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Integration: Sarrazin und die Folgen:Schluss mit der Angst vor Fremden

Die Bundesrepublik Deutschland, die es in den 1990er Jahren mit ungeregelter Einwanderung geschafft hat, selbst die Vereinigten Staaten zu übertreffen, ist netto längst zum Auswanderungsland geworden. Nicht zuletzt, weil Menschen, die hier ihre Bildung erworben haben, nun mit guten Qualifikationen quasi "zurück" gehen.

Das ist auch nur konsequent, wenn man die Stimmung eines Landes ermisst, das sich mit einem Panik-Titel wie Deutschland schafft sich ab präsentiert, das seine schlechte Laune ausstellt und neue Einwanderer regelrecht abschreckt.

Nur: Wer füllt dann Hunderttausende freie Ingenieurs- und Facharbeiter-Stellen aus, wer pflegt eines Tages die geifernden Blogger, die jetzt zur Hatz auf die Multikulti-Phantasten blasen?

"Die gestörte Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft lähmt die schöpferischen Potenzen unserer Gesellschaft und behindert die Lösung der anstehenden lokalen und globalen Aufgaben. Wir verzetteln uns in übelgelaunter Passivität und hätten doch Wichtigeres zu tun für unser Leben, unser Land und die Menschheit." Dieser Text dürfte Angela Merkel bekannt vorkommen: Es ist der Gründungsaufruf des Neuen Forums von 1989. Aber er passt auf das Sarrazin-Land von heute.

Abkehr von Statistiken und Schlagworten

Das Bürgertum mobbt heute Einwanderer und vermeintliche Multikulti-Phantasten; das ist das Ergebnis der Sarrazin-Debatte. Nach der verweigerten Integration der Juden in den Alltag der deutschen Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert versagt es damit - ausgerechnet von der "christlich-jüdischen Leitkultur" schwadronierend - womöglich ein zweites Mal, nun bei der Anerkennung des säkularen Islams als Teil Deutschlands.

Wer den Islam im Westen pauschal zum Fremdkörper erklärt, betreibt das Geschäft der Islamisten, die genau dasselbe behaupten.

Die Union Helmut Kohls war die Europa-Partei, heute sind dies die Grünen. Deutsche Leitkultur statt Multikulti: Das wäre ein Verfassungsbruch. Die Normen westlicher Demokratien mögen bestimmten Traditionen entstammen, zum Beispiel christlich-jüdischen Wurzeln. Sie dürfen damit aber nicht verschmelzen und für den Kulturkampf gegen andere Traditionen präpariert werden.

Die Christen-Partei mag noch so viel Abendland in ihr Grundsatzprogramm hineinphantasieren, der multikulturelle Alltag wird sich - einschließlich seiner von niemandem bestrittenen unerfreulichen Kehrseiten - weiterentwickeln. Und mit seinen besseren Seiten wird er hoffentlich die Talente ins Land locken, die eine vergreisende Mehrheitsgesellschaft derzeit mit Fleiß vergrault.

Multikulti-Schelte - wie langweilig! Es wird Zeit, Schluss mit der Angst vor Fremden zu machen und eine Politik zu verfolgen, die nicht mit Statistiken und Schlagworten um sich wirft, sondern kühl, menschenfreundlich und zukunftsoffen zugleich ist.

Claus Leggewie, 60, ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, Professor für Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Mitherausgeber der Blätter für deutsche und internationale Politik.

© SZ vom 10.11.2010/jobr
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