bedeckt München 31°

Intendant der Münchner Kammerspiele:"Til Schweiger - das Rambo-Ideal der Law-and-Order-Menschen"

Vor kurzem bekundete Schauspieler Til Schweiger öffentlich, eine Unterkunft für Geflüchtete bauen zu wollen. Auch ein beispielhaftes Projekt?

Ich finde es großartig, wie plötzlich Til Schweiger - das Rambo-Ideal der Law-and-Order-Menschen - für Verwirrung sorgt und seine Fans mit seinem Lobbying für Flüchtlinge überrascht. Ob er das Haus letzten Endes bauen kann oder nicht, ist mir fast wurscht. Dafür, dass Menschen, die Til Schweiger gut finden, aber Flüchtlinge vielleicht nicht, jetzt verwirrt sind, bin ich ihm unendlich dankbar.

Einzelnen Engagierten steht eine satte Mittelschicht gegenüber, die mehr oder weniger zufrieden auf die Politik der großen Koalition blickt.

Ich interessiere mich von jeher eher wenig für die Satten. Ich finde, wir könnten unsere Ansprüche an die Gesellschaft, in der wir leben wollen, ruhig etwas höher schrauben. An eine Gesellschaft, die uns Spaß macht. Wie sehr wir uns von Frau Merkel einlullen lassen! Wir haben eigentlich genug Probleme, die wir angehen sollten. "Merkeln" liegt nicht zufällig vorne bei der Wahl zum Jugendwort des Jahres. Es beschreibt treffend die Fähigkeit, jegliche Diskussion überflüssig zu machen.

Frau Merkel wird aber gerade von der internationalen Presse derzeit sehr gelobt für ihren Einsatz für Flüchtlinge. Ein Grund, stolz auf Deutschland und die Bundesregierung zu sein?

Stolz bin ich darauf nicht - ich finde, das ist eine Selbstverständlichkeit angesichts der momentanen Lage. Andererseits wird das Land das so nicht auf Dauer durchhalten, wenn jeden Tag Tausende Flüchtlinge ankommen. Das ist das erste Mal seit langem, dass Merkel mit ihrer Taktik des Aussitzens nicht weiterkommen wird. Sie muss entweder eine gesamteuropäische Lösung durchdrücken oder einen Rückzieher machen. Jetzt steht sie vor einer echten Herausforderung - und darüber freue ich mich.

Münchner Kammerspiele:

Sie gelten als eines der bedeutendsten Sprechtheater Deutschlands - Lilienthal will, dass die Kammerspiele "ein hervorragendes Sprechtheater und eine gute Off-Bude" sind. Die Spielzeit 2015/16 startet mit dem Projekt Shabbyshabby Apartments und einem Vortrag von Niklas Maak über das Leben in der Stadt.

Sie bezeichnen sich selbst als jemanden, der pöbelnd in der dritten Reihe sitzt. Vor und nach Ihren Auftritten verschwinden Sie gerne im Publikum vor der Bühne. Was finden Sie dort?

Ich fühle mich im Inneren immer noch als Teil einer studentischen Szene, auch wenn ich mich manchmal zwangsweise daran erinnern muss, dass ich jetzt objektiv Teil der oberen Bourgeoisie geworden bin. Ich suche also vor allem einen kollektiven Assoziationsraum. Ich will wissen, wie die Leute ticken.

Ein Theatermacher ist also auch Seismograf, ähnlich wie Politiker?

Ja, irgendwie schon. Nur suchen Politiker nach Wegen, wie Sie sich die Stimmen der Wähler sichern können. Ich dagegen will nerven.

  • Leser-Aufruf - Stellen Sie Matthias Lilienthal Ihre Fragen: