SZ-Serie "Schaffen wir das", Folge 11:Frei schwimmen

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SZ-Serie "Schaffen wir das", Folge 11: undefined
(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Einmal die Woche sind Frauen im Münchner Müllerschen Volksbad unter sich. Die meisten haben Migrationshintergrund. Viele erzählen, wie sehr das Wasser ihnen helfe, runterzukommen und abzuschalten.

Von Jasmin Siebert

Das Wasser reicht Frozan bis zum Herzen. Konzentriert faltet die 35-jährige Afghanin ihre Hände vor der Brust, streckt sie nach vorn und gleitet ins Wasser. Ein Zug, noch einer. Sie kneift ihr Gesicht angestrengt zusammen, ihre Bewegungen werden hektischer. Noch drei Züge bis zum rettenden Rand - geschafft. Erst mal verschnaufen.

Jeden Dienstag stellen sie im Müllerschen Volksbad in München, einem gut hundert Jahre alten Jugendstilbau, im Flur zur kleinen Halle ein Bänkchen auf, darauf ein Schild: "Frauenbadetag - kein Zutritt für Männer". Auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch steht das da. Fünf Stunden lang sind Frauen ganz unter sich, es ist in der ganzen Stadt das einzige öffentliche Angebot dieser Art.

Integration in Deutschland

Dieser Text ist Teil der SZ-Integrationsserie "Schaffen wir das?". Alle Folgen der Serie finden Sie hier.

Britta Coy ist an diesem Tag mit Frozan, Mary und Neda gekommen. Die Frauen, die alle in den vergangenen drei Jahren mit ihren Familien nach Deutschland geflohen sind, möchten nur beim Vornamen genannt werden. Britta Coy hat vor zwei Jahren die Initiative "Juno - eine Stimme für Flüchtlingsfrauen" gegründet und leitet sie.

Immer wieder erzählten ihr Frauen von der Todesangst, die sie in den Booten auf dem Mittelmeer ausgestanden hatten. Sie sahen, wie Mitreisende ertranken, und wussten: Auch sie könnten sich nicht über Wasser halten, würde das Boot kentern. "Für viele ist das eine starke Motivation, schwimmen zu lernen", sagt Coy. "Aber leider gibt es viel zu wenig Schwimmkurse für Frauen." Deswegen übt Coy, die eigentlich Geografin ist, mit ihnen.

Oberteile im Stil bunt gemusterter Trainingsjacken

"Sind Sie Schwimmlehrerin?", fragt eine Frau. "Ich will unbedingt schwimmen lernen!" Sie schiebt eine Schwimmnudel durchs Wasser, während sie erzählt: 48 Jahre alt sei sie, aus Afghanistan geflohen, und sie gehe jede Woche ins Müllersche. Das Wasser helfe gegen die Beschwerden mit ihren Bandscheiben und mache sie innerlich ruhiger. Sie wolle auch gern etwas abnehmen, sagt sie und klatscht lachend auf ihren Bauch unter dem schwarzen Schwimm-T-Shirt.

Etwa 30 Frauen jeden Alters, die Mehrheit mit Migrationshintergrund, sind im Becken, die meisten im vorderen Drittel, wo sie noch stehen können. Ihre Outfits sind sehr unterschiedlich: Klassische Badeanzüge und Bikinis, aber auch Burkinis mit Hosen und Oberteilen in allen Längen.

Neben Kopftuch und Niqab polarisiert hierzulande kein anderes Kleidungsstück so sehr wie der Burkini, eine Wortschöpfung aus Bikini und Burka. Es gibt Menschen, die befürchten, mit dem Burkini mache sich die muslimische Kultur im Schwimmbad breit. Für Britta Coy, die seit zwei Jahren mit geflüchteten Frauen schwimmen geht, ist der Burkini kein großes Thema: "Wenn sich die Frauen wohler fühlen, sollen sie es halt machen." Nach und nach, so beobachtet sie, tragen die Frauen knappere Kleidung, und irgendwann sei es für sie auch nicht mehr so abwegig, mit und neben Männern Sport zu treiben.

2013 hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass einer muslimischen Schülerin die Teilnahme am gemischtgeschlechtlichen Schwimmunterricht zuzumuten ist. Um sich gemäß ihres Glaubensgebots zu verhüllen, könne sie einen Burkini tragen. Zuletzt kochte das Thema hoch, als im Juni bekannt wurde, dass ein Schulleiter in Herne 20 Burkinis zum Ausleihen für seine muslimischen Schülerinnen gekauft hatte. Er wollte ihnen ermöglichen, am Schwimmunterricht teilzunehmen.

Für viele Musliminnen ist Sport zusammen mit Männern erst mal nicht vorstellbar

Nur wenige Frauen tragen an diesem Nachmittag im Müllerschen Volksbad den Burkini in seiner ausgeprägtesten Form. Statt schwarzer, knöchellanger Hosen mit Fußschlaufen, wie man sie von Reithosen kennt, ist eher der Typ Radler- und Dreiviertelhose zu sehen, in allen Farben. Die Oberteile sind im Stil bunt gemusterter Trainingsjacken gehalten oder mit orientalischen Ornamenten verziert, die über die Arme ranken. Manche Frauen tragen Bademützen und ein paar wenige auch die zum Burkini gehörende Kopfbedeckung, die an eine Sturmhaube erinnert.

Eine politische Diskussion, die am Körper von Frauen ausgetragen wird

Es ist vor allem diese fast alles verhüllende Form, die vielen Konservativen widerstrebt. So kritisierte Julia Klöckner, Vize-Vorsitzende der CDU, die Leihburkinis des Herner Gymnasiums im Juni als "vorauseilenden Gehorsam und ein Einknicken vor fundamentalistischen Elternhäusern". Damit zementiere die Schule ein frauendiskriminierendes Rollenverständnis. Gegen den Burkini lassen sich dieselben Argumente anführen wie gegen andere Ganzkörperverhüllungen. Es ist eine politische Diskussion, die am Körper von Mädchen und Frauen ausgetragen wird.

Franziska Giffey, die Familienministerin von der SPD, wägt ab: Zwar befürworte sie Burkinis im Schwimmunterricht nicht. Aber Schulleiter hätten mit Burkinis eine pragmatische Lösung gefunden, die man nicht verurteilen sollte. Konservative muslimische Eltern würden ihre Töchter ansonsten eben fürs Schwimmen krankschreiben. "Für mich ist das Vermitteln einer Überlebenstechnik wichtiger als die Badebekleidung", betont Giffey.

  • Merkel hat vor drei Jahren gesagt: "Wir schaffen das!" Was ist aus den Flüchtlingen geworden, die seit 2015 geblieben sind? In der Serie "Schaffen wir das?" gibt die SZ jede Woche Antworten.

Schwimmen lernen wollen auch die meisten Besucherinnen des Frauenbadetags. Eine trägt Schwimmflügel, eine andere zieht einen Schwimmreifen durchs Wasser. Darin sitzt ein kleines Mädchen im rot-weiß gepunkteten Badeanzug, eine Barbie in der Hand. Es herrscht eine entspannte, heitere Atmosphäre im Bad.

Mary ist zum ersten Mal in ihrem Leben im Schwimmbad. Die 28-Jährige hat im Irak Chemie studiert, ehe sie mit Eltern und Bruder vor drei Jahren fliehen musste. Kaum steht sie im Wasser, beginnt sie zu strahlen. Sie hält sich am Beckenrand fest und macht die Beinbewegungen nach, die Britta Coy ihr vormacht. "Beine anziehen, ausstrecken und zusammen - Coy wiederholt das immer wieder. Mary lässt sich auch auf dem Rücken liegend durchs Becken ziehen. "Das Wasser fühlt sich gut an," sagt sie, "aber Schwimmen muss ich noch lernen." Das ist für Erwachsene nicht einfach. Arme und Beine führen zeitgleich unterschiedliche Bewegungen aus, dies in einem ausgereiften Gehirn zu verankern, ist schwierig. Doch Mary lässt sich nicht abschrecken. In ihrer Heimat war Schwimmen den Männern vorbehalten. Das sagen auch die Afghaninnen und prusten los, so abwegig erscheint ihnen die Frage, ob es für sie wirklich gar keine Möglichkeit zum Schwimmen gegeben habe.

Reine Frauenangebote sind wichtig für die Integration

Unbekannt sei in vielen Herkunftsländern der Geflüchteten auch das Konzept Sportverein, sagt Conny Baumann. Die 61-Jährige hat beim Bayerischen Landessportverband (BLSV) das Bundesprogramm "Integration durch Sport" aufgebaut. Das Programm startete 1989 für Spätaussiedler. Während Baumann früher gegen Vorbehalte in den Vereinen kämpfen musste, wandten sich seit 2015 viele Vereine an sie. Sie wollten Geflüchteten helfen, waren jedoch überfordert - finanziell und kulturell. Baumann initiierte rasch eine kostenlose Sportversicherung.

Immer wieder erklärt sie Vereinen, warum auch ein Team, das ausschließlich aus Migranten besteht, oder reine Frauenangebote wichtig sind für die Integration. Das Argument, dass "die Neuen" dann wieder nur unter sich sind, kann sie nicht mehr hören. "Irgendwo muss man ja anfangen, und die Frauen müssen sich erst einmal sicher fühlen." Für viele Musliminnen sei Sport in gemischten Gruppen "erst mal nicht vorstellbar". Doch auch wenn sie unter sich blieben, gewönnen sie durch den Sport Selbstvertrauen und lernten Regeln, die in deutschen Sport- und Schwimmhallen gelten. Zum Beispiel, dass man in Sporthallen Schuhe mit hellen Sohlen tragen oder sich duschen muss, ehe man ins Becken steigt. Immer seien da auch andere Migranten, die Vorbild sind, weil sie bei der Integration schon weiter sind. Um Brücken zu schlagen, bildet der BLSV seit zehn Jahren Migrantinnen zu Sportassistentinnen aus, die Übungsleiter unterstützen.

Wie wichtig niederschwellige Sportangebote für Migrantinnen sind, wird nach ein paar Stunden im Volksbad klar. Viele erzählen, wie sehr das Wasser ihnen helfe, runterzukommen und abzuschalten. "Die Bewegung vermittelt ein neues Körpergefühl", sagt Coy. Sie ermöglicht geflüchteten Frauen mit ihrer Organisation "Juno" verschiedene Sportarten auszuprobieren. Juno ist eine römische Göttin, sie verkörpert Vitalität, in ihrem Tempel bot sie Frauen Schutz. Ein passender Name für die jüngste Abteilung des bereits 1894 gegründeten Vereins für Fraueninteressen.

Eine, die kein Sportangebot von "Juno" auslässt, ist Neda. Die 34-Jährige erzählt vom Boxtraining und dass sie gern Fahrrad fährt. Brust- und Kraulschwimmen hat sie schon in Iran gelernt. Sie hat Lust, ins Wasser zu springen. Doch es gibt keine Sprungblöcke beim Frauenbadetag und vom Beckenrand springen ist verboten. Also übt sie mit Mary, der Irakerin, tauchen. Neda möchte die Leichtigkeit des Wassers möglichst lange genießen und einmal nicht an den anstrengenden Alltag mit ihrem Sohn denken, der an einer seltenen Hautkrankheit leidet. Auch die fünffache Mutter Frozan freut sich, ein paar Stunden nur für sich zu haben: "Sonst hole ich jeden Nachmittag meine Kinder aus der Schule ab. Heute nicht." Erst als ihre Finger ganz verschrumpelt sind, verlassen die Frauen das Becken.

Neda erzählt noch, dass sie auch schon mit ihrem Mann im Freibad war. Sie habe kein Problem, mit Männern gemeinsam zu schwimmen. "So unterschiedlich sind wir doch nicht." Mary sagt, sie könne sich das nicht vorstellen. "Aber ich weiß nicht, was noch kommt." Sie lächelt.

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