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Soziale Medien:Ein Leben ohne Likes ist möglich

Ab sofort kann man auf Instagram den Herzchenzähler ausblenden. Eine Revolution? Nein, die Umsetzung ist inkonsequent. Die Online-Selbstdarstellung wird nicht weniger werden.

Von Simon Hurtz, Berlin

Wenn im Wald ein Baum umfällt und niemand da ist, der es hört, gibt es dann ein Geräusch? Wenn man auf Instagram postet und niemand sieht, wie viele Menschen ein Like geben, existiert das Foto dann überhaupt? Die erste Frage wird weiter in Philosophieseminaren diskutiert werden, die zweite kann man jetzt mit Ja beantworten: Instagram und Facebook ermöglichen es ab sofort, die Anzahl der "Gefällt mir"-Angaben auszublenden.

Für die Social-Media-Generation klingt das nach einer Revolution. Likes gelten als eine der wichtigsten Währungen im Netz. Sie verleihen Inhalten einen Wert, quantifizieren ihre Bedeutung, dienen als Gradmesser für Attraktivität und Erfolg. Teenager sehnen sich danach, Influencer haben ihr Geschäftsmodell darauf aufgebaut. Und ausgerechnet Instagram, die durchkommerzialisierte Selbstdarstellungsplattform, sagt Likes nun Lebewohl?

Die Ankündigung ist aus zwei Gründen weniger spektakulär, als es erscheint. Wer sich vom Druck der Herzchen und Zahlen befreien will, muss viermal tippen, um die Option in einem Untermenü zu finden. Ähnlich weite Wege sind nötig, um personalisierte Werbung abzuschalten - was kaum jemand macht. Die meisten Menschen werden bei der Standardeinstellung bleiben, und die listet jedes rote Herz und jeden blauen Daumen auf.

Zum anderen kann man den Zähler zwar vor sich selbst verstecken, nicht aber vor Instagrams Algorithmen. Diese entscheiden, wie viele Menschen ein Foto zu Gesicht bekommen. Und nach wie vor strotzt die App vor Metriken, die Reichweite und scheinbare Relevanz beziffern. Follower, Kommentare, Story-Aufrufe, all das führt einem die sozialmediale Performance schonungslos vor Augen. Es bleiben also mehr als genug Möglichkeiten, um sich mit anderen zu messen und schlecht zu fühlen - von fragwürdigen Schönheitsidealen und gefährlichen Fitnesstrends gar nicht erst zu reden.

Ist alles nur ein PR-Gag? So einfach ist es nicht. Instagram hat die Option zwei Jahre lang in mehreren Ländern getestet und Menschen befragt, was sie davon halten. Manche fühlen sich befreit, andere vermissen den Zähler. Dutzende Studien, die erforschen, wie Social-Media-Nutzung und psychisches Wohlbefinden zusammenhängen, kommen ebenfalls zu ambivalenten Ergebnissen. Man kann Instagram glauben, dass es Likes offensiver verborgen hätte, wenn die Rückmeldungen eindeutig gewesen wären. Denn was Nutzerinnen und Nutzer dazu bringt, mehr Zeit mit der App zu verbringen, ist langfristig auch gut fürs Geschäft.

Um sich komplett von Metriken zu verabschieden und den Algorithmen neue Relevanz-Signale einzuprogrammieren, müssten sich Plattformen neu erfinden. Das wird nicht geschehen. Trotzdem kann man Social Media ohne Zahlen ausprobieren. Der Künstler Ben Grosser hat Browser-Erweiterungen entwickelt, die Twitter, Facebook und Instagram zumindest am Laptop in eine Welt ohne Vergleichsmöglichkeit verwandeln. Anfangs wandert der Blick unwillkürlich zum Zähler, der die scheinbare Bedeutung eines Beitrags misst. Irgendwann beginnt man, sich auf etwas zu konzentrieren, das sonst gern mal in Vergessenheit gerät: den Inhalt.

© SZ
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