Integration "Es geht um eine Sehnsucht nach Eindeutigkeiten"

Die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan über gefährliche Verallgemeinerung und Analogien zwischen Muslimen und Ostdeutschen.

Interview von Stefan Braun

Acht zentrale politische Fragen haben Union und SPD in ihrem Sondierungspapier formuliert, die es in den kommenden Jahren zu lösen gelte. Dazu gehören: "den sozialen Zusammenhalt in unserem Land stärken und die entstandenen Spaltungen überwinden", "unsere Demokratie beleben" und "dass die Menschen bei uns die vielfältigsten Chancen nutzen und in Sicherheit leben können". Die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan hat dazu ihre eigene Haltung.

SZ: Frau Foroutan, vor Kurzem haben Palästinenser auf Berliner Straßen israelische Fahnen verbrannt. Sagen solche Akte etwas über mangelnde Integration aus?

Naika Foroutan, 46, ist Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Berliner Humboldt-Universität und Gründungsvorstand des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung.

(Foto: Bernd Von Jutrczenka/dpa)

Naika Foroutan: Ja, das sagen sie. Genauso wie Attacken auf Geflüchtete und ihre Unterkünfte. In beiden Fällen hat keine Integration in die politischen Regeln dieses Landes stattgefunden. Wobei meines Wissens die Zahl der verbrannten Flaggen in Deutschland ungleich geringer ist als die Zahl der Angriffe auf Geflüchtete. Mit sechs zu 6000 liege ich womöglich richtig. Trotzdem ist das kein Grund, etwas zu relativieren: Antisemitismus ist eindeutig ein Problem in muslimischen Ländern und auch bei vielen muslimischen Migranten in Europa. Aber leider nicht nur da.

Was ist falsch gelaufen?

Falsch ist es, wenn wir die harten Debatten unserer Zeit verengt auf einzelne Gruppen führen. Denn dann erklären wir diese Konflikte über Defizite der einzelnen Gruppen, statt sie strukturell als zersetzende Defizite der Gesellschaft anzugehen. Machen wir uns nichts vor: Antisemitismus verschwindet nicht, wenn die Muslime weg sind; Sexismus ist kein Alleinstellungsmerkmal von Geflüchteten; und Rassismus ist keine Charaktereigenschaft von Ostdeutschen.

Flüchtlingsfreundlich oder flüchtlingsfeindlich? Hat sich die deutsche Gesellschaft entschieden, was sie sein will?

Offensichtlich nicht. Das Land steht unter erheblicher Spannung und leidet unter einem Identitätsstress. Nehmen Sie den Anstieg der AfD, den messbaren Zuwachs des Rechtspopulismus und damit einhergehend die Infragestellung vermeintlich sicherer Regeln unserer liberalen Demokratie. Oder nehmen Sie die Tatsache, dass eine bestimmte soziale, ethnische oder regionale Herkunft bis heute Aufstiegschancen verhindert. Das passt nicht zur Selbsterzählung dieses Landes, das sich als weltoffen und liberal, das sich als leistungsorientiert und gerecht und nicht als feudal wahrnimmt. Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit erzeugt Spannungen - man spricht auch von kognitiven Dissonanzen.

Welche Auswirkungen hat das?

Es gibt so etwas wie eine diffuse Nervosität. Viele Menschen haben das Gefühl, dass eine alte Zeit vorüber ist, ohne zu wissen, was die neue Zeit ihnen bringen wird. Sie verknüpfen das mit aktuellen Unruhen, Krisen und Konflikten und schließen daraus, dass ihre Zukunft auch krisenhaft und konfliktreich sein wird. Oft stellen sie dabei kausale Zusammenhänge her, die empirisch nicht haltbar sind. So entsteht im Kopf eine direkte Linie zwischen den zunehmenden Krisenherden der Welt und der zunehmenden Diversität in Deutschland. Fast jeder Zweite befürchtet, dass der Einfluss des Islam in Deutschland zu stark werden könnte. Dabei stellen Muslime nur sechs Prozent der Bevölkerung.

Wovor fürchten sich die Menschen?

Es ist eine emotionale, affektive Unruhe, die viele Menschen erfasst hat. Es gibt Leute, die haben zwei Flatscreens, zwei Autos und ein Eigenheim, das sie abbezahlen können, weil sie einen sicheren Job zum Beispiel in der Sparkasse haben. Sie sind angesehen. Wenn wir sie fragen, warum sie sich bedroht fühlen, dann merken wir, dass die objektiven Parameter, die wir für Angst kennen - also die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust oder dem Verlust des eigenen Status' - in Wahrheit gar nicht der Punkt sind. Ein kluger Autor hat das neulich mit dem "Zauberberg" von Thomas Mann verglichen: Zanksucht, kriselnde Gereiztheit und namenlose Ungeduld hat die Menschen eingenommen.

„Sechs Millionen haben die AfD gewählt; davon 4,7 Millionen im Westen“: Pegida-Demonstranten im Oktober 2015 in Dresden.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Welche Verantwortung hat die Politik?

Sie müsste sich wieder mehr zutrauen; sie sollte die Gesellschaft mehr gestalten. Mehr aus der Zukunft heraus denken, statt Entwicklungen und Stimmungen hinterherzulaufen.

Warum fällt ihr das so schwer?

Politik ist schlicht auch Opfer der Anti-Eliten- und Anti-Erkenntnis-Stimmung geworden. Im Rechtspopulismus gibt es drei, vier zentrale Antriebskräfte, die sich zu einem Ganzen vermengen: die Eliten-, die Europa-, die Islam- und die Migrationskritik, die sich bis zur Feindlichkeit fortsetzen. Alles, was der Rechtspopulismus bekämpft, steht sinnbildlich für Pluralität. Gut die Hälfte der Bevölkerung will keine diverse Gesellschaft; sie will Klarheit - und das in einer Zeit, in der Geschlechter, Nationalitäten, Kulturen und politische Lager vieldeutig werden. Es geht um eine Sehnsucht nach Eindeutigkeiten.

Wie stark sind diese Kräfte?

Wir sprechen seit Jahren von sogenannten Drittelfeldern, mit einer immer stärkeren Polarisierung. Ein Drittel der Gesellschaft ist ganz entschieden für Europa, für die Vielfalt, für Hilfe für Flüchtlinge. Ein Drittel ist ganz hart und entschieden dagegen. Und dazwischen ist das Drittel, das unentschieden und deshalb tendenziell nach beiden Seiten mobilisierbar ist. Um dieses Drittel geht es, wenn man sich fragt: Wohin tendiert unsere Gesellschaft? In den vergangenen zehn Jahren konnten die Rechtspopulisten diese Mitte besser in ihre Richtung mobilisieren. Das liegt an der Verunsicherung, der Ambivalenz, dem Nebeneinanderstehen von vollkommen unterschiedlichen Angeboten.

Sie sagten, ein starker Grund für die Spannungen in der Gesellschaft sei mangelnde Anerkennung. Was meinen Sie genau?

Die Frage, ob ich mich wirklich dazugehörig fühle, ist eine hochgradig aktuelle im Moment. Und sie wird derzeit nicht nur von Migranten und Migrantinnen thematisiert, sondern auch sehr stark von Ostdeutschen.

Gibt es da tatsächlich Analogien?

Nehmen Sie den Rechtsradikalismus: Ich gehöre definitiv nicht zu der Schule, die Ostdeutschland hier die Schuld zuweist. Ich halte das für fatal. Außerdem ist es einfach nicht haltbar. Sechs Millionen haben die AfD gewählt; davon 4,7 Millionen im Westen. Aber ich habe keinen Artikel gelesen, der die Frage verfolgte: Was ist los mit dem westdeutschen Mann? Stattdessen wurde in den Medien wochenlang über den ostdeutschen Mann debattiert. Natürlich ist das prozentual gesehen im Osten erhöht. Aber die Debatte mit solchen Verweisen zu führen, die die eigenen Fehler kaschieren sollen, blockiert uns nur.

Inwiefern?

Es versperrt den Blick auf das, was wir bewirken, wenn wir falsch handeln. Sobald man von der Radikalität einer kleinen Gruppe auf die Gesamtheit schließt, radikalisiert man irgendwann die große friedliche Mehrheit. Die rassistischen Parolen der Rechtspopulisten als ostdeutsche Charaktereigenschaft abzutun oder islamistische Rückständigkeit mit muslimischer Kultur zu erklären, führt automatisch dazu, dass man in die Verteidigungshaltung übergeht. Und aus dieser Haltung wächst Entfremdung. Den Fehler dürfen wir nicht mehr machen. Nicht mit Muslimen, nicht mit Ostdeutschen.