bedeckt München
vgwortpixel

Interview mit Dieter Moor:"Der Osten hat eine große Zukunft vor sich"

Ein besonderer Blick auf Deutschland: Der Schweizer Moderator Dieter Moor über volksferne Politiker, Fehler der Einheit und das, was die Republik von seiner Wahlheimat Brandenburg lernen kann.

Dieter Moor, Jahrgang 1958, kam in Zürich zur Welt. Der Schauspieler moderiert seit vielen Jahren Fernsehsendungen, derzeit unter anderem das Kulturmagazin "ttt - titel, thesen, temperamente". 2003 übersiedelte Moor mit seiner Frau Sonja, einer früheren Filmproduzentin, in die Mark Brandenburg. Dort, etwa eine Autostunde vom Berliner Zentrum entfernt, bewirtschaften die beiden einen Öko-Bauernhof. Über seine Erfahrungen in der Mark Brandenburg hat Dieter Moor ein Buch geschrieben ("Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone"), das zum Bestseller wurde. Im November erscheint sein Kochbuch "ganz & einfach: tempofrei kochen".

Dieter Moor Bauernhof Brandenburg Moderator Schauspieler Wasserbüffel

Dieter Moor auf einer Weide seines Bio-Bauernhofes vor Wasserbüffeln.

(Foto: Oliver Das Gupta)

Auf Dieter Moors Hof findet das folgende Interview statt. Zuvor führt er über die Weiden, herzt seine Wasserbüffel, Esel und Hunde. Als ein junger Büffelbulle seinen Besucher umstuppst, tritt ihm Moor gegen die Schnauze und schreit "Du Sack!" - das Tier macht einen mächtigen Satz nach hinten. "Der muss wissen, dass er das nicht darf. Der ist natürlich viel stärker mit seinen 350 Kilo", sagt Moor und streichelt den inzwischen wieder herangetrotteten Übeltäter. "Aber das dürfen sie ihm halt nicht verraten."

sueddeutsche.de: Herr Moor, würden Sie ausländisch aussehenden Bürgern raten, in die Mark Brandenburg zu ziehen?

Dieter Moor: Ich wüsste nicht, warum nicht.

sueddeutsche.de: Zum Beispiel wegen des hier verbreiteten Rechtsextremismus.

Moor: Sie meinen, das wäre hier eine No-Go-Area? Ich kann da nicht mitreden, ich kenne hier keine Neonazis. Unter unseren Praktikantinnen sind oft Mädchen, die nicht wie typische Mitteleuropäerinnen aussehen. Im Dorf ist das kein Thema. Wir haben auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften und in der Nähe ein Behindertenheim. Gefühlt gibt es in der Region nicht mehr Rechtsextremisten als sonst in Deutschland.

sueddeutsche.de: Manche nennen das Brandenburg von heute "kleine DDR" - ein langweiliger Landstrich, der in Ostalgie schwelgt.

Moor: Das mag eine typisch westdeutsche Sicht sein: Der Osten als eine einzige No-Go-Area, als Dunkeldeutschland, als Brache, als vergessenes Land. Von wegen.

sueddeutsche.de: Also doch blühende Landschaften im Jahre 20 nach der Einheit?

Moor: Naja. Einerseits glaube ich, dass der Osten Deutschlands die alten Bundesländer überholen wird, weil wir vielleicht eine kleine Chance haben, dass gewisse Fehler nicht gemacht werden. Solche, die nach der Übernahme der DDR vom Westen versucht wurden, hier zu machen.

sueddeutsche.de: Von welchen Fehlern sprechen Sie?

Moor: Indem man sagte: So, alles was hier ist, ist Scheiße. Jetzt wird mal drübergefahren, jetzt gibt es neue Flächenzonenpläne, jetzt gibt es Großindustrie. Da einen Cargolifter, hier Chipfabriken, dort den längsten Inlineskater-Weg. Nach dem Motto: Jetzt machen wir die blühenden Landschaften auf dem Reißbrett.

sueddeutsche.de: Es könnte sich dabei um notwendige Investitionsförderung handeln.

Moor: In den Ausschüssen irgendwelcher Parlamentarier in Zusammenarbeit mit irgendwelchen Ausschüssen irgendwelcher Wirtschaftskapitäne hat man das alles geplant. Dann kaufen niederländische Investoren das Land quadratkilometerweise, um Biogas zu produzieren und massenhaft Schweine zu züchten. Die bekommen in Holland noch Geld dafür, dass sie ihre Sauereien dort nicht machen. Hier jubeln die Politiker dann über zwölf neue Jobs in der Schweinemastanlage.

sueddeutsche.de: Die Arbeitslosigkeit ist im Osten nach wie vor hoch - trotz all der Milliarden, die hierher geflossen sind.

Moor: Leider viel verlochtes Geld, Gott sei Dank hat nicht alles funktioniert. Diese Wirtschaftswunderrezepte schlagen nicht überall an. Gerade Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern hätten die Chance, es langsamer anzugehen und kleinwirtschaftliche Strukturen entwickeln zu lassen. Nach Prinzipien, die ich in der Schule noch gelernt habe.

"Die Menschen hier suhlen sich nicht in Selbstmitleid."

sueddeutsche.de: Wie lauten die?

Abstimmung im schweizerischen  Appenzell.

Abstimmung im schweizerischen  Appenzell.

(Foto: AP)

Moor: Die Prinzipien von Angebot und Nachfrage, eine Hand wäscht die andere: der Bauer sät und erntet das Korn und das bringt er zum Müller, der bringt das Mehl zum Bäcker. Da kann der Bauer wieder das Brot vom Bäcker kaufen. Das funktioniert hier teilweise noch. Das ist eine echte Chance. Auch neue Tourismuskonzepte: Dass man nicht diese Idylle hat, wie in Bayern oder in der Schweiz - wo man sich jetzt überlegt: Sind uns die Olympischen Spiele wichtiger oder die Wiese? Hier geht das alles langsamer und das ist gut so.

sueddeutsche.de: Woran liegt das, sind die Leute verschlossener?

Moor: Nein, das liegt an anderen Dingen. Hier denkt man oft noch über Generationen und nicht nur für die nächsten zehn Jahre. Hier bleibt viel Geld auch in der Region, weil nicht jeder Euro zu großen internationalen Konzernen getragen wird. Viele Leute denken einfach mit. Wenn sie nur noch nach Polen fahren, weil der Einkauf dort fünf Prozent günstiger ist, oder nur noch bei Aldi Produkte kaufen, die weiß der Geier woher herkommen, brauchen sie sich nicht wundern, wenn ihre Kinder keinen Job kriegen. Wir verlieren, wenn wir mit einer globalisierten Welt konkurrieren. Aber wir gewinnen, wenn wir ein Qualitätsbewusstsein entwickeln, aus dem auch ein Wir-Gefühl resultiert. Das haben die Leute hier kapiert. Und handeln danach.

sueddeutsche.de: Alle denken da nicht mit. Ein massives Problem ist die Landflucht der Jugend: Viele ziehen lieber in die Stadt oder in den Westen und bleiben da - weil es hier kaum Arbeitsplätze gibt. Kann da ihr Modell des Miteinanders etwas ausrichten?

Moor: Die Politik muss natürlich für eine entsprechende Infrastruktur sorgen, die langsam wächst. Wir haben hier ein großes Potential. Ob es genutzt wird, zeigt sich.

sueddeutsche.de: Bitte konkret: Wie soll dieses langsame Wachstum aussehen?

Moor: Zum Beispiel: Dass auch hier auf dem platten Land ein ausreichend schnelles Internet läuft, das ein kleiner oder mittelständischer Betrieb nun mal braucht. Beim Tourismus gibt es die Chance, dass ganz kleine Pensionen und Hotels lernen, was Qualität und Service ist, ohne ein X-Sterne-Grand-Hotel à la Heiligendamm zu werden. In der Landwirtschaft gibt es riesige Chancen: Der Bedarf in Berlin an gesunden und naturnah produzierten Lebensmitteln ist immens und nicht annähernd zu decken. Dann müsste hier aus den Dörfern auch niemand mehr abhauen, weil man im Kleinen Arbeitsplätze geschaffen hat.

sueddeutsche.de: Ist das wirklich so außergewöhnlich? In Ihrer alten Heimat Schweiz gibt es sicherlich solche Netzwerke?

Moor: In der Schweiz habe ich es anders erlebt. Da beackert traditionell jeder seinen eigenen Hof und sagt (fällt ins Schwyzerdeutsche): Da isch der Zaun und da gäht keiner ran und des isch meins." Hier hingegen musste man während der DDR-Zeit zusammenhalten und sich helfen. Wegen der Mangelwirtschaft haben die Leute sich untereinander ausgetauscht. Da hat sensibilisiert für die einfache Frage: Wie können wir einander nützen? Auf den ersten Blick nicht, aber vielleicht auf den zweiten, dritten, vierten Blick. Ich glaube: Der Osten hat eine große Zukunft vor sich.

sueddeutsche.de: Kommen wir zu den Menschen, die hier leben. Sind die Ostdeutschen aus Ihrer Sicht in der Bundesrepublik angekommen?

Moor: Diese Frage stellt sich für mich so nicht. Auch der Westen hat sich ja verändert durch die Vereinigung. Und was frustrierte oder furchtsame Menschen angeht: Gehen Sie mal in eine Stadt gehen wie Saarbrücken oder Opel-City! Da ist permanent Angst - das, was jahrzehntelang wichtig war, könnte bald weg sein. Außerdem suhlen sich die Menschen hier nicht in Selbstmitleid. So sind die hier nicht, es sind keine Jammer-Ossis. Es sind Brandenburger.

sueddeutsche.de: Was charakterisiert diesen Menschenschlag?

Moor: Die so genannten preußischen Qualitäten. Die mögen in Bayern verschrien sein, aber im Rest Deutschlands waren sie hochgeschätzt. Sprich: Zuverlässigkeit, Fleiß und einen Pragmatismus, der zwar wenig Charme hat, aber dafür sehr effizient ist. Ich habe Bekannte, die arbeitslos werden und völlig nüchtern und lösungsorientiert damit umgehen. Die gehen auch nicht erst mal zum Psychologen, sondern erden sofort aktiv. Die versuchen mit aller Kraft, einen neuen Job zu bekommen - mit Hilfe des beschriebenen Netzwerks. Natürlich gibt es Leute, die durch den Rost fallen und in Depression versinken. Die will ich damit auch gar nicht kritisieren.

sueddeutsche.de: Also ist der Begriff "Jammerossi" ein böses Klischee?

Moor: Jaja, die Ossis die ständig maulen und immer nach dem Staat schreien - eine unzulässige Verallgemeinerung. Das ist das, was mich am meisten nervt: Wenn mir westliche Bekannte, die noch nie hier waren, groß erklärt haben, wie das Leben hier ist.

sueddeutsche.de: Viele Westdeutschen ärgern sich, dass sich nach wie vor den Solidaritätszuschlag zahlen. Können Sie das nachvollziehen?

Moor: Da schreien die Westler natürlich zu Recht. Aber sie vergessen oft zweierlei: Die Ostdeutschen zahlen den Soli auch. Und: Der Soli fließt nicht einfach so nach Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Thüringen -sondern in den Bundeshaushalt, der sich in einem katastrophalen Zustand befindet. Es wäre ehrlicher, man schaffte ihn ab und erhöhte die Steuern.

"Der Hauptzorn der Westler: die schicken sechsspurigen Autobahnen im Osten"

Kernkraftwerk in Grohnde

Kernkraftwerk in Grohnde nahe Hameln.

(Foto: dpa)

sueddeutsche.de: Immerhin durchziehen viele neue Autobahnen die neuen Länder, während im Westen viele Straßen bröckeln.

Moor: Das ist, glaube ich, der Hauptzorn der Westler: "Wir bauen euch hier diese schicken, sechsspurigen Autobahnen und wir müssen über die Schlaglöchern holpern." Das ist korrekt. Aber es ist auch ziemlich viel Geld nicht sehr sinnvoll ausgegeben worden. Irgendwelche Einkaufszentren, irgendwelche Fabriken, an denen Bronzeplaketten von irgendwelchen Politikern kleben, die das eingefädelt haben. Die mühsame Arbeit, den Leuten Mut zu machen und kleine, aber lebensfähige Strukturen aufzubauen, wäre richtiger gewesen. Aber dafür wird man nicht berühmt.

sueddeutsche.de: Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck hat sich unlängst bitter über Fehler bei der Einheit beklagt und eine "Anschluss-Mentalität" ausgemacht.

Moor: So wie das damals gelaufen ist, kann ich die Leute verstehen, die die Einheit als bloße Übernahme empfunden haben. Da ist hier auch viel unnötig zerschlagen worden.

sueddeutsche.de: Trotzdem wollten die Ostdeutschen die Wiedervereinigung - inzwischen aber nutzen gerade in den neuen Ländern immer weniger Menschen ihr Wahlrecht, das sie damals erkämpft hatten.

Moor: Sie waren damals glücklich, das stimmt. Es würde hier vielen helfen, wenn sie sich zurückerinnern, welches Glück sie vor 20 Jahren empfunden haben. Daraus kann man viel Selbstbewusstsein und auch Stolz ziehen.

sueddeutsche.de: Dem ist aber nicht so. Warum ziehen sich so viele zurück?

Moor: Wir dürfen nicht vergessen: Die Menschen hatten hier schon häufiger Hoffnungen, die enttäuscht wurden: Sie setzten auf die Weimarer Republik, die mit Schicklgruber (Geburtsname von Adolf Hitlers Vater, Anm. d. Red.) endete, dann auf das angeblich bessere sozialistische Deutschland, das zerbrechen musste, dann kam die Wende samt der verheißungsvollen Einheit, die in der harten Realität mündete. Das prägt sich in den Menschen ein.

sueddeutsche.de: Immerhin sitzt jetzt eine dieser Menschen im Kanzleramt...

Moor: ...von der sie sich aber auch zunehmend allein gelassen fühlen. Herr Gauck sagte - und auch deswegen löste er Euphorie aus - er wolle eine Brücke sein, zwischen "oben und unten". Das war sehr weise: Die Kluft zwischen der Politik und den einfachen Menschen wird als unglaublich groß empfunden. Daher auch die Politikverdrossenheit.

sueddeutsche.de: Kann diese Kluft anders als über Personen überwunden werden?

Moor: Vielleicht bin ich ein naiver Romantiker, aber ich glaube, dass Deutschland reif ist für mehr direkte Demokratie. Ich finde es nicht sehr demokratisch, wenn ich alle vier Jahre Kreuze auf einen Zettel mache, auf dem die Namen von Nasen stehen, die ich eigentlich alle nicht so mag. Die erzählen mir dann vier Jahre lang, nachdem ich sie gewählt habe, in welchen Sachzwängen sie stecken und handeln nicht. Dann lesen die Leute, die einen Strafzettel fürs Falschparken kriegen, dass andere, mächtigere Leute viel Geld verbrennen und völlig straffrei ausgehen. Da fragen sie sich: Wie kann das sein? Diese gefühlte Ungerechtigkeit zwischen denen da unten und denen da oben ist womöglich sogar demokratiegefährdend. Und die Damen und Herren Politiker verarschen uns ja offensichtlich immens.

sueddeutsche.de: Worauf spielen Sie an?

Moor: Das ewige Gerede von der Sicherheit der Atomtechnologie. Und es stellt sich heraus, dass in Asse wie auch in Gorleben einfach gelogen wurde. Oder wenn man nun verfolgt, wie die Regierung von der Atomlobby vorgeführt wurde. Dafür, dass die Konzerne ein kleines bisschen vom Gewinn abdrücken. Bei der Gentechnik verhält es sich ähnlich: Die Befürworter tun so, als seien die Kritiker alles Idioten. Aber: Wir wissen es eben nicht, wie sich der Einsatz gentechnisch veränderter Lebewesen auswirkt. Und wir haben gelernt: Wenn man es nicht weiß, sollte man lieber die Finger davon lassen.

"Die Regierung dem Volk gehorchen und fertig"

Dieter Moor Bauernhof Brandenburg Moderator Schauspieler Wasserbüffel

Dieter Moor mit seinem lieben Vieh.

(Foto: Oliver Das Gupta)

sueddeutsche.de: Sagt das der Intellektuelle Dieter Moor oder der gemeine Brandenburger?

Moor: Ich möchte Ihnen noch ein Beispiel erzählen: Vor einiger Zeit kam ein Vertreter des Gentechnikkonzerns Monsanto hierher, um den dummen Bauern vom Land zu erklären, wie toll die Gentechnik ist. Irgendwann stand ein Landwirt auf und fragte: "Wir leben in einer Demokratie. 70 Prozent der Menschen wollen keine Gentechnik. Wo ist das Problem, warum haben wir's?" Das ist auf den Punkt gebracht. Wenn wir ein Referendum hätten, bei dem Mehrheit die Gentechnik ablehnt, dann wäre das entschieden. Dann müsste die Regierung dem Volk gehorchen und fertig.

sueddeutsche.de: Also ein bisschen mehr Schweiz in Deutschland?

Moor: In jungen Jahren habe ich das System der direkten Demokratie verflucht, weil es so unglaublich träge ist. Aber Volksabstimmungen aktivieren die Menschen, die denken mehr nach, sie reden mehr miteinander.

sueddeutsche.de: In der Schweiz gab es ein Plebiszit zum Minarett-Verbot. Fanden sie das richtig?

Moor: Nein, das war echt Scheiße! Das hatte übrigens ganz infantile Gründe, weil Herr Gaddafi gerade drei Schweizer festgenommen hatte. Dem wollten es meine Landsleute einfach zeigen. Manchmal kommt eben ein doofes Ergebnis heraus.

sueddeutsche.de: Kennen sich Ost- und Westdeutsche gut genug?

Moor: Nein, das dauert wohl noch ein, zwei Generationen. Nach der Wende mochte ich Berlin überhaupt nicht. Hüben wie drüben waren wir zu viele Ängste. Nach dem Rausch des Mauerfalls, nach der Euphorie herrschte Ernüchterung. Die im Westen hatten das Gefühl, sie hätten die klamme Verwandtschaft im Haus, die Ostler meinten: Wir können nix, die anderen gucken auf uns runter. Das ist längst kein großes Thema mehr, das nimmt ab. Ich empfinde übrigens die Unterscheide zwischen Nord und Süd viel größer, als zwischen Ost und West.

sueddeutsche.de: Was meinen Sie?

Moor: Wird ein Bayer jemals einen Hamburger verstehen? Wird ein Bremer jemals verstehen, wie es in Stuttgart tickt? Ich fürchte, nein. Aber ist es notwendig? Ich glaube nicht. Unlängst habe ich ein paar Kultursendungen gemacht für den WDR, unter anderem ging es um die Slangs im Ruhrpott. Die sind verdammt nah am Brandenburgischen. "Watt willste" sagen sie hier wie da.

sueddeutsche.de: Haben Sie eine Erklärung, warum das so ist?

Moor: Vielleicht liegt es daran, dass beide Regionen klassische Einwanderungsgebiete sind. Die Industrialisierung brachte Menschen aus der Ferne an Rhein und Ruhr, auch viele Polen. Hierher, in die Kornkammer Berlins, kamen Hugenotten, Polen und Russen. Und sogar Schweizer.

sueddeutsche.de: Ihre Vorgänger? Sie machen Witze.

Moor: Nein, ganz im Ernst: Wenn hier jemand melkt, nennt man ihn den Schweizer, selbst in den LPG-Betrieben war das so. Die kamen offenbar zu einer Zeit hierher, als die Schweiz das Afrika Mitteleuropas war. Es herrschte große wirtschaftliche Not, die Schweiz war ein Auswanderungsland. Die konnten wenig, außer mit Kühen gut umgehen. Der Alte Fritz soll sie gezielt geworben haben, damit Berlin Käse kriegt.

sueddeutsche.de: Sie sprechen von sich als "Bürger", können aber als Schweizer in Deutschland nicht einmal auf kommunaler Ebene oder bei der Europawahl wählen. Empfinden Sie das als ungerecht?

Moor: Nicht ungerecht, ich kann es ja ändern. Ich überlege, auch die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen. Denn hier ist inzwischen meine Heimat.