bedeckt München 28°

Interview:"Ein Restrisiko bleibt"

Gilles Finchelstein, 53, leitet die Fondation Jean-Jaurès, einen Thinktank mit Nähe zur Sozialistischen Partei (PS). Er diente einst linken Ministern wie Dominique Strauss-Kahn als Berater und Redenschreiber.

(Foto: Riegler/Kyro)

Warum der Politikforscher Gilles Finchelstein mit einem Scheitern der Populisten-Chefin rechnet - aber sich nicht ganz sicher ist.

Gilles Finchelstein macht, denkt, ja lebt Politik. Der sozialistische Vordenker, Absolvent der Pariser Vorzeige-Hochschule Sciences Po, sieht Frankreichs Demokratie in explosiver Lage - und warnt seine Landsleute vor einem Restrisiko: Marine Le Pen könne am Sonntag "aus Fahrlässigkeit" gewählt werden.

SZ: Frankreich erlebt gerade, so sagen es viele, eine "Krise des Systems". Die alte Parteienordnung zerbricht, und Emmanuel Macron, Ihr vermutlich nächster Präsident, verspricht nichts weniger als eine "Revolution".

Gilles Finchelstein: Ja, alles verändert sich. Ich sehe Frankreichs Demokratie in einer Art gasförmigen Aggregatzustand: Die Dinge sind nicht mehr fest und solide, auch nicht nur im Fluss - sondern viele Gewissheiten lösen sich einfach in Luft auf. Das hat uns der erste Wahlgang schlagartig bewiesen.

Gasförmig, was soll das denn konkret heißen?

Gasförmig bedeutet: instabil, ohne Form - und explosiv. Der Reihe nach. Erstens, warum instabil? Weil die Wähler extrem mobil sind, mehr denn je. 60 Prozent aller Franzosen haben seit Ende Januar, seitdem alle wichtigen Kandidaten feststanden, bis zum Wahltag am 23. April mindestens ein Mal ihre Entscheidung verändert. Zweitens ohne Form: Die alte Bipolarität mit zwei großen Parteien - den Sozialisten und der bürgerlichen Rechten - ist vorbei. Wir haben diesmal vier verschiedene Frankreichs gesehen, vier Lager, die sich um die vier wichtigsten Kandidaten scharten. Und drittens ist die Lage hochgradig explosiv.

Frankreichs Demokratie könnte in die Luft fliegen?

Ich meine damit, dass wir inmitten dieser höchst labilen Situation einen festen, soliden Block haben - den Front National. Das ist eine Partei, die erklärtermaßen "das System" sprengen will. Der Einzug des FN in die Stichwahl hat diesmal niemanden überrascht. Marine Le Pen hat im ersten Wahlgang mehr als 20 Prozent bekommen - und das Land nimmt das hin, als sei nichts geschehen.

Ist der Front National also Gewinner dieser Kampagne - selbst, wenn Le Pen die Wahl verliert?

Nein, so würde ich es nicht sagen. Der Front hat zwar Wurzeln geschlagen in der Amtszeit von François Hollande. Was früher für den FN der Deckel war - Ergebnisse um die 20 Prozent -, ist heute sein Sockel. Dennoch war das Ergebnis des ersten Durchgangs eine Enttäuschung für Le Pen. Ihr Ziel war es, vorn zu liegen, sie wollte mehr als 25 Prozent. Das hat sie nicht geschafft. Sie hat einen miserablen Wahlkampf geführt. Sie wählte das falsche Thema. Oberste Sorge ihrer Wähler ist die Angst vor Überfremdung, vor zu vielen Immigranten. Stattdessen hat Madame Le Pen Wahlkampf gegen Europa und den Euro gemacht - und so konservative Wähler abgeschreckt. Deshalb landete sie bei 21,3 Prozent. Das ist zwar viel. Aber das war nicht die Dynamik, die sie für die Stichwahl gebraucht hätte.

Also wird Frankreichs Demokratie nicht explodieren, Le Pen kann 2017 nicht gewinnen. Noch nicht?

Ich glaube nicht, dass sie es schafft. Wer in Frankreich Präsident werden will, braucht normalerweise 18 oder 19 Millionen Stimmen. Selbst wenn 30 Prozent der Franzosen am Sonntag nicht wählen gingen, benötigte sie noch immer 15 Millionen Stimmen. Das schafft sie nicht, Marine Le Pen kriegt keine 18 und auch keine 15 Millionen Stimmen - unmöglich! Was als ein Restrisiko bleibt, ist, dass sie quasi aus Versehen gewählt wird - aus Fahrlässigkeit. Wenn am Sonntag plötzlich mehr als 40 Prozent der Franzosen zu Hause bleiben und denken, es würden sich schon genug andere aufraffen und Emmanuel Macron wählen - dann allerdings haben wir ein Problem.

Was war die prägende Kraft bei dieser Wahl: Noch die alte Links-rechts-Konfrontation - oder mehr der Konflikt zwischen "oben" und "unten"?

Die Kluft zwischen links und rechts schwindet, das ist ein Trend seit mehr als 30 Jahren. Der Links-rechts-Gegensatz scheint zweitrangig geworden zu sein - jedenfalls, wenn wir nur auf das hören, was die Kandidaten sagen. Für Marine Le Pen heißt das Duell "Globalisierer gegen Patrioten", und Emmanuel Macron spricht vom Kampf zwischen "Progressisten gegen Konservative".

Also eine neue Schlachtordnung?

Vorsicht! Die Lage ist komplizierter, wenn Sie das tatsächliche Verhalten der Wähler zum Maßstab nehmen. Das zeigen uns Analysen: Wenn Sie wissen wollen, wie ein Franzose an diesem Sonntag abstimmt, dann müssen Sie ihn fragen, wo er sich selbst einordnet auf der Achse von links bis rechts.

Links-rechts, das zählt doch noch mehr?

Aber ja, bei Weitem! Kein Kriterium ist so zuverlässig. Diese politische Kultur sitzt tief. In der Stichwahl haben wir nun zwei Trennlinien. Erstens den Gegensatz "offene" gegen "geschlossene" Gesellschaft, Macron und Le Pen verkörpern diese ideologische Kluft idealtypisch. Aber es kommt eben noch eine zweite Entscheidungslinie hinzu, eine rein politische Frage: Akzeptiert man eine rechtsextreme Regierung? Diese Frage trennt links und rechts wie ein Graben. Und das ist der Grund, warum sich Marine Le Pen täuscht, wenn sie etwa glaubt, diese Präsidentschaftswahl sei eine Wiederholung des Referendums über die EU-Verfassung von 2005. Nein, die Wähler der radikalen Linken verspüren keinerlei Nähe zur extremen Rechten.

Also "Front républicain" gegen den Front National? Demokratische Linke und Rechte in der Wahlkabine vereint gegen Rechtsextreme?

Unterm Strich, ja. Die republikanische Front ist lädiert, aber sie steht, von Nicolas Sarkozy und François Fillon bis weit nach links - auch wenn Jean-Luc Mélenchon sich ziert. Die radikale Linke wird nicht massiv für Le Pen stimmen. Etwas mehr als zehn Prozent der Mélenchon-Wähler vielleicht, mehr nicht! Auf der Rechten sind es mehr: Wohl ein Drittel der Fillon-Wähler dürfte für Le Pen votieren. Leider.

© SZ vom 06.05.2017

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite