Üblicherweise tagt der Nato-Russland-Rat auf Ebene der Botschafter. Am Freitag reiste eigens Vize-Außenminister Sergej Rjabkow nach Brüssel, was unter Diplomaten als Signal gewertet wurde, welche politische Bedeutung der Kreml dem Streit um den INF-Vertrag beimisst. Das Abkommen verbietet den USA und Russland den Besitz landgestützter ballistischer Raketen und Marschflugkörper mit Reichweiten zwischen 500 und 5500 Kilometern; see- oder luftgestützte Systeme gleicher Reichweite sind nicht umfasst. Man habe in "professioneller und offener Atmosphäre" Positionen ausgetauscht, sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, aber "keine echten Fortschritte erzielt". Damit wird es immer wahrscheinlicher, dass der INF-Vertrag, ein Kürzel für Intermediate Range Nuclear Forces, also nukleare Mittelstreckenwaffen, vor dem Ende steht.
Die USA werfen Russland vor, mit dem Marschflugkörper 9M729 gegen den Vertrag zu verstoßen und haben Moskau eine Frist bis 2. Februar gesetzt, zur Vertragstreue zurückzukehren. Die anderen Nato-Mitglieder unterstützen die Position der USA. Die Niederlande haben nach eigenen Angaben unabhängig von den USA Belege für den Verstoß. Europäische Diplomaten weisen den von Moskau befeuerten Eindruck zurück, die Eskalation gehe auf eine unilaterale Entscheidung der Regierung von Präsident Donald Trump zurück.
Seit 2014 habe die Vorgänger-Regierung unter Barack Obama Russland konfrontiert, bei mehr als 30 Gelegenheiten sei das Thema in bilateralen und multilateralen Formaten erörtert worden. Die USA hätten im Sommer 2018 unter Trump Russland noch angeboten, auf eine Kündigung des Vertrags zu verzichten, wenn es die Produktion und Stationierung des umstrittenen Flugkörpers stoppe. Inzwischen verlangen die USA die Abrüstung der fraglichen Systeme, was Moskau strikt ablehnt.
Russland beharrt darauf, der Flugkörper halte die Grenzen des INF-Vertrags ein. Bei einer Präsentation im Park Patriot bei Moskau sagte der Chef der Raketentruppe, Generalleutnant Michail Matwejewski, es handele sich bei dem 9M729 um die Weiterentwicklung des INF-konformen 9M728, er fliege maximal 480 Kilometer weit. Die Menge des Treibstoffs sei konstruktionsbedingt und könne im Einsatz nicht verändert werden. Die USA werfen Russland vor, den Flugkörper in einem an sich unter dem INF erlaubten Test mehr als 2600 Kilometer weit geschossen zu haben, ihn dann aber verbotenerweise auf einem landgestützten Werferfahrzeug stationiert zu haben.
Dieses Fahrzeug und den angeblichen Startkanister für den Flugkörper zeigte das russische Militär am Mittwoch ausländischen Militärattachés und Journalisten. Nicht zu sehen bekamen diese allerdings den Flugkörper selbst. Somit sind selbst für Experten keine Rückschlüsse auf die Reichweite möglich; auch die vom Militär veröffentlichten Daten helfen da nicht weiter. Matwejewski und Rjabkow wiederholten Vorwürfe Russlands, die USA verstießen mit landgestützten Startcontainern für die Raketenabwehr ihrerseits gegen den INF-Vertrag und auch mit Raketen, die das US-Militär als Ziele bei Tests der Raketenabwehr nutzt.