SZ-Serie "Schaffen wir das", Folge 11:Eine politische Diskussion, die am Körper von Frauen ausgetragen wird

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Es ist vor allem diese fast alles verhüllende Form, die vielen Konservativen widerstrebt. So kritisierte Julia Klöckner, Vize-Vorsitzende der CDU, die Leihburkinis des Herner Gymnasiums im Juni als "vorauseilenden Gehorsam und ein Einknicken vor fundamentalistischen Elternhäusern". Damit zementiere die Schule ein frauendiskriminierendes Rollenverständnis. Gegen den Burkini lassen sich dieselben Argumente anführen wie gegen andere Ganzkörperverhüllungen. Es ist eine politische Diskussion, die am Körper von Mädchen und Frauen ausgetragen wird.

Franziska Giffey, die Familienministerin von der SPD, wägt ab: Zwar befürworte sie Burkinis im Schwimmunterricht nicht. Aber Schulleiter hätten mit Burkinis eine pragmatische Lösung gefunden, die man nicht verurteilen sollte. Konservative muslimische Eltern würden ihre Töchter ansonsten eben fürs Schwimmen krankschreiben. "Für mich ist das Vermitteln einer Überlebenstechnik wichtiger als die Badebekleidung", betont Giffey.

  • Merkel hat vor drei Jahren gesagt: "Wir schaffen das!" Was ist aus den Flüchtlingen geworden, die seit 2015 geblieben sind? In der Serie "Schaffen wir das?" gibt die SZ jede Woche Antworten.

Schwimmen lernen wollen auch die meisten Besucherinnen des Frauenbadetags. Eine trägt Schwimmflügel, eine andere zieht einen Schwimmreifen durchs Wasser. Darin sitzt ein kleines Mädchen im rot-weiß gepunkteten Badeanzug, eine Barbie in der Hand. Es herrscht eine entspannte, heitere Atmosphäre im Bad.

Mary ist zum ersten Mal in ihrem Leben im Schwimmbad. Die 28-Jährige hat im Irak Chemie studiert, ehe sie mit Eltern und Bruder vor drei Jahren fliehen musste. Kaum steht sie im Wasser, beginnt sie zu strahlen. Sie hält sich am Beckenrand fest und macht die Beinbewegungen nach, die Britta Coy ihr vormacht. "Beine anziehen, ausstrecken und zusammen - Coy wiederholt das immer wieder. Mary lässt sich auch auf dem Rücken liegend durchs Becken ziehen. "Das Wasser fühlt sich gut an," sagt sie, "aber Schwimmen muss ich noch lernen." Das ist für Erwachsene nicht einfach. Arme und Beine führen zeitgleich unterschiedliche Bewegungen aus, dies in einem ausgereiften Gehirn zu verankern, ist schwierig. Doch Mary lässt sich nicht abschrecken. In ihrer Heimat war Schwimmen den Männern vorbehalten. Das sagen auch die Afghaninnen und prusten los, so abwegig erscheint ihnen die Frage, ob es für sie wirklich gar keine Möglichkeit zum Schwimmen gegeben habe.

Reine Frauenangebote sind wichtig für die Integration

Unbekannt sei in vielen Herkunftsländern der Geflüchteten auch das Konzept Sportverein, sagt Conny Baumann. Die 61-Jährige hat beim Bayerischen Landessportverband (BLSV) das Bundesprogramm "Integration durch Sport" aufgebaut. Das Programm startete 1989 für Spätaussiedler. Während Baumann früher gegen Vorbehalte in den Vereinen kämpfen musste, wandten sich seit 2015 viele Vereine an sie. Sie wollten Geflüchteten helfen, waren jedoch überfordert - finanziell und kulturell. Baumann initiierte rasch eine kostenlose Sportversicherung.

Immer wieder erklärt sie Vereinen, warum auch ein Team, das ausschließlich aus Migranten besteht, oder reine Frauenangebote wichtig sind für die Integration. Das Argument, dass "die Neuen" dann wieder nur unter sich sind, kann sie nicht mehr hören. "Irgendwo muss man ja anfangen, und die Frauen müssen sich erst einmal sicher fühlen." Für viele Musliminnen sei Sport in gemischten Gruppen "erst mal nicht vorstellbar". Doch auch wenn sie unter sich blieben, gewönnen sie durch den Sport Selbstvertrauen und lernten Regeln, die in deutschen Sport- und Schwimmhallen gelten. Zum Beispiel, dass man in Sporthallen Schuhe mit hellen Sohlen tragen oder sich duschen muss, ehe man ins Becken steigt. Immer seien da auch andere Migranten, die Vorbild sind, weil sie bei der Integration schon weiter sind. Um Brücken zu schlagen, bildet der BLSV seit zehn Jahren Migrantinnen zu Sportassistentinnen aus, die Übungsleiter unterstützen.

Wie wichtig niederschwellige Sportangebote für Migrantinnen sind, wird nach ein paar Stunden im Volksbad klar. Viele erzählen, wie sehr das Wasser ihnen helfe, runterzukommen und abzuschalten. "Die Bewegung vermittelt ein neues Körpergefühl", sagt Coy. Sie ermöglicht geflüchteten Frauen mit ihrer Organisation "Juno" verschiedene Sportarten auszuprobieren. Juno ist eine römische Göttin, sie verkörpert Vitalität, in ihrem Tempel bot sie Frauen Schutz. Ein passender Name für die jüngste Abteilung des bereits 1894 gegründeten Vereins für Fraueninteressen.

Eine, die kein Sportangebot von "Juno" auslässt, ist Neda. Die 34-Jährige erzählt vom Boxtraining und dass sie gern Fahrrad fährt. Brust- und Kraulschwimmen hat sie schon in Iran gelernt. Sie hat Lust, ins Wasser zu springen. Doch es gibt keine Sprungblöcke beim Frauenbadetag und vom Beckenrand springen ist verboten. Also übt sie mit Mary, der Irakerin, tauchen. Neda möchte die Leichtigkeit des Wassers möglichst lange genießen und einmal nicht an den anstrengenden Alltag mit ihrem Sohn denken, der an einer seltenen Hautkrankheit leidet. Auch die fünffache Mutter Frozan freut sich, ein paar Stunden nur für sich zu haben: "Sonst hole ich jeden Nachmittag meine Kinder aus der Schule ab. Heute nicht." Erst als ihre Finger ganz verschrumpelt sind, verlassen die Frauen das Becken.

Neda erzählt noch, dass sie auch schon mit ihrem Mann im Freibad war. Sie habe kein Problem, mit Männern gemeinsam zu schwimmen. "So unterschiedlich sind wir doch nicht." Mary sagt, sie könne sich das nicht vorstellen. "Aber ich weiß nicht, was noch kommt." Sie lächelt.

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