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Inklusion:Verständnisprobleme

Viele Gehörlose kommunizieren am liebsten mittels Gebärdensprache. Trotzdem wird sie nur selten an deutschen Schulen unterrichtet.

Gebärdendolmetscherin Kathrin-Maren Enders

Eine Gebärdendolmetscherin ließ ihre Hände sprechen: Sie forderte die Einführung der Gebärdensprache als Wahlfach an hessischen Schulen. Anfang 2017 setzte die schwarz-grüne Koalition diesen Wunsch in die Wirklichkeit um. Andere Bundesländer zögern noch.

(Foto: Arne Dedert)

Katrin Kermer kann sich ziemlich in Rage reden, wenn sie über die Benachteiligung gehörloser Menschen in Deutschland spricht. Und selbstverständlich tut sie es in Gebärdensprache. Aufrecht sitzt sie in einem sonnendurchfluteten Gartenlokal im Zentrum von München, daneben ihre Tochter Luise. Beide brauchen nur Hände und Gesichtsausdruck, um sich Gehör zu verschaffen. Will Katrin Kermer ein Argument besonders unterstreichen, schnellt ihr Oberkörper nach oben. Und das Thema "Zweisprachige Bildung für Gehörlose" liegt ihr sehr am Herzen, sie sitzt da wie ein Ausrufezeichen.

Die 36-Jährige ist von Geburt ohne Gehör. Aber sprachlos ist sie nicht. Sie will auch nicht, dass Gehörlose dazu gemacht werden. Denn während auf Youtube Musikvideos, die von Gebärdensprachdolmetschern "übersetzt" werden, auch bei Hörenden im Trend liegen, und Babyzeichen-Apps für Hörende als cool gelten, wird gehörlosen Kindern das Lernen der Gebärdensprache in Deutschland weiter unnötig erschwert. Das aber wollen die Eltern nicht länger hinnehmen. Sie pochen auf das Recht auf Barrierefreiheit - ein Versprechen der UN-Behindertenrechtskonvention, die seit zehn Jahren in Deutschland in Kraft ist. Und setzen damit die Kultusbürokratien in den Bundesländern unter Druck.

Die Petition "Gebärdensprache umsetzen!" haben bereits 19 000 Menschen unterzeichnet

19 000 Menschen haben mittlerweile die Petition "Gebärdensprache umsetzen! Bilingual - bimodal - endlich normal!" unterschrieben. In Bayern wurde sie bereits an Kultusminister Michael Piazolo übergeben. In Sachsen fand ein Treffen mit Ministerpräsident Michael Kretschmer statt. In beiden Bundesländern soll es weitere Gespräche geben. Sieben Forderungen umfasst die Petition, die wichtigste ist: Gehörlose Kinder und Jugendliche sollen an Förderschulen und Regelschulen bilingualen Unterricht erhalten, also neben lautsprachlichem und schriftsprachlichem Unterricht auch solchen in Deutscher Gebärdensprache (DGS). Dass dies bisher nicht so ist, hat einerseits mit der Schwerfälligkeit des deutschen Bildungswesens zu tun, andererseits aber auch mit einem Methodenstreit, deren Opfer die Gehörlosen seit Jahrzehnten sind.

Für die Kermers, die in Pfaffenhofen bei München wohnen, ist DGS die Muttersprache. Die beiden Eltern und ihre vier Kinder sind gehörlos, sie unterhalten sich mittels dieser Gebärdensprache. Luise geht in ein spezielles Förderzentrum. "Zurzeit gibt es dort nur eine einzige hörende Lehrkraft mit Kompetenz in DGS", erzählt Kermer. "Gehörlose Schüler bekommen immer wieder Lehrer, die nur etwas gebärden können, aber keine DGS können, und das sorgt zunehmend für lückenhafte Wissensvermittlung." Das ist nicht nur in Bayern so. In fast allen Bundesländern mangelt es in den Gehörlosenzentren an Pädagogen mit hoher und sehr hoher Kompetenz in DGS. Dabei fordert die UN-Behindertenrechtskonvention in Artikel 24 ein generell integratives Bildungssystem. Gehörlose Menschen sollen demnach in jenen Sprachen und Kommunikationsformen mit den Mitteln unterrichtet werden, die für den Einzelnen am besten geeignet sind. Insbesondere sollen Lehrkräfte eingestellt werden, die auch in Gebärdensprache ausgebildet sind.

Gehörlos, aber keineswegs sprachlos: Katrin Kermer und ihre Tocher Luise.

(Foto: privat)

In Deutschland wurden diese Forderungen bisher mit wenigen Ausnahmen nicht eingelöst. Auch weil DGS-kompetente Lehrer fehlen. Warum das so ist, kann Claudia Becker erklären. Sie ist Professorin für Gebärdensprach- und Audiopädagogik am Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität in Berlin und zählt zu den führenden Experten auf diesem Gebiet. Dass Deutschland auch europaweit abgeschlagen sei, was die Gebärdensprachkompetenz der Pädagogen angeht, "liegt an uns", kritisiert sie. Die Hörgeschädigtenpädagogik habe einfach zu lange über die richtige Unterrichtsmethode diskutiert. "Außerdem ist es eine sehr deutsche Denkweise, dass bilinguales Aufwachsen den Kindern eher schadet als nützt", sagt Claudia Becker.

Der Ursprung dafür, dass Gebärdensprache lange Zeit als zweitrangig angesehen wurde, findet sich im Jahr 1880. Beim sogenannten Mailänder Kongress, einer Zusammenkunft der bedeutendsten Gehörlosenpädagogen Europas, wurde beschlossen, hörgeschädigte Kinder in der Schule ausschließlich in Lautsprache zu unterrichten. Statt Bildungsinhalte vermittelt zu bekommen, verbrachten Gehörlose deshalb Stunden über Stunden mit Lippenlesen und Artikulationsübungen. Gearbeitet wurde am Defizit, um Gehörlose fit für die Integration in der Welt der Hörenden und Lautsprachigen zu machen. Zur Wissensvermittlung kam und kommt es dabei allzu selten. Denn das Erlernen der Lautsprache bis zu einem hohen Niveau ist vielen Gehörlosen unmöglich.

Die Folge: Sie werden oft als lernbehindert eingestuft. Dem Sohn von René Mittländer geht es gerade so. Er wohnt im sächsischen Freital und ist selbst schwerhörig, seine beiden Kinder sind gehörlos. Seit mehr als drei Jahren kämpft er für vollwertigen bilingualen Unterricht in der Gebärdensprache. Seine beiden Kinder gehen auf ein Förderzentrum. "Im Moment ist es gerade sehr schwer für meine Kinder", schreibt er per Mail. "Wir hatten die Hoffnung, dass eine Förderschule für Hörgeschädigte die besten Voraussetzungen für meine Kinder zum Lernen bietet. Aber kleine Klassen und das Vorhandensein von Hörtechnik ist nicht alles." Dass sein Sohn den Status "Lernbehinderung" verpasst bekommen habe, ist Mittländer völlig unverständlich. Angeblich könne er dem Unterricht nicht mehr folgen. Schuld daran ist nach Meinung des Vaters aber nicht der Sohn, sondern die Sprachbarriere. Denn kein Lehrer könne "einwandfrei DGS".

Dass sich die Gebärdensprache nicht mehr verbreitet, ist nicht nur der Kultusbürokratie geschuldet. Sondern auch einer technischen Errungenschaft, die Hörgeschädigten weltweit hilft, wieder zu hören: das Cochlea-Implantat. Es handelt sich um eine Art Prothese für Gehörlose, deren Hörnerv noch funktioniert, sie wird in einer Operation in den Körper platziert. Wollen Eltern, dass ihr gehörloses oder schwerhöriges Kind hören lernt und sich damit in die Welt der Lautsprache integriert, wird ihnen diese Operation bereits im Babyalter empfohlen. Danach sollte es von Gebärdensprache allerdings abgehalten werden und sich voll auf das Lernen der Lautsprache konzentrieren, raten viele Experten. Diese Sprachtrennung lässt sich nach jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr halten, aber die Botschaft ist längst nicht überall angekommen.

Im Januar erregte ein Fall in Goslar Aufsehen in der Gehörlosen-Community. Eltern eines Zweijährigen weigerten sich, ihrem Sohn ein Cochlea-Implantat einpflanzen zu lassen. Das Jugendamt wollte sie zwingen, drohte damit, teilweise das Sorgerecht zu entziehen, und ging vor Gericht. Dort bekamen allerdings die Eltern recht. Doch allein der Umstand, dass sie sich vor Gericht wehren mussten, löste großen Unmut aus. Tatsache ist: Das Implantat birgt viele Segnungen, allerdings auch viele Probleme. "Man liest nur Erfolgsstorys", sagt Carsten Lang, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung der Eltern hörbehinderter Kinder in Bayern. "Aber das ist nur eine Teilwahrheit. Der Hörerfolg stellt sich nicht von jetzt auf gleich ein. Auch mit Implantat wäre es wichtig, dass die Kinder von Anfang an Gebärdensprache lernen."

Die Mutter lehnt ein Implantat für ihre Tochter ab. Sie soll erst mal Gebärdensprache lernen

Katrin Kermer und ihr Mann haben sich für ihre Tochter Luise gegen ein Implantat entschieden. Die Mutter trägt zwar eines, aber ihrer Tochter wollten sie die Operation nicht zumuten. Sie solle erst eine Sprache sicher beherrschen. "Die Gebärdensprache ist sicher", sagt Kermer. Viele Eltern fürchten, dass ihre gehörlosen Kinder bei einem Ausfall des störanfälligen Cochlea-Implantats sprachlos sind, wenn sie die Gebärdensprache nicht beherrschen.

Im Moment haben Gehörlose die Möglichkeit, auch in den Schulen Gebärdensprachdolmetscher einzuschalten, die ihnen die Unterrichtsinhalte und die Kommunikation der Mitschüler übersetzen. Diesen Weg wollten die Mittländers gehen. Sie haben Dolmetscher für die Schule beantragt und Hausgebärdensprachkurse für ihre beiden Kinder - allerdings bisher ohne Aussicht auf Erfolg. Der Antrag wurde vom Sozialamt Freital abgelehnt: Die Schule sehe dafür keine Notwendigkeit. Ein Lehrer mit ausreichend DGS-Kompetenz wurde trotz Stellenanzeige des Kultusministeriums bislang ebenfalls nicht gefunden.

Kein Wunder, meint Magdalena Stenzel: Es gebe diese Personen nicht, da sie nicht ausgebildet werden. Stenzel ist Mutter eines gehörlosen Jungen und hat die bundesweite Petition initiiert, weil sie mit der Unterrichtssituation so unzufrieden war. Und auch nach dem Gespräch mit Sachsens Ministerpräsident Kretschmer bleiben für sie viele Fragen. Das Kultusministerium habe behauptet, erst durch die Elterninitiative erfahren zu haben, dass die Kinder im Unterricht nichts verstehen, erzählt die Dresdnerin. Diese Haltung sei ihr ein Rätsel. Dass Hörgeschädigtenpädagogen in Sachsen nicht in hoher DGS-Kompetenz ausgebildet werden, müsse dem Kultusministerium bekannt sein. Die Eltern befürchten, dass die Umsetzung ihrer Forderungen nur sehr schleppend vorangehen wird. Magdalena Stenzel hält es für einen "Oberskandal", sollten die Kinder weiter so beschult werden wie bisher. Das sei diskriminierend. "Die Menschenrechte schwerbehinderter Kinder", so klagt sie, "werden hier mit Füßen getreten."