenschauen, andererseits dem Regime gegenüber distanziert - auch weil seine Frau Hertha in Wien jüdischen Freunden zur Flucht verholfen hatte. Als Konsequenz aus seinen Erlebnissen ging er 1956 zur Bundeswehr, die ihm als Armee für eine bessere Sache erschien. 1967 gehörte er bei der Beerdigung des ersten Nachkriegskanzlers zur Ehrenwache an Konrad Adenauers Sarg. Rall war von 1971 an Inspekteur der Bundesluftwaffe und von 1974 an ständiger Vertreter der Bundesrepublik im Nato-Militärausschuss.

Interview: Jöachim Käppner und Kurt Kister

SZ: Herr Rall, haben Sie sich je als Held gefühlt?

Günther Rall im Cockpit vor einem Testflug mit einem Kampfjet in St. Louis im Jahr 1971.

(Foto: Foto: AP)

Günther Rall: Also wirklich nicht. Ein Held ist für mich etwas anderes. Wie Leonidas, der Spartanerkönig an den Thermopylen: "Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du hast uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl." Das Wort Held hat einen antiken, mystischen Charakter. Auf mich trifft es nicht zu.

SZ: Sie haben aber die Erfahrung gemacht, dass Sie in Wochenschauen als Held gefeiert wurden.

Günther Rall: Ja nun, da kann ich nichts dafür.

SZ: Sie waren ein sehr erfolgreicher Jagdflieger in einer Zeit, die Helden verklärte.

Günther Rall: Was ist die Charakteristik des Helden? Unter Einsatz seines Lebens sich einzusetzen für eine Idee oder für andere Menschen. Aber das mit der Idee und den Idealen war während des Krieges nicht das Thema für uns. Wir kämpften, wenn man so will, für unser Land und um unser Leben.

SZ: Aber wie war das für Sie als junger Mann, als plötzlich die Kriegsberichterstatter kamen, dass Ihren Namen jeder in Deutschland kannte?

Günther Rall: Anders, als Sie vielleicht denken. Wenn ich heimkam nach Wien, war es so: raus aus der Uniform und mit meiner Frau in den Wiener Wald. Da machten wir keinen Rabatz oder ließen uns feiern.

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SZ: Aber man hat Sie doch auf der Straße erkannt, auch in Wien?

Günther Rall: Nein, nur selten. Als ich Urlaub hatte, gingen wir mal in den "Stadtkrug" nahe des Stephansdoms, da kannten uns alle. Und da saß der Curd Jürgens und hat uns eingeladen. An einem anderen Abend war es Hans Moser, da ging es schon auf zehn Uhr, und der Moser nuschelte: "Herr Major, kannst du noch ein Viertel Wein bestellen, ich krieg kaans mehr?" Nein, zu Hause war ich froh, von Flugzeugen und Kriegen und Töten nichts mehr zu hören. Wir haben uns über alles unterhalten, aber darüber möglichst nicht.

SZ: Träumen Sie heute noch davon: vom Krieg, vom Töten?

Günther Rall: Ich träume nicht mehr jede Nacht von diesem Krieg. Das lässt mit den Jahren nach.

SZ: Sie haben noch in einer Zeit gekämpft, als man den Gegner, den Menschen in der anderen Maschine sehr nah sehen konnte und mit Maschinengewehren beschoss. Und Sie haben ja bei Ihren 275 Abschüssen wahrscheinlich viele Menschen getötet, deren Gesicht Sie erkennen konnten.

Günther Rall: Ich verstehe Ihre Frage. Aber so haben wir nicht gedacht. Es war Krieg. Nein, wir waren auf jeden Luftsieg stolz, und froh vor allem, dass es nicht uns getroffen hatte. Natürlich sage ich mir heute in stillen Stunden: Du hast getötet. Um andere zu schützen und nicht selbst getötet zu werden. Aber letztlich: wofür? Das Dritte Reich hat 30.000 Jagdflieger ausgebildet. 10.000 überlebten den Zweiten Weltkrieg, Kriegsgefangene und nicht mehr Fronttaugliche mitgerechnet. Ein Drittel. Das ist die höchste Verlustquote neben den U-Boot-Fahrern.

Deutsche Messerschmitt Me 109 auf einem Flugplatz während des Krieges. Eine solche Maschine flog auch Rall.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

SZ: Warum haben Sie überlebt?

Günther Rall: Das müssen Sie den Herrgott fragen. Ich frage es mich selbst. Ich war 15 Monate im Lazarett, vier Mal hat's mich kräftig erwischt. Nach einem Rückgratbruch haben sie mir Kissen in die Kabine gestopft, sodass meine Piloten bei Feindflügen sagten: Mensch, das ist der Alte, der sitzt so weit vorne. Der Alte war 22 Jahre alt und Staffelkapitän. Der Krieg hat uns unsere Jugend gestohlen.

SZ: Sie waren ein guter Soldat im Dienst einer schlechten Sache. Was haben Sie über den Sinn dieses Krieges gedacht?

Günther Rall: Hitlers Ziel - aber das wussten wir damals nicht - waren natürlich die Ukraine und Russland. Aber begonnen hatte der Krieg für uns mit der Kriegserklärung Englands und Frankreichs nach dem Angriff auf Polen. Wissen Sie, wir hatten noch die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Mein Vater hat mich mit an den Rhein genommen, als noch das Rheinland besetzt war und der französische Posten an der Brücke stand. Es herrschte Feindschaft zwischen unseren Völkern. Und wofür dieser Krieg tatsächlich geführt wurde, darüber hat uns der Hitler leider nicht informiert. Aber ich muss sagen, es gab 1939 keine Begeisterung - weder im deutschen Volk noch bei der Wehrmacht, ganz im Gegensatz zu 1914, wo alles Halleluja geschrien hat. Wir hatten uns nicht vorstellen können, dass ein Krieg kommt. Überhaupt nicht.

SZ: Waren Sie als junger Offizier in der NS-Zeit eigentlich unpolitisch?

Günther Rall: Wir waren national, wie man sagte. Nun komme ich aus einer Familie, die deutschnational war. Ich hatte einen Vetter, der war Reichstagsabgeordneter der Deutschnationalen Volkspartei, der DNVP. Aber dann wurde Hitler Kanzler, zwei Jahre später gab es keine Arbeitslosen mehr, keine Rheinland-Besetzung, keine Zahlungen an die Siegermächte mehr. Das hat uns als jungen Soldaten imponiert, keine Frage.

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SZ: Wann haben Sie erstmals von den deutschen Verbrechen gehört? Haben Sie selbst welche gesehen?

Günther Rall: Wir wussten von Dachau, dem Konzentrationslager, aber nicht genau, was dort geschah. Ich war während des Krieges auch kaum in Deutschland. Von den Vernichtungslagern haben wir nichts gewusst, und auf den Frontflugplätzen hatten wir keine Ahnung davon, was hinter unserem Rücken geschah.

SZ: Es fällt schwer, sich das vorzustellen.

Günther Rall: Aber so war es. Als ich dann in der Gefangenschaft von Auschwitz hörte, wollte ich es nicht glauben. Da warf ein amerikanischer Wachsoldat die erste Stars and Stripes über den Zaun, die Bilder aus dem Vernichtungslager zeigte. Und wir sagten uns: klar, das ist Propaganda. Bis wir uns überzeugen mussten, das ist die Realität gewesen. Wir haben uns geschämt. Die Judenvernichtung war der größte Wahnsinn dieses sowieso schon wahnsinnigen Krieges.

SZ: Sie hatten ja selbst Schwierigkeiten, weil Ihre Frau verfolgten Juden half.

Günther Rall: Das war 1938 in Wien. Dort, im Ersten Bezirk, waren 80 Prozent der Intelligenz jüdisch: die Ärzte, die Juristen, die Journalisten, die Schauspieler. Und meine spätere Frau Hertha Schön, auch eine Ärztin, hatte viele jüdische Freunde dort. Beim Anschluss Österreichs 1938 half sie einigen, unterstützt von Freunden aus London, noch rechtzeitig aus dem Land zu kommen. Ich wurde 1943 auf der Krim deswegen verhört, als wir täglich drei, vier Einsätze fliegen mussten. Da sagte mein Kommandeur, Hubertus von Bonin: "Du, Günther, komm mal rüber, hier wartet der Scharfrichter." Ich traf einen Feldrichter an, der eigens erschienen war, um die Hilfe meiner Frau für die Wiener Juden zu untersuchen.

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SZ: Hatten Sie Angst?

Günther Rall: Ich habe den Inquisitor angeblafft: "Haben Sie keine anderen Sorgen? Mitten in diesen Kämpfen beschäftigen Sie sich mit solchem Scheiß?" Er ist dann wieder abgezogen.

SZ: Und die Sache blieb folgenlos.

Günther Rall: Ein Vierteljahr später bekam ich die Schwerter zum Eichenlaub, und nach der Verleihung durch Hitler mussten wir zum Reichsmarschall, Hermann Göring. Als der Göring mich sieht, brüllt er los: "Mein lieber Rall, ich freue mich, dass ich zwei Augen und zwei Hühneraugen zudrücken kann." Beim Essen saß ich neben ihm, und da hat er mich am Arm genommen wie ein besorgter Vater: "Rall, Sie haben uns große Sorgen gemacht mit dieser Judensache in Wien. Aber dank der unermesslichen Güte des Führers . . .". Grässlich. Aber damit war es ausgestanden.

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SZ: Ihr Status als Held hat Ihnen genutzt.

Günther Rall: Sicher. Aber wenn Sie sich angucken, wie die Nazipropaganda Helden gemacht hat: Am Anfang des Krieges waren es Leute wie Werner Mölders und Erwin Rommel (der Inspekteur der Jagdflieger und der Kommandeur des Afrikakorps; SZ). Ich glaube, dass Goebbels und die Propagandamaschinerie am Anfang nicht bedacht haben, wie sich die Helden emanzipieren und unkontrollierbar werden könnten. Mölders verunglückte tödlich, als er begann, zu opponieren, Rommel musste später Gift nehmen. Die Nazis mussten Mittel finden, um die Helden an der Kandare zu halten, wenn einer politisch unzuverlässig war.

SZ: Wie in Ihrem Fall?

Günther Rall: In meinem Fall war "diese Judengeschichte" so ein Druckmittel. Oder da war der Nachtjäger Helmut Lent, ein erklärter Antinazi. Sein Bruder war evangelischer Pastor, sein Vater ebenfalls. Der Bruder hat den Möldersbrief (ein gefälschtes, angeblich von Mölders verfasstes nazikritisches Schreiben, SZ) von der Kanzel verlesen und kam in Gestapohaft. Und der Lent schreibt an den Chef des Sicherheitshauptamtes: Ich bin Eichenlaubträger, ich will, dass mein Bruder wieder freikommt. Aber sie ließen ihn nicht frei. Der Machtapparat hat Druckmittel gesucht, mit denen man die bei der Fahne halten konnte, sodass die nicht gegen das Regime sprachen.