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Industriepolitik:Wenn Träume fliegen

Dr. Data - was Künstliche Intelligenz in der Medizin kann

Schöne neue Welt? Ein Bild aus einer Paderborner Ausstellung zum Thema Mensch und Roboter.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Berlin will die Entwicklung künstlicher Intelligenz forcieren und den Abstand zu China und den USA verringern. Doch selbst die Industrie reagiert skeptisch auf den Vorstoß.

Von Markus Balser und Jannis Brühl

Daniel Wiegand weiß, was die Bundesregierung an diesem Dienstag dringend braucht: Eine Vision, die fliegt. Die Strategen des Digitalgipfels haben sein futuristisches Lufttaxi Evtol am Eingang auf ein Podest gehievt. 300 Stundenkilometer Tempo, mögliche Landung an praktisch jedem Ort des Landes - in einigen Jahren gesteuert von einem Computer. Und all das zum Preis einer ICE-Fahrt. Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt sich die Vorzüge des Flugobjekts am Mittag vor ihrem Auftritt geduldig erklären. "Und wann heben Sie ab?", will Merkel noch wissen. "Wir fliegen längst", sagt Wiegand.

Es sind Träume vom Fliegen, die die Teilnehmer des Digitalgipfels umtreiben. Die Politik sieht sich mit einem rasanten Wandel konfrontiert. Künstliche Intelligenz gilt als Schlüsseltechnologie, die in den nächsten Jahren viele Bereiche des Lebens rasant umkrempeln wird. So schnell, dass inzwischen auch die Spitzenpolitik Mühe hat, hinterherzukommen. Die USA und China sind in diesem Bereich längst weiter. Zunehmend schwinden in der Bundesregierung offenbar auch die Hoffnungen, dass die Wirtschaft Schritt hält. Der Digitalgipfel soll ein Signal aussenden: Die Politik schaltet sich von nun an stärker als bisher in den digitalen Wandel ein.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) forciert nun seine Pläne für die Gründung eines digitalen Gemeinschaftsunternehmens nach dem Vorbild von Airbus in der Luftfahrt. Ziel sei auch im digitalen Bereich ein Unternehmen unter deutsch-französischer Führung. Er hoffe, dass er das Unternehmen binnen eines halben Jahres auf den Weg bringen könne, sagt Altmaier. Möglicherweise auch mit Staatsgeld: "Es wäre das ambitionierteste industriepolitische Projekt seit Jahrzehnten", sagt der Minister. So wie das Flugzeugprojekt Airbus die Marktmacht der USA gebrochen habe, solle der "KI-Airbus" Europa in der künstlichen Intelligenz voranbringen. Ein einzelnes europäisches Unternehmen könne es bei der künftigen Schlüsseltechnik mit den US-Technologiegrößen wie Google nicht aufnehmen. "Die Lösung liegt in der Kooperation und Bündelung von Kräften", sagt Altmaier.

Das Vorhaben, bei dem es um Milliardeninvestitionen gehen würde, macht klar, für wie dringend die Bundesregierung Fortschritte längst hält. Längst läuft ein globales Wettrennen. Neue Präzision in der Medizintechnik, automatische Autos, lernende Maschinen und kommunizierende Roboter - kaum ein Wirtschaftszweig wird künftig ohne künstliche Intelligenz auskommen. Wenn hiesige Autokonzerne Software und Batteriezellen nicht selbst produzierten, drohen von 90 Prozent Wertschöpfung eines Autos in Deutschland 60 Prozent abzuwandern, warnt Altmaier.

Erst vor zwei Wochen hatte die Bundesregierung beschlossen, viel Geld in die Hand zu nehmen. Bis 2025 will sie drei Milliarden Euro in künstliche Intelligenz investieren. "Artificial Intelligence made in Germany soll zum weltweit anerkannten Gütesiegel werden", heißt es in der KI-Strategie. Das Problem ist nur: Drei Milliarden Euro in sechs Jahren, das ist immer noch wenig im Vergleich zu den Investitionen großer Konzerne wie Google oder Apple - alleine im Jahr 2016 sollen es hier zwischen 20 und 30 Milliarden Euro gewesen sein.

In Sachen KI hat das Silicon Valley in den USA längst Fakten geschaffen. Selbstlernende Software von Google und Facebook wird immer leistungsfähiger dank der gigantischen Silos an Daten und Fotos, über die diese Konzerne verfügen. Sie werben die besten Forscher an - unter anderem Deutsche. Auch China mischt ganz vorne mit. Dort haben Kommunistische Partei und IT-Konzerne einen Plan entworfen, um das Land mit KI umzukrempeln. Peking allein investiert so viel wie ganz Deutschland in lernfähige Maschinen.

Altmaiers Vorschlag hat noch weitere Verfechter in der Regierung. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer spricht sich ebenfalls für einen "digitalen Airbus" aus, um Forscher in Deutschland halten zu können. In der Wirtschaft stößt der Plan hingegen auf Skepsis. Airbus zeige gerade, dass sich wirtschaftlicher Erfolg nicht politisch herbeizaubern lasse, sagt ein führender deutscher IT-Manager. Tatsächlich kostete der Aufbau des Flugzeugbauers Jahrzehnte und Europa viel Geld. Zudem hatte Airbus bei seiner Gründung 1969 ein klares Ziel und einen Markt. Bei künstlicher Intelligenz sei noch völlig unklar, welche Produkte überhaupt entstehen, sagt der IT-Manager, der namentlich nicht genannt werden wollte. Das Projekt müsste den Beweis erbringen, dass auch ein Airbus-Konstrukt so flexibel sein kann, wie es die IT-Welt erfordert.

Die Probleme beim Wandel liegen nicht nur in der Wirtschaft. Im internationalen "State of the Internet"-Report" liegt Deutschland weltweit nur auf Position 25. Südkoreaner surfen doppelt so schnell wie Deutsche. Bei den zukunftsträchtigen Glasfaserleitungen kommt Deutschland nur auf Platz 28 von 32 Ländern der OECD. Deutschland sei noch immer ein "digitales Entwicklungsland", moniert die Bertelsmann-Stiftung. Während in Estland laut Fraunhofer-Institut mehr als 70 Prozent und in Spanien immer noch mehr als 50 Prozent der Haushalte direkt verfügbare Glasfaserverbindungen haben, sind es in Deutschland gerade einmal sieben Prozent, auf dem Land sogar nur 1,4. Die Opposition ist aus einem ganz anderen Grund verärgert. In den Diskussionsrunden des Gipfels sitzen am Dienstag die Chefs von Telekom und IBM, offenbar sieht die Bundesregierung sie als Schlüssel für die Umsetzung ihrer Strategie. Dieter Janecek, grüner Bundestagsabgeordneter und Obmann im Digitalausschuss, kritisiert das als "viel zu industrienah. Wenn die Zivilgesellschaft nicht mitgenommen wird, säuft das ganze Projekt Digitalisierung ab".

Einen digitalen Wandel um jeden Preis wolle auch sie nicht, sagt Bundeskanzlerin Merkel, sie sei für einen dritten Weg. Einen zwischen dem staatlich kontrollierten chinesischen Umgang mit Daten und dem US-amerikanischen Modell, in dem Unternehmen mit Nutzerdaten machen könnten, was sie wollten. Wenn Menschen nur noch Datenlieferanten seien, dann sei das "die Vernichtung der Individualität".

© SZ vom 05.12.2018
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