Integration und Ignoranz "Mit einem Schlag das Gefühl, dass wir unsichtbar geworden sind"

Dabei ist Ataman nicht nur über das Ende für Özoğuz entsetzt. Für sie ist fast noch schlimmer, dass die SPD sich nicht mal um Ersatz bemühte. Keine Migrantin, kein Mann mit ausländischen Wurzeln in der Regierung? Kaum ein positives Signal zu Integration und Vielfalt im Koalitionsvertrag? "Durch dieses Handeln hat die SPD deutlich gemacht, dass sie unsere Belange nicht mehr interessieren." Gerade jetzt, da man der AfD etwas entgegensetzen müsse, lasse die SPD alle Bemühungen fahren. "Wir, die wir hier schon lange leben, haben mit einem Schlag das Gefühl, dass wir unsichtbar geworden sind - und es nur noch Geflüchtete und besorgte Bürger gibt."

Ähnlich scharf geht Yasemin Shooman mit Union und SPD ins Gericht. Shooman leitet die Akademieprogramme des Jüdischen Museums in Berlin und auch sie beklagt eine neue, gefährliche Spaltung. "Das Selbstverständnis als plurale Gesellschaft geht flöten", so Shooman. "Stattdessen ist die Angst sehr präsent, die von der AfD geschürt wird." Es fehle den großen Parteien an Strategien, dem neuen Trend positiv entgegenzuwirken. "Die Politik lässt sich von der AfD treiben."

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Der türkisch-kurdische Filmemacher Züli Aladaq öffnet den Blick noch weiter. Er hat einen Dokumentarfilm über die Opfer des NSU-Terrors gedreht - und erlebt den Rückschritt der großen Parteien beim Bemühen um die gut 16 Millionen Migranten als "erschreckendes Zugeständnis an die Rechten und die Populisten". Die Stimmung kippe, und niemand in den großen Parteien tue etwas dagegen. "Mit der Dominanz des Klimas durch die AfD ist die Empathie für uns verloren gegangen."

Aladaq verweist bei aller Enttäuschung aber auch auf die Diskrepanz zwischen der Politik und jenen gesellschaftlichen Entwicklungen, die ein ganz anderes Deutschland zeigten. Das beweise ausgerechnet einer wie Dieter Bohlen. Wer sich dessen RTL-Show "Deutschland sucht den Superstar" ansehe, stelle schnell fest, wie bunt das Land längst sei. Hier nämlich gehe es nicht um Herkunft, sondern ausschließlich um das Talent. "Echte Integration? Gibt es in der Fußballnationalmannschaft und bei Bohlen", sagt Aladaq.

Die Grünen könnten die gefühlte Leerstelle besetzen

Welche Konsequenzen das Entsetzen unter Migranten für eine Partei wie die SPD haben könnte, zeigt Naika Foroutan. Die Berliner Migrationsforscherin, die der SPD seit Jahrzehnten verbunden ist, ließ ihrem Zorn jüngst freien Lauf, ausgerechnet auf einem Parteitreffen der Grünen. Foroutan betonte, dass sie die SPD bei diesem Thema weitgehend aufgegeben habe. Sollten die Grünen mehr als bisher in die Bresche springen, werde sie viele neue Unterstützer mitbringen. Die Verletzungen durch die AfD und der Frust über den gefühlten Rückzug der SPD sitzen tief, auch bei eingefleischten Sozialdemokraten.

Kleines Experiment: Anruf bei der SPD-Parteizentrale; eine nette Dame aus der Telefonzentrale meldet sich. Auf die Frage, wer künftig im Willy-Brandt-Haus für Integration zuständig sei, sagt sie: "Au, das kann ich Ihnen so schnell nicht sagen." Sie sucht nach Anschlüssen in Referaten oder Stabsstellen. Dann meldet sie sich wieder. "Eine Nummer habe ich nicht. Aber eine Mail-Adresse." Es ist die alte Adresse von Özoğuz im Kanzleramt.

Als ob es noch keiner gemerkt hat.

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