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Interview:"Es fehlt an allem"

Joelle Bassoul kümmert sich um syrische Flüchtlingskinder. Sie sieht eine traumatisierte Generation heranwachsen.

Die kleinen Füße stehen im Matsch, draußen herrschen Minusgrade. Ein Junge steht in einem syrischen Zeltlager an der türkischen Grenze. Bilder wie diese erreichen Joelle Bassoul, die für die Kinderrechtsorganisation Save the Children arbeitet, täglich aus der Provinz Idlib. Seit Anfang Dezember, als die Truppen von Syriens Machthaber Baschar al-Assad mit russischer Unterstützung eine Offensive im Nordwesten Syriens gestartet haben, sind nach UN-Angaben 700 000 Menschen aus der Region vertrieben worden, die Hälfte davon sind Kinder. Seit eineinhalb Jahren arbeitet die 44-Jährige Joelle Bassoul mit Partnerorganisationen vor Ort zusammen, sie selbst lebt in der libanesischen Hauptstadt Beirut. So dramatisch wie jetzt, war die Lage in Idlib noch nie, sagt sie am Telefon.

SZ: Wer ist derzeit auf der Flucht?

Die Mehrheit sind Frauen und Kinder, die nicht zum ersten Mal fliehen. Zu Beginn des Krieges vor neun Jahren lebten 1,5 Millionen Menschen in Idlib. Heute sind es 3,5 Millionen. Das sind mehrheitlich Zivilisten, die aus Städten wie Aleppo oder Ost-Ghouta nach Idlib geflohen sind - und jetzt schon wieder ihr weniges Hab und Gut zusammenpacken müssen. Nur ist es diesmal anders.

Inwiefern?

Joelle Bassoul, 44, ist als regionale Medienmanagerin bei Save the Children tätig. Davor arbeitete sie für unterschiedliche Hilfsorganisationen und betreute Länder wie Syrien, Libanon, Jordanien, Irak und die Türkei.

(Foto: Chandra Prasad/CARE)

Die Menschen suchen Zuflucht auf offenen Feldern oder in Dörfern rund um die türkische Grenze. Diese Gegend ist für einen derartigen Ansturm nicht gemacht. Und das wissen die Menschen, bevor sie losfahren. Aber sie haben nun mal keine Wahl, denn es gibt keine andere Himmelsrichtung, in die sie jetzt noch fliehen könnten. Hinzu kommen die kalten Temperaturen. Anders als während der Militäroffensive im vergangenen Sommer suchen die Menschen im Winter nach einem Dach über dem Kopf. Also landen sie in Moscheen, Lagerhallen, Hühnerfarmen - oder in Zeltlagern in Sichtweite zur türkischen Grenze, die längst geschlossen ist. Der Regen hat viele Lager überschwemmt, mittlerweile schneit es nachts. Wir haben jeden Tag die Sorge, dass Menschen erfrieren.

Wie werden die Menschen dort versorgt?

Es fehlt an allem. Es fehlen Lebensmittel, sauberes Trinkwasser, Treibstoff und Strom, um zu heizen. Für Kleinkinder und Schwangere ist diese Lage lebensgefährlich. Die Zelte sind kalt und undicht, oft teilen sich mehrere Familien ein Zelt. Krankheiten können sich dadurch schneller übertragen. Es ist eine explosive Stimmung. Bei der Verurteilung von Hilfsgütern kommt es häufig zu Rangeleien.

Syrische Flüchtlinge auf der Ladefläche eines Lastwagens. Sie sind unterwegs zur türkischen Grenze - doch die ist geschlossen.

(Foto: Ghaith al-Sayed/AP)

Wie reagieren Ihre Partner vor Ort auf diese angespannte Lage?

Das sind selbst syrische Zivilisten, die bei lokalen regierungsunabhängigen Organsationen arbeiten. Irgendwann kommen auch sie in die Situation, dass sie fliehen müssen, um ihre Familien und sich selbst in Sicherheit zu bringen. Sie müssen alte, gebrechliche Menschen zurücklassen, die die Strapazen der Flucht nicht mehr auf sich nehmen können und nun auf sich selbst gestellt sind.

Wie gehen die von Ihnen betreuten Kinder mit dieser Situation um?

Viele von ihnen leider sehr darunter, dass sie seit Monaten nicht mehr in die Schule gehen können. Sie lernen zwar noch neue Wörter, aber das sind dann eher solche wie Streubomben oder Raketen. Darüber sprechen auch schon Vierjährige. Das muss man sich mal vorstellen. Hier wächst nicht nur eine Generation auf, die diese traumatischen Erlebnisse wohl nie ganz verarbeiten wird. Es sind Kinder ohne Eltern, Kinder, die schon mehrere Leichen in ihrem Leben gesehen haben und die sich an Blut längst gewöhnt haben. Es wird auch eine Generation ohne Bildung. Das wird uns noch jahrzehntelang begleiten.

© SZ vom 12.02.2020
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