Internationale Zusammenarbeit:Nachbarstaaten entfremden sich von Russland

People wait for a boat next to an electronic screen showing live nationwide broadcasted call-in attended by Russian President Putin, at Artillery Bay in Sevastopol

Menschen auf der Krim: Die völkerrechtswidrige Annexion der Halbinsel durch Russland hat die Kluft zu Europa vertieft.

(Foto: Pavel Rebrov/Reuters)
  • Die Körber-Stiftung hat 1000 Menschen in Deutschland, Russland und Polen zu den Beziehungen der Länder befragt.
  • Die Antworten der Beteiligten sind ernüchternd: Etwa die gemeinsame Geschichte sieht nur eine Minderheit als verbindendes Element der Gesellschaften an.
  • Vor allem der Ukraine-Konflikt wird von den Menschen als Ursache für die Verschlechterung der Beziehungen gesehen.

Von Julian Hans

Dass die politischen Beziehungen zwischen Russland und Europa kriseln, ist bekannt. Wie fremd sich auch die Gesellschaften geworden sind, zeigt jetzt eine Studie, die die Körber-Stiftung am Freitag der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Zwar ist eine Mehrheit der Russen, Polen und Deutschen der Überzeugung, dass Russland zu Europa gehört. Aber das ist fast schon die einzig positive Nachricht, die aus der Untersuchung hervorgeht, für die im Sommer jeweils etwa 1000 Personen in allen drei Ländern befragt wurden.

Bei näherer Betrachtung ergibt sich das Bild einer tiefen Entfremdung zwischen den Nachbarstaaten. Während in Polen 57 Prozent und in Deutschland 56 der Befragten der Aussage zustimmten, Russland sei Teil Europas, ist in Russland nur knapp jeder Zweite dieser Ansicht - 49 Prozent.

Wenige kulturelle Gemeinsamkeiten

Die Begründungen, die für eine Zugehörigkeit Russlands zu Europa genannt werden, müssen Befürworter einer Versöhnung ernüchtern: Mehrheitlich wird die geografische Lage auf dem Kontinent als Grund genannt. Auch die wirtschaftliche Verflechtung spielte für die Befragten eine gewisse Rolle.

Aber die gemeinsame Geschichte sehen in Deutschland nur 21 Prozent als verbindendes Element, in Polen nur 17, in Russland sogar nur 13 Prozent. Kulturelle Gemeinsamkeiten kann in allen drei Ländern nur einer von zehn Befragten erkennen. Gemeinsame Werte von Russen und Europäern sehen nur ganz wenige - vier und fünf Prozent in Deutschland und Russland, in Polen sogar nur ein Prozent.

"Entmutigend" sei das, sagt Gabriele Woidelko, die bei der Körber-Stiftung für "Russland in Europa" verantwortlich ist. Als sich nach der Annexion der Krim die Gräben vertieften, hat die Stiftung das Thema zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit gemacht. "Es besteht die Gefahr, dass sich auch die Gesellschaften im Osten Europas auseinander entwickeln", warnt die Historikerin. In allen drei Ländern sieht eine Mehrheit den Ukraine-Konflikt und die in dessen Folge verhängten Sanktionen als Ursache für die Verschlechterung der Beziehungen an. Selbst in Russland äußerten nur 24 Prozent der Befragten die Ansicht, die Osterweiterung der Nato sei der Grund.

Immerhin wünscht sich die Mehrheit eine Wiederannäherung

Die Stiftung will Begegnung und Austausch fördern, vorrangig zwischen den Gesellschaften, aber auch zwischen Experten. Auf einer Konferenz in Hamburg sprachen am Donnerstag unter anderem die Moskauer Publizistin Irina Scherbakowa und Herta Müller über das Erbe der Diktaturen im postsowjetischen Europa und den langen Weg zur Freiheit.

Viele russische Vertreter würden gern die Schiene Berlin-Moskau wiederbeleben, hat Woidelko beobachtet. Das Programm "Russland in Europa" wolle aber gerade den Eindruck vermeiden, da redeten zwei starke Mächte über die Köpfe der Kleineren hinweg. Deshalb sitzen immer auch die Nachbarn aus den baltischen Staaten und aus Polen mit am Tisch.

Immerhin wünscht sich eine Mehrheit der Menschen in allen Ländern eine Wiederannäherung, wenngleich dieser Wunsch unterschiedlich stark ausgeprägt ist: 95 Prozent der Deutschen und 80 Prozent der Polen ist das wichtig. In Russland nannten nur 66 Prozent der Befragten diesen Wunsch.

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