Kinder von Extremisten "Wir dürfen Kinder nicht als Sicherheitsrisiko brandmarken"

Kita

Kinder, deren Eltern Extremisten sind, brauchen Hilfe von geschulten Pädagogen.

(Foto: picture alliance / dpa)

30 000 Straftaten haben Extremisten 2017 begangen - erwachsene Menschen, die zum Teil eine Familie haben. Was macht es mit Kindern, von klein auf einem extremistischen Weltbild ausgesetzt zu sein?

Interview von Helena Ott

Der Verfassungsschutz veröffentlichte Anfang August einen Bericht zu dschihadistischer Sozialisation bei Kindern: In Deutschland lebe eine "niedrige dreistellige Zahl dschihadistischer Familien" mit einer "mittleren dreistelligen Zahl" an Minderjährigen und jungen Erwachsenen - die meisten von ihnen jünger als acht Jahre alt. Seit 30 Jahren macht sich Thomas Mücke Gedanken, wie man Kinder vor extremistischen Weltbildern schützen kann. Er ist Politologe und Pädagoge und Mitbegründer des Vereins "Violence Prevention Network".

SZ: Woran bemerkt man, dass sich ein extremistisches Weltbild bei Kindern bildet?

Thomas Mücke: Wenn das Kind etwas emotional belastet. Wenn das Kind sehr strikt anmerkt, was es darf und was nicht. Geht es um religiösen Extremismus, sagen Kinder dann zum Beispiel was "haram" ist und was nicht. Wir hatten auch schon den Fall, dass in der Grundschule so radikale Sätze fielen wie: "Alle Juden oder Ungläubigen müssen umgebracht werden." Aber das gilt nicht nur für Kinder, die religiösem Extremismus ausgesetzt sind, sondern auch für Kinder von Rechtsextremen oder Reichsbürgern. Die Gefahren für Kinder sind in allen Fällen sehr ähnlich.

Was ist so gefährlich, wenn Kinder Eltern aus dem extremistischen Umfeld haben?

Das größte Problem ist, dass diese Kinder nicht dazu erzogen werden, sich zu eigenständigen freien Persönlichkeiten zu entwickeln. Sie wachsen mit einem sehr einfachen geschlossenen Weltbild auf. Jede Form von Ablehnung, Hass, Gewalt führt außerdem dazu, dass Kinder ihr natürliches Empathievermögen verlieren können. Das passiert auch, wenn ihnen selbst nicht genügend Anerkennung und Einfühlung entgegengebracht wird. In solchen Milieus werden bestimmte Gruppen entmenschlicht. In der Beratung merken wir aber immer wieder, dass solche Gerüste bei Kindern auch schnell zum Einsturz gebracht werden können.

Thomas Mücke, 60, Politologe und Pädagoge, engagiert sich seit 30 Jahren in der Deradikalisierungsarbeit mit Jugendlichen.

(Foto: Robert Haas)

Hat das familiäre Umfeld den größten Einfluss auf Kinder, wenn es um Radikalisierung geht?

In der praktischen Arbeit beobachten wir, dass die Gruppe der Gleichaltrigen eine größere Rolle spielt. Gleichzeitig ist ein Kind, das von Extremisten großgezogen wird, schwieriger von einem solchen Weltbild zu lösen. Weil eben das unterstützende soziale Umfeld bei der Deradikalisierung fehlt. Die Kinder müssen sich dann ja nicht nur von einer Ideologie distanzieren, sondern auch von ihrer Familie.

Was kann die Gesellschaft tun, um so eine Sozialisation zu durchbrechen?

Wir dürfen die Kinder nicht als Sicherheitsrisiko brandmarken. Wir müssen gerade sie liebevoll stärken, zeigen, dass sie uns nicht egal sind. Kinder lernen nicht nur von ihren Eltern. Sie müssen an anderen Orten erfahren, was es heißt, ein frei denkender Mensch zu sein, vorbehaltslos und respektvoll miteinander umzugehen.

Welche Haltung haben Sie zu den aktuellen Überlegungen des Innenministeriums, ob auch unter 14-Jährige vom Verfassungsschutz beobachtet werden dürfen?

Der Verfassungsschutz ist die falsche Behörde, um sich mit ihnen zu befassen. Nicht die Sicherheit, sondern das Kindeswohl muss im Vordergrund stehen. Da sind die Jugendämter zuständig. Die Beobachtung durch den Verfassungsschutz kann sich außerdem sehr negativ auswirken: Wenn Menschen erfahren, dass man ihnen schon in jungen Jahren mit so viel Misstrauen begegnet ist, fällt es ihnen wesentlich schwerer, sich später mit diesem Staat zu identifizieren.

Wie kommt man an Kinder in extremistisch geprägten Familien heran?

Entscheidend ist, dass das Personal in Kindergärten und Schulen sensibel ist. Sie müssen keine Radikalisierungsexperten sein, aber erkennen, wenn mit einem Kind etwas nicht stimmt, und sie dürfen nicht zögern, sich Hilfe zu holen. Einmal sind wir von einem Lehrer verständigt worden, dass eine Schülerin sich anders kleidet und nicht mehr zugänglich ist. Da stand das Mädchen kurz vor der Ausreise in ein Kriegsgebiet. Die Deradikalisierungsarbeit, die auf so einen Hinweis folgt, ist keine kurzfristige Pädagogik. Wir müssen erst eine Vertrauensbeziehung aufbauen. Dann haben wir die Erfahrung gemacht, dass es Schritt für Schritt gelingen kann, dass die Kinder auf Distanz zu Gewalt und Extremismus gehen.

Macht es Sinn, Kinder von Extremisten von ihren Eltern zu trennen?

Das ist extrem problematisch. Jedes Kind hat das Recht, bei seinen Eltern aufzuwachsen. Eltern sind einmalig und nur in seltenen Fällen ersetzbar. Erst wenn es konkrete Hinweise gibt, dass das Kindeswohl gefährdet ist, entscheidet ein Familiengericht über einen möglichen Sorgerechtsentzug. Auch das ist aber riskant für die Kinder. Am wichtigsten ist, dass sie begleitet und mit ihrer familiären Lage nicht alleingelassen werden.

Aber geht das nicht wiederum nur mit Einverständnis der Eltern?

In radikalen Elternhäusern ist es tatsächlich sehr schwierig, einen Zugang zu den Kindern zu bekommen. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass man zum Beispiel an Rechtsextreme mit sehr geschlossenem Weltbild manchmal gerade dann herankommt, wenn sie Kinder bekommen. Sie sehen plötzlich die Verantwortung ihrer Elternrolle und es hat Einfluss auf sie, wenn man ihnen sagt, dass sich ihre Kinder so psychisch nicht gesund entwickeln.

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