bedeckt München 29°

Flüchtlinge:Sprachlosigkeit - das Gift für Integration

Münchner Bürger kommen mit Migranten beim Flüchtlingsprojekt "Bellevue di Monaco" zusammen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nicht jeder Nachbar eines Asylheims, der laut schimpft, ist ein Rassist. Man muss mit Empörten reden. Dann erreicht man sie auch.

Es war in jener Zeit, als die Flüchtlinge Schlange standen an der deutschen Grenze. Im Herbst 2015 hat der Bürgermeister einer Odenwald-Gemeinde einen Brief geschrieben an die Flüchtlinge, die in einer Kaserne oben am Berg einquartiert waren: "Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann." Dann folgten die Hinweise, dass man in Deutschland den Müll in die Mülltonne wirft; die Toilette sauber hinterlässt; kein Obst erntet, das einem nicht gehört; nicht zu dritt auf einem Rad fährt; am Straßenrand hintereinander, nicht nebeneinander läuft; junge Mädchen nicht um ihre Handynummer bittet und nicht glauben solle, dass sie heiraten wollen.

Der Brief machte als "Knigge" Schlagzeilen, viele lachten über den Bürgermeister ob seiner Formulierungen. Sie sind ungelenk - aber ehrlich. Damals hat der Brief im Kleinen Grundlegendes geleistet. Flüchtlinge wie Einheimische haben darüber geredet, welche Regeln in Deutschland gelten und wie man sie vermitteln sollte.

Ein Jahr später ist dieses Reden wichtiger denn je. Nach der Willkommenskultur gilt es, eine Integrationskultur zu lernen. Allzu oft aber wird übersehen, was noch vor Sprachkursen, Übergangsklassen und ersten Jobs nötig ist für eine gelingende Integration. Vor dem Miteinander will das friedliche Nebeneinander in den Städten und Gemeinden geübt sein, die Nachbarschaft rund um die Tausenden Asylunterkünfte. Ohne diese Vorstufe können die Asylbewerber noch so viel Grundgesetz-Artikel pauken, das Miteinander wird kaum wachsen.

Nur wer mit den Empörten redet, der erreicht sie auch

Konflikte rund um Unterkünfte wird es immer geben, so wie seit jeher auch der Ärger neben einem Wirtshaus normal ist, weil Lieferwagen anrollen und Gäste vor der Tür rauchen und grölen. Solche Konflikte aber dürfen ein gewisses Maß nicht übersteigen, sonst vergiften sie das Klima. Viel zu oft ignorieren die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung diese Reibereien. Anstatt hinzuschauen und zuzuhören, worüber sich Einheimische ärgern, sagen sie: Habt euch nicht so, wird schon werden, sind halt kulturelle Unterschiede, irgendwann gewöhnt ihr euch schon an die Flüchtlinge. So eine Haltung treibt jene Deutschen, die den Kontakt zu Migranten nicht gewohnt sind, die sich in ihrer diffusen Angst ignoriert fühlen von "denen da oben", in die Schmollecke, wo die rechten Demagogen schon warten.

Ja, man darf als Nachbar einer Asylunterkunft genervt sein, wenn Flüchtlinge nachts zu laut sind oder Müll aus dem Fenster werfen. Ja, man darf Fragen stellen, was es denn mit den Geschichten auf sich hat, dass Frauen vergewaltigt worden sein sollen. Und ob die Flüchtlinge tatsächlich vom Staat teure Smartphones geschenkt bekommen. Politik, Verwaltung und auch die vielen Asylhelfer müssen zuhören und mit den Empörten reden. Müssen erklären, dass die Handy-Geschenke reine Märchen sind, dass viele Gewalt-Geschichten haltlose Gerüchte sind. Müssen aber auch berechtigte Anliegen ins Asylheim hineintragen und den Bewohnern erklären.

Sprachlosigkeit ist Gift für Integration

"In Deutschland gilt ab 22 Uhr die Nachtruhe", hat es der Odenwald-Bürgermeister in seiner Regelkunde formuliert. "Nach 22 Uhr verhält man sich dementsprechend ruhig." Klingt spießig, ist aber Basis für ein ruhiges Nebeneinander.

Nicht jeder Nachbar eines Asylheims, der laut schimpft, ist ein Rassist. Man kann mit diesen Leuten reden, man muss mit ihnen reden. Darf von ihnen aber auch erwarten, dass sie selbst mal ihre innere Barriere überwinden und mit dem Flüchtling von nebenan sprechen. Umgekehrt ebenso. Das Gegenteil ist die Sprachlosigkeit, und diese Sprachlosigkeit ist Gift für Integration. Dieses stille Gift wirkt nicht sofort, man spürt es erst gar nicht. Aber irgendwann lähmt es die Gesellschaft, langsam, aber nachhaltig.

© SZ vom 22.08.2016/fie

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite