Terrorgefahr: Fund in Windhuk Oma bastelte angeblich Bomben-Attrappe

Minister de Maizière gibt Entwarnung: Bei dem in Namibia entdeckten Gepäckstück handelte es sich um einen "Realtest-Koffer" einer US-Firma. Eine 80-jährige soll ihn gebaut haben.

Deutschland im November 2010: Bundesinnenminister Thomas de Maizière warnt vor einem möglichen Terroranschlag, das Land rätselt über eine angebliche Bombe, die womöglich von Namibia nach München geschickt werden sollte und vielen Polizisten wird der Urlaub gestrichen. Es sind unruhige Tage, in denen sich die Innenminister der Länder unter strengen Sicherheitsvorkehrungen mit de Maizière in einem Hamburger Nobelhotel beraten.

Alle Augen auf den Innenminister: Thomas de Maizière steht in diesen Tagen im Mittelpunkt.

(Foto: dapd)

De Maizière tritt sehr aufgeräumt und staatstragend auf, als er nach den einleitenden Worten des Hamburger Innensenators Heino Vahldieck sein Statement abgibt. Er wiederholt zunächst die Erkenntnis des Vortags, dass sich die 17 Innenminister in der Bewertung der Sicherheitslage einig sind. "Dabei bleibt es, das ist gut für unser Land", betont der CDU-Politiker.

Dann spricht der 56-Jährige über das Thema, das alle am meisten interessiert: Was wissen die Behörden über den Koffer, der in Namibia entdeckt wurde? Thomas de Maizière kann Entwarnung geben: BKA-Experten hätten in Windhuk das Gepäckstück geprüft. "Es handelt sich um einen Realtest-Koffer einer Firma aus den USA", berichtet der Innenminister.

Inzwischen sind weitere Informationen über die Bombenattrappe ans Licht gekommen, die ebenfalls für eine Herkunft aus den USA sprechen: Laut ZDF stammt die Konstruktion von einer kleinen Sicherheitsfirma aus dem US-Bundesstaat Kalifornien. Der sogenannte Realtestkoffer ist demnach vor vier bis fünf Jahren hergestellt worden. Nach Angaben des Firmeninhabers Larry Copello sei der Sprengsatz-Dummy von seiner 80-jährigen Großmutter verdrahtet worden. Das Familienunternehmen bietet offenbar Produkte an, mit denen die Aufmerksamkeit von Sicherheitspersonal getestet wird. Hauptabnehmer seien US-Behörden.

Laut de Maizière steht fest: "Es wurde kein Sprengstoff im Koffer festgestellt. Es bestand nie eine Gefahr für die Passagiere." Das Gepäckstück war nach BKA-Angaben bei der Verladung in einen Airbus von Air Berlin von Windhuk nach München aufgefallen und am Mittwochabend in Namibia aus dem Verkehr gezogen worden. Beim anschließenden Durchleuchten des Gepäckstücks seien Batterien sichtbar geworden, die über Kabel mit einem Zünder und einer laufenden Uhr verbunden gewesen seien.

Wer platzierte den Koffer in Windhuk?

De Maizière sagt, er könne nicht ausschließen, dass der verdächtige Koffer möglicherweise von den deutschen Sicherheitsbehörden selbst dort platziert wurde. "Ich halte das aber für sehr unwahrscheinlich", sagte er. Aber auch das werde "selbstverständlich" Gegenstand der Ermittlungen sein.

Den erstaunt nachfragenden Journalisten entgegnet er auf der Pressekonferenz: "Gehen Sie davon aus, dass ich diese Fragen auch stelle. Und dass ich alles dran setzen werde, dass diese Fragen beantwortet werden." Der Innenminister betont, er halte "keine Informationen zurück" und werde die Öffentlichkeit informieren.

Das Bundeskriminalamt war nach eigenen Angaben nicht über den Test informiert. Tatsächlich hätten erst die nach Windhuk geschickten Mitarbeiter die Attrappe als solche entlarvt und dann den Innenminister über die Entwarnung informiert. Für den Einsatz sogenannter Realtest-Koffer sei die Behörde nicht zuständig. Die Fluggesellschaft Air Berlin erklärte, sie habe den Dummy nicht gekauft. "Die Herkunft des Koffers ist Air Berlin nicht bekannt", sagt Unternehmenssprecherin Sabine Zeller.

Aus Geheimdienstkreisen ist in Berlin zu erfahren, es habe sich offenbar um einen westlichen Dienst gehandelt, der nach dem "Debakel" der Paketbomben aus dem Jemen einen Versuch zur Überprüfung der Sicherheitsmaßnahmen auf einem "entlegenen Flughafen machen wollte". Es könnte die CIA dahinter gesteckt haben.

Als "sehr peinlich" empfinden es Sicherheitsexperten , dass die Berliner Politiker den Bomben-Dummy zunächst längere Zeit medienwirksam als "akute Bedrohung" verkauft hätten. Das Innenministerium und die deutschen Sicherheitsbehörden seien nicht in der Lage gewesen, die Folgen dieses "Irrtums" richtig einzuschätzen. "Das hätte so nicht passieren dürfen", sagte ein Innenexperte der Nachrichtenagentur dapd.

Der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele warf de Maizière vor, das Parlament nur unzureichend über die Hintergründe seiner am Mittwoch ausgesprochenen Terrorwarnung zu informieren. Deren Glaubwürdigkeit beurteile er skeptisch. In den vergangenen Jahren seien schließlich immer wieder derartige Warnungen herausgegeben worden. Ströbele äußerte den Verdacht, die Bundesregierung verstärke die Terrorangst, um die Sicherheitsgesetze zu verschärfen und die Vorratsdatenspeicherung durchzusetzen.

Debatte um Vorratsdatenspeicherung

Auf der Pressekonferenz halten sich die anderen Minister auf dem Podium an das Gebot der Einigkeit und weichen nicht von der Linie des Bundesministers de Maizière ab - und wenden sich dann anderen Themen zu.

Hamburgs Innensenator Heino Vahldieck fordert ebenso wie Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (beide CDU) eine Regelung zur Vorratsdatenspeicherung. Er wisse als früherer Chef des Hamburger Verfassungsschutzes, wie wichtig es sei, nachvollziehen zu können, wer mit wem am Telefon gesprochen oder via Internet Kontakt gehalten habe.

Die Innenminister wollen Telefon- und Internetdaten zur Kriminalitätsbekämpfung und Terrorabwehr wieder für mindestens sechs Monate speichern. Die Ressortchefs forderten Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser- Schnarrenberger (FDP) am auf, "zügig einen Gesetzentwurf zur Wiedereinführung der Mindestspeicherfrist vorzulegen".

Schünemann attackiert Leutheusser-Schnarrenberger, die in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung dafür plädiert hatte, die Telekommunikationsdaten schockzufrosten ("quick freeze"). Dieses Modell nach amerikanischem Vorbild sieht vor, Informationen einzufrieren und nur zur Terrorbekämpfung aufzutauen. Der CDU-Politiker sagt eindeutig: "Quick freeze hilft uns überhaupt nicht." Die FDP-Politikerin sei aufgerufen, tätig zu werden, denn dies sei "bitter nötig".