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Innenminister Friedrich will DFB-Team in der Ukraine begleiten:Wenn der Ball rollt, ist Timoschenko vergessen

In der Ukraine ist offiziell Party angesagt. Das EM-Gastgeberland hat sich für den Klassiker Deutschland - Niederlande in Charkow herausgeputzt, Präsident Janukowitsch sonnt sich im Glanz des Fußballs. Der Fall Timoschenko droht darüber in Vergessenheit zu geraten. Bundesinnenminister Friedrich trägt dazu bei: Er kündigt an, entgegen vorherigen Aussagen die DFB-Elf in die Ukraine begleiten zu wollen.

Charkow hat sich herausgeputzt für das große Spiel. Die Stimmung in der Stadt im Osten der Ukraine sei herrlich, schwärmen deutsche Korrespondenten. Die Sonne scheint, die Fanzone füllt sich mit den Fans der deutschen Nationalelf und der Niederlande, die sich um 20:45 Uhr in der Vorrundengruppe B gegenüberstehen.

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Julia Timoschenko liegt weiterhin im Krankenhaus von Charkow. Die Situation der einstigen Ministerpräsidentin hat sich nicht verbessert.

(Foto: dapd)

Für die Ukraine ist es das zweite Glanzlicht dieser Fußball-Europameisterschaft. Am Montag hatte Stürmer Andrej Schewtschenko das Team der Gastgeber zum 2:1-Auftaktsieg gegen Schweden geschossen. Seitdem ist offiziell Party angesagt. "Ich habe viele Leute gefragt. Sie sind beeindruckt von unserer Gastfreundlichkeit", jubelte Fußball-Verbandspräsident Gregorij Surkis. "Ich gratuliere uns allen zu diesem glänzenden Sieg", sagte Präsident Viktor Janukowitsch.

Janukowitsch? Charkow? Vor der EM wurden diese Begriffe in westlichen Medien in einem ganz anderen Kontext benutzt. Doch das Schicksal von Julia Timoschenko und die prekäre Menschenrechtslage in der Ukraine scheinen angesichts der Fußballbegeisterung in Vergessenheit zu geraten. Timoschenko liegt weiterhin im Krankenhaus von Charkow. Die Situation der am Rücken verletzten einstigen Ministerpräsidentin, die wegen Amtsmissbrauchs verurteilt wurde, hat sich nicht verbessert.

Doch seit der Ball rollt, sind die Proteste verklungen. Ein Trend, den Menschenrechtsaktivisten beklagen - und an dessen Spitze sich nun ausgerechnet Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich gestellt hat. Der CSU-Politiker kündigte an, "sobald die Vorrunde vorbei ist und wir weiter im Spiel sind", zu jedem Spiel der deutschen Mannschaft reisen zu wollen.

Das ist ein klarer Bruch mit der bisherigen Haltung der Bundesregierung, wonach die Ukraine gemieden werden sollte, so lange sie sich im Fall Timoschenko nicht bewege. Noch wenige Tage zuvor hatte Friedrich erklärt, lediglich bei einem Finale mit deutscher Beteiligung in Kiew dabei sein zu wollen. Je nach Ausgang der Vorrunde könnte die DFB-Elf auch im Halbfinale in der Ukraine spielen - während das Viertelfinale auf jeden Fall in Polen stattfindet.

Die Politik habe "im Vorfeld" der EM "eindeutig protestiert", rechtfertigte sich Friedrich im Gespräch mit der Leipziger Volkszeitung. Aber jetzt, "jetzt ist der Sportminister gefordert".

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