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Atomwaffen:Es fehlt eine junge Generation, die sich für Abrüstung einsetzt

25.000 demonstrieren gegen Atomraketen und Neutronenbombe

25.000 Menschen demonstrierten im April 1981 in Bonn gegen Atomwaffen. Heute mobilisiert die Jungen eine ganz andere Sorge.

(Foto: picture alliance / Klaus Rose)

Der Klimawandel treibt die Jugend auf die Straße. Aber wo bleibt der Protest gegen das Wettrüsten? Greta Thunberg und ihre Anhänger sollten freitags ein paar neue Schilder mitbringen.

Im Sommer 2017, wenige Wochen vor der Bundestagswahl, ließ US-Präsident Donald Trump der Bundesregierung zwei Nachrichten übermitteln: Die eine besagte, dass der INF-Vertrag, ein Meisterwerk der nuklearen Mäßigung und Abrüstung, leider so gut wie erledigt sei. Die Russen hätten ihn gebrochen, deshalb werde man ihn wohl bald aufkündigen. Die zweite Botschaft lautete, dass man damit in jedem Fall bis nach den Wahlen warten werde. Schließlich wisse man ja, wie empfindlich die Deutschen in atomaren Fragen seien.

An die freundliche Rücksicht Trumps erinnert man sich bis heute in Berlin. Schon weil ein solches Verhalten bei ihm so selten ist. In Erinnerung ist die Episode aber auch, weil sich dieses Entgegenkommen als so völlig unnötig herausgestellt hat. Die Angst vor Atomtod, Nachrüstung und Aufrüstung, die in diesem Land noch in den Achtzigerjahren Hunderttausende auf die Straßen trieb, scheint weitgehend verschwunden zu sein. Die Bilder der Massendemonstrationen im Bonner Hofgarten finden sich in jedem Geschichtsbuch. Aber sie sind auch Geschichte.

Wie sonst ließe sich erklären, dass das formale Ende des INF-Vertrages - das war an diesem Freitag - ohne jeden öffentlichen Protest blieb? Oder dass die offiziellen Trauerreden in Berlin und anderswo so auffallend kurz ausfielen? Bestenfalls Pflichtprogramm, obwohl das Abkommen so sehr zum Ende des Kalten Krieges gehört wie der Fall der Berliner Mauer. Der vor fast 32 Jahren unterzeichnete Vertrag führte zur Verschrottung von 2692 Kurz- und Mittelstreckenraketen.

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Die matte Reaktion fügt sich in ein beunruhigendes Bild, denn keine der inzwischen so vielen schlechten Nachrichten aus der Welt der nuklearen Unvernunft dringt noch wirklich durch: nicht die überall stattfindende Modernisierung der Arsenale, nicht die Entwicklung neuer Hyperschall-Waffen, nicht der wachsende Zorn jener Länder, die den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet haben - und damals im Gegenzug ein Abrüstungsversprechen der Nuklearmächte erhielten. Aber Russland und die USA, siehe INF, tun gerade das Gegenteil, sie verhandeln nicht einmal über ein neues Abkommen. Und weil zur Supermachtambition bis heute untrennbar die Bombe gehört, droht auch in China eine Aufrüstung. Es sieht nicht gut aus für den Sperrvertrag. Im nächsten Jahr feiert er seinen 50. Geburtstag, und nicht einmal die größten Optimisten geben ihm weitere 50 Jahre.

In Hiroshima und Nagasaki, wo 1945 die ersten Atombomben fielen, wird bis heute einmal im Jahr an die Schrecken des Atomzeitalters erinnert. Die letzten Überlebenden dieser US-Angriffe würden sich wohl stattdessen in Berlin versammeln, hätte man Nazi-Deutschland nicht zuvor zur Kapitulation zwingen können. Die Warnungen vor einem neuerlichen atomaren Wettrüsten kommen heute vor allem von den Älteren, jenen, die den Kalten Krieg erlebten und die Furcht verspürten. Helmut Schmidt gehörte bis zu seinem Tod dazu. Die Vision einer atomwaffenfreien Welt müsse mehr sein als nur heiße Luft, sagt Wolfgang Ischinger, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz. Kaum ein Elder Statesman von Rang, der nicht zu den Warnenden gehört. Aber unter den Jüngeren scheint das Ende des INF-Vertrages nur wenige wirklich umzutreiben.

Was die Bombe ist, und welcher Anstrengungen es bedarf, in Zeiten ihrer Existenz das Überleben zu sichern, scheint nach einer langen Friedensperiode in Vergessenheit geraten zu sein. Es fehlt eine machtvolle junge Generation, die sich für Abrüstung einsetzt, angeführt von einer charismatischen Persönlichkeit wie der jungen Schwedin Greta Thunberg. Ja, es gibt die Macher der Ican-Initative, einer Kampagne zur weltweiten Abschaffung der Atomwaffen, Träger des Friedensnobelpreises 2017 gehören zu ihnen. Aber wer kennt sie?

Die Jüngeren politisiert und mobilisiert heute eine ganz andere Sorge als ihre Eltern, es ist der Klimawandel. Er treibt sie aus den Schulen und auf die Straße, nicht nur freitags. Diese existenzielle Gefährdung unserer Welt bekommt in diesen Tagen die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Endlich. Das Ende des INF-Vertrages aber bringt niemanden auf die Straße. Warum das so ist? Der ehemalige US-Verteidigungsminister William Perry sagte, heute bekämen die Regierungen von ihren Bürgern nicht mehr genügend Druck, sich für atomare Abrüstung einzusetzen, weil Menschen nicht realisierten, wie groß die Gefahr tatsächlich sei.

Was spricht dagegen, auf der nächsten Freitagsdemonstration ein Schild hochzuhalten, das nukleare Abrüstung fordert? Ja, inzwischen gibt es dies hier und dort. Aber selten. Dabei könnten Greta Thunberg und viele andere damit auch so etwas wie eine Dankesschuld abtragen: Schon 2007 entschieden sich die Betreiber der "Weltuntergangs-Uhr", nicht mehr nur auf das atomare Risiko hinzuweisen, sondern auch auf die Gefahren durch den Klimawandel. Es war der brillante Wissenschaftler Stephen Hawking, der damals erklärte, man habe eine Pflicht, die Menschen vor diesen "unnötigen Risiken, mit denen wir jeden Tag leben", zu warnen. So geht es seither Jahr für Jahr, wenn die Uhr nach intensiven Debatten von Wissenschaftlern, darunter 15 Nobelpreisträger, neu gestellt wird. Inzwischen sind es nur noch zwei Minuten bis zwölf. Es ist die Erinnerung daran, dass der größte Feind der Menschheit immer noch der Mensch selbst sein kann.

Vor zwölf Jahren nutzten die Wissenschaftler ihre Autorität, um der Diskussion um den Klimawandel zum Durchbruch zu verhelfen. Es war eine ebenso kühne wie kluge Idee. Dass eine andere Gefahr, das atomare Wettrüsten, darüber vergessen wird, war nie beabsichtigt. Gleichgültigkeit, wie sie in dieser Woche nach dem Ende des INF-Vertrages zu beobachten war, hat die atomare Bedrohung nicht verdient. Es wäre schön, bei jeder Freitagsdemo bald ein paar neue Schilder zu sehen.

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