CDU: Integrations-Debatte "Seehofer schadet dem inneren Frieden"

Was CSU-Chef Seehofer über Türken sagt, ist vor allem für die gut integrierten Einwanderer frustrierend, sagt Ertan Taskiran. Der Chef des Deutsch-Türkischen Forums der CDU Berlin ist entsetzt über die Querschläger aus München.

Interview: M. Schulte von Drach

Ertan Taskiran (40) ist in Berlin stellvertretender Vorsitzender des CDU-Kreisverbands Friedrichshain/Kreuzberg. Zudem leitet er das Deutsch-Türkische Forum der CDU Berlin. Er arbeitet für ein Unternehmen im Bereich Umwelt.

Ertan Taskiran ist der Vorsitzende des Deutsch-Türkischen Forums der CDU Berlin.

(Foto: Ertan Taskiran)

sueddeutsche.de: CSU-Chef Horst Seehofer sagt, dass Türken und Arabern die Integration schwerer falle, weil sie aus einem anderen Kulturkreis kommen. Ist die Integration von Türken und Arabern besonders schwierig?

Ertan Taskiran: Ich finde die Äußerungen von Herrn Seehofer schockierend. Man kann Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis kommen oder eine andere Religion haben, nicht einfach unter einen Generalverdacht stellen. Wir können nicht einfach sagen, dass Menschen mit einer bestimmten Religion, Nationalität oder ethnischen Zugehörigkeit nicht mehr kommen sollen, weil das im Interesse Deutschlands sei. Seehofers Äußerungen schaden den Integrationsbemühungen der Menschen in der zweiten, dritten und vierten Einwanderergeneration.

sueddeutsche.de: Wieso das?

Taskiran: Diese Menschen identifizieren sich doch bereits sehr gut mit Deutschland. Sie fühlen sich hier wohl und identifizieren sich immer mehr mit Deutschland. Die WM in Südafrika hat zum Beispiel gezeigt, dass sie zur deutschen Nationalmannschaft halten. Wenn sie Äußerungen wie die von Herrn Seehofer hören, denken sie: 'Egal, was wir machen, die akzeptieren uns einfach nicht.' Deshalb bin ich zum Beispiel sehr froh über die Feststellung des Bundespräsidenten in seiner Rede zur Wiedervereinigung, dass der Islam ein Teil Deutschlands ist.

sueddeutsche.de: Dass manche Menschen sich mit der Integration schwertun, ist aber doch eine Tatsache.

Taskiran: Die überwiegende Mehrheit der Muslime ist integriert. Sicher gibt es immer Menschen, die Schwierigkeiten haben. Aber dieses Problem kann man nur lösen, indem man sich ernsthaft damit beschäftigt, und nicht, indem man Muslime, Türken oder Araber ausgrenzt. Solche Äußerungen wie die von Herrn Seehofer sind da nicht hilfreich. Das schadet dem inneren Frieden.

sueddeutsche.de: Einer Emnid-Umfrage zufolge sind 59 Prozent der Deutschen der Meinung, die Mehrheit der Muslime sei nicht bereit, das Grundgesetz für sich persönlich zu akzeptieren.

Taskiran: Wenn das so ist, dann müssen die Muslime mehr Aufklärungsarbeit machen, um es zu widerlegen. Sie müssen darüber diskutieren. Man muss sehen, welche Fehler die Gemeinden oder die Organisationen machen. Seit einigen Jahren gibt es bundesweit den Tag der offenen Moschee, an dem mehr als 100.000 Deutsche teilnehmen und sich über den Islam informieren. Es muss aber offenbar noch mehr getan werden.

sueddeutsche.de: Bundesbildungsministerin Annette Schavan fordert, Muslime müssten Gewalt im Namen ihrer Religion, Zwangsverheiratungen und Ehrenmorde verurteilen.

Taskiran: Natürlich müssen sie sich davon distanzieren. Das ist auch passiert, wahrscheinlich noch nicht deutlich genug. Auf der anderen Seite funktioniert das Zusammenleben eigentlich sehr gut. Denken Sie an das Fußballspiel zwischen Deutschland und der Türkei. Da haben mitten in Kreuzberg alle zusammen, Deutsche und Türken, auf einem deutsch-türkischen Sportfest das Spiel gemeinsam angeschaut und anschließend gemeinsam gefeiert. Und ein Türkischstämmiger traf für Deutschland.

sueddeutsche.de: Und die Defizite?

Taskiran: Die muss man gemeinsam bewältigen. Über Jahrzehnte sind da von den Deutschen und Türken viele Fehler gemacht worden. Man hat die Integration nicht so gestaltet, wie es wünschenswert war. Seit gut vierJahren gibt es aber erhebliche Integrationsbemühungen auf beiden Seiten. Denken Sie an die Islamkonferenz, an die Gespräche mit islamischen Gemeinden und mit islamkritischen Persönlichkeiten. Jetzt muss das, was besprochen wurde, auch umgesetzt werden.

sueddeutsche.de: Was glauben Sie, welche Absicht Seehofer mit seinen Äußerungen verfolgt?

Taskiran: Fragen Sie dazu am besten Herrn Seehofer. Natürlich sollte man über Integration sprechen, ganz offen und ehrlich. Auch zuspitzen darf man - aber nicht ausgrenzen.

sueddeutsche.de: Wie sollten Angela Merkel und die CDU auf Seehofer reagieren?

Taskiran: Die Debatten finden in der Union ja statt, auch sehr kritisch. Das ist auch gut so. Und Angela Merkel hat gerade erst zusammen mit dem Ministerpräsidenten der Türkei, Recep Erdogan, klar gesagt, dass die Integration der hier lebenden Türken vorangetrieben werden muss.

sueddeutsche.de: Kenan Kolat von der türkischen Gemeinde in Deutschland fordert, Seehofer müsse sich entschuldigen, weil seine Aussagen diffamierend seien.

Taskiran: Es wäre gut, den Druck rauszunehmen und ich wünsche mir von ihm eine Klarstellung. Und ich möchte von ihm hören, welche konkreten Maßnahmen er zur Integration vorschlägt.