Integration:"Analogien zwischen anti-muslimischem Rassismus und einer ganz allgemeinen Ost-Abwertung"

Kann man diese Vergleiche wirklich herstellen?

Für uns, die wir so lange über Muslime, Zugehörigkeit und Radikalisierung geforscht haben, ist es im Moment sehr spannend, zu sehen, wie viele Analogien es zwischen anti-muslimischem Rassismus auf der einen und einer ganz allgemeinen Ost-Abwertung auf der anderen Seite gibt. Die einen werden als Jammer-Ossis beschimpft; bei den Muslimen heißt es, die stilisierten sich immer als Opfer. Oder es heißt: Die können eben nicht so arbeiten wie wir. Die haben nicht unser Arbeitsethos. Die sehnen sich nur nach ihrer alten Heimat. Aus diesen Kreisläufen müssen wir rauskommen.

Wie erklären Sie sich angesichts dessen die mehr als vier Millionen Menschen, die im Westen AfD gewählt haben?

Ich will nicht die AfD-Wähler verteidigen. Um diese Partei zu wählen, muss eine rassistische Disposition zumindest angelegt sein. Da will ich keinen Zweifel dran lassen. Und deswegen finde ich es falsch, das Ganze als Protestwählertum zu entschuldigen. Hier geht es um besser-schlechter; mir steht mehr zu als den nicht-richtigen Deutschen, die Flüchtlinge kriegen mehr als ich. Es geht vielfach gar nicht darum, dass es einem selbst schlecht geht, sondern darum, die anderen niedriger zu halten. Man muss bedenken: 14 Prozent der AfD-Wähler haben Hauptschulabschluss, der Rest hat Realschule, Gymnasium, Hochschulabschluss.

Wir können hier also nicht vom abgehängten Prekariat sprechen?

Damit lügen wir uns in die Tasche. Weil es einen etablierten Rassismus in der Mittel- und Oberschicht gibt, der nichts mit den Sorgen der Arbeiterschicht zu tun hat. Die Sorgen der Arbeiter vor zunehmend prekären Arbeitsverhältnissen, ihre Sorge dass sie niemals Vermögen aufbauen können, dass ihre Kinder in den gleichen schlechten Lohnabhängigkeiten landen werden - das alles sind berechtigte Sorgen. Auch die Angst der Mittelschicht, dass es ihren Kindern nicht mehr so gut gehen wird wie ihnen selbst, oder dass es keinen bezahlbaren Wohnraum gibt, ist nachvollziehbar. Diese berechtigten Ängste sind nicht rassistisch. Aber wenn man sie verknüpft, in dem man sagt, das liege daran, dass so viele Migranten in Deutschland seien, handelt man rassistisch. Eine rassistische Elite, die sich die Not der Abgehängten für ihr politisches Projekt zu Nutze macht - davor müssen wir uns fürchten.

Was soll die Bundesregierung für eine bessere Integration tun?

Das Wichtigste ist es, in den nächsten Jahren bei Integration nicht mehr nur an die Migranten zu denken. Ich wünsche mir eine eindeutig post-migrantische Perspektive, bei der sich die Bundesregierung nicht mehr nur auf Migranten konzentriert, sondern auch auf jene Gruppen, die schwach sind, sich von Staat und Demokratie entfremden, weil ihnen alle Aufstiegschancen fehlen. Die Regierung müsste sich bewusst machen, dass heute Integration eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft ist.

Inwiefern?

Desintegration ist für eine Gesellschaft immer destruktiv. Ganz egal, wer sich abwendet und an welcher Stelle die Risse zu Gräben werden. Wenn jemand keinen Arbeitsplatz hat, wenn jemand nicht am Bildungssystem teilhaben kann, wenn jemand in Städten wohnt, in denen die Infrastruktur wegbricht oder wenn jemand keinen Zugang zu Kultur hat - das alles sind Personen, die sich womöglich abwenden. Sie sind desintegriert. Das betrifft auch viele herkunftsdeutsche Menschen, die nie migriert sind. Migration ist kein Code für Abgehängtsein und Deutsch kein Code für Integriertsein. Die Politik muss das endlich begreifen.

Tut sie das nicht?

Nein. Union und SPD haben in den Sondierungsgesprächen bislang nur mutlose integrationspolitische Vorschläge abgeliefert, die die ganze Debatte um Integration mit Zuwanderungsbeschränkung verbinden, statt mal darauf zu schauen, wie groß die Notwendigkeit eines umfassenden Integrationsangebots für die gesamte Gesellschaft ist. Die sächsische Integrationsbeauftragte hat berichtet, dass ihr Männer aus ihrem Bundesland immer wieder sagen: integriert doch erst mal uns! Das ist nicht als Polemik zu lesen, sondern als ein ganz klarer Appell. Wenn wir eine moderne, integrative Gesellschaft sein wollen, dann müssen wir post-migrantisch denken. Wir können es uns nicht mehr leisten, nur auf die Migranten zu schauen. Sonst explodiert ein ganzer Teil weg und sagt: Und was ist mit uns?

Wir haben jetzt über vieles gesprochen. Entfremdung, Ausgrenzung, Desintegration - und was die nächste Regierung tun sollte. Gibt es für Sie neben all dem noch etwas ganz anderes, das Sie sehr beschäftigt?

Ich finde, die Zeit für eine radikale Quotierung ist gekommen. Das gilt für Ostdeutsche, das gilt für Migranten, es gilt für Frauen und für andere unterrepräsentierte Gruppen in der Gesellschaft. Wir haben neulich erst wieder die Zahlen zur Unterrepräsentation von Ostdeutschen in Führungspositionen bekommen. Es wird nicht mehr lange gut gehen, wenn weiterhin ostdeutsche Universitäten fast nur mit westdeutschen Präsidenten besetzt sind. Oder nehmen Sie die Zusammensetzung des Parlaments, in dem 70 Prozent Männer und nur 30 Prozent Frauen sitzen und gerade mal acht Prozent Migranten, obwohl Migranten 22,5 Prozent der Gesellschaft stellen. Das entspricht nicht mehr dem Abbild und nicht mehr den Bedürfnissen dieser Gesellschaft. Diese Repräsentationslücken führen zu immer mehr sozialem Unfrieden. Eine moderne Regierung muss sich dem stellen.

Eine radikale Quote in allen Lebensbereichen?

Ja, und wissen Sie was: Die alberne Antwort darauf ist immer: Ach, dann kommen als nächstes die Behinderten und die Homosexuellen und, und, und... Aber denken Sie an Justin Trudeau. Der kanadische Präsident hat sein Parlament radikal quotiert. Und auf die Frage, warum er das tue, hat er schlicht und einfach geantwortet: Because it is 2015. Wir leben im Jahr 2018 - und bei uns in Deutschland fliegen die Migranten aus den Spitzen der Parteien raus. In anderen waren sie noch nie in den Spitzengremien vertreten. Und der Frauenanteil im Parlament fällt!

Das richtet sich auch an die Parteien.

Na und ob. Die Parteien quotieren nach Regionalproporz und nach Flügeln - wieso sollte man dann nicht repräsentative Funktionen auch nach Ostdeutsch oder Migrationshintergrund, Homosexualität oder Behinderung quotieren können? Wenigstens für eine absehbare Zeit. Das soll nicht heißen, dass man Qualitätskriterien über Bord wirft! Aber es stellt für eine Weile die Frage nach gesellschaftlicher Anerkennung und nach angemessener Teilhabe und Chancengerechtigkeit in den Vordergrund. Und man definiert damit ein klares politisches Ziel: Integration für Alle! Das würde ich mir von der großen Koalition wünschen.

© SZ/mcs
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