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Indonesien:Wut und Armut

Papuan students hold protest in front Merdeka Palace

Studenten aus Papua demonstrieren in Jakarta - in ihrer Heimat brennen unterdessen Regierungsgebäude.

(Foto: Eko Siswono Toyudho/Anadolu Agency/ABACAPRESS/ddp images)

Ein Streit auf einem Universitätscampus lässt in Indonesien alte Wunden aufbrechen: Die Bewohner der Region Papua fühlen sich seit Langem diskriminiert - jetzt kippt die Unzufriedenheit in Gewalt um.

Eigentlich sollte der Campus von Surabaya ein friedlicher Ort sein, an dem sich Studenten aus ganz Indonesien kennenlernen können. Die jungen Leute kommen aus allen Richtungen des Archipels, gehören vielen verschiedenen Kulturen, Ethnien und Religionen an. Eine große Chance, um sich auszutauschen und den eigenen Horizont zu erweitern. Nur dass es auch ganz anders laufen kann, so wie am 17. August, als vor einem Wohnheim Zorn hochkochte.

Nach Berichten von Menschenrechtlern skandierte ein Mob vor dem Tor rassistische Parolen. Der Hass richtete sich gegen eine Gruppe, die sich drinnen verschanzt hatte: Studenten aus der Region Papua. Tags darauf brach die Polizei durch das Tor und soll mit Tränengas ins Wohnheim gefeuert haben. Sicherheitskräfte nahmen 43 Studenten aus Papua fest, begleitet von weiterer Hetze. Als "Affen" und "Schweine" wurden die Studenten aus der östlichen Provinz beschimpft.

Ein Referendum über den Anschluss an Indonesien wurde 1969 manipuliert

Auslöser der Eskalation war die unbelegte Behauptung, einer der Papua habe eine indonesische Flagge in den Schmutz gezogen. Die Festgenommenen wurden deswegen verhört und kamen später wieder frei. Aber da hatten sich Videos vom Campus längst über die sozialen Medien bis nach Papua verbreitet, die Heimat der gedemütigten Studenten. Es gab außerdem das Gerücht, einer von ihnen sei gestorben, was der Sicherheitsminister später als falsch bezeichnete. Doch das änderte wenig. Seit dem Vorfall in Surabaya gibt es schwere Unruhen, wie sie Papua seit Jahren nicht mehr erlebte.

Regierungsgebäude brennen. Jakarta verstärkt die Truppen, aber die Spannungen dürften schwer zu entschärfen sein. Denn der Rassismus, den die Papua seit Jahrzehnten zu spüren bekommen, stärkt Freiheitsbestrebungen in der Region. Viele Papua tun sich schwer zu akzeptieren, dass sie Teil Indonesiens sein sollen. Und die Art, wie sie behandelt werden, dürfte sie in dieser Sicht sehr bestärken.

Die Probleme der gebirgigen, dicht bewaldeten Region wurzeln in einer missglückten Dekolonisierung. Als die Holländer abzogen, erstritt Jakarta die Unabhängigkeit, Papua aber wehrte sich gegen eine Einverleibung in den neuen indonesischen Staat. Ein von den UN beaufsichtigtes Referendum 1969 wurde manipuliert und sicherte den Anschluss an Jakarta. Der Aufstand einer einheimischen Guerilla, die Unabhängigkeit erstrebt, schwelt seit jenen Tagen. Und die Staatsmacht hat es nicht geschafft, den großen Widerspruch aufzulösen, der sich im Schicksal Papuas spiegelt: Kein Gebiet ist reicher an Bodenschätzen, dennoch ist die Armut größer als in allen anderen Regionen. Die Grasbergmine, wo der US-Konzern Freeport-McMoRan Kupfer und Gold abbaut, ist das größte Schürfgebiet der Welt. Doch von den Milliarden profitierten die Einheimischen bislang kaum. Unabhängige Beobachter sind nicht zugelassen im Gebiet, was es kompliziert macht, Menschenrechtsverletzungen in Papua zu untersuchen und dokumentieren.

Die Anbindung an Indonesien bietet für die Bevölkerung jedoch auch Chancen. In einer Stadt auf der Insel Java zu studieren ist für junge Leute aus Papua "ein Privileg und ein Fluch zugleich", schreibt die Jakarta Post. Das Studium ermöglicht Bildung, die es in Papua nicht gibt, aber rassistische Anfeindungen lasten schwer auf der Psyche. Eine Studentin, Fenni Kocu, erzählt in der Zeitung, wie sich das anfühlt, wenn sich die Leute angewidert abwenden. Wenn sie tuscheln. Wenn sie sagen, dass Papua schlecht riechen. Kocu war schon als Mädchen nach Java gekommen, sie hatte nicht die Kraft, sich zu wehren, schluckte alles. "Aber es hat mich sehr verletzt."

Der Präsident wollte eine Versöhnung erreichen. Doch die Sicherheitskräfte blieben hart

Die Sozialwissenschaftlerin Annie Soetjipto, die in Yogyakarta lehrt, erklärt, dass viele Volksgruppen in Indonesien mit Stereotypen belegt seien, dass aber nur die Papua wegen ihrer körperlichen Merkmale beleidigt würden. So werden sie zum Beispiel als "Affen" entmenschlicht, schlimmer kann Rassismus nicht sein.

Angesichts des Zorns hat Präsident Joko Widodo zur Mäßigung aufgerufen, die Menschen in Papua sprach er als "Brüder und Schwestern" an. Er verstehe, dass sie sich diffamiert fühlten, aber statt wütend zu werden, sollten sie doch vergeben. Er versprach zugleich, sich um "die Würde und das Wohlergehen" der Menschen in Papua zu kümmern. Allerdings sah es nicht so aus, als würde das reichen, um die Stimmung in Papua zu beruhigen. Das Misstrauen dort ist groß, was auch an einer langen qualvollen Geschichte liegt, in der die Unterdrückung nie aufhörte.

Als Widodo an die Macht kam, wollte er eine Wende in Papua herbeiführen, er reiste viele Male in die Region, versprach Entwicklung, schob Projekte an und hoffte, die Menschen zu gewinnen, Versöhnung zu ermöglichen. Doch die harte Hand der Sicherheitskräfte, die nach Rebellen jagen, macht das schwierig. Und es kommen immer wieder verstörende Details ans Licht. Im Februar kursierte ein Video, das einen mutmaßlichen Dieb in Papua kniend am Boden zeigt, er hat Todesangst, weil sie ihm eine zwei Meter lange Schlange um den Körper legten. Später entschuldigte sich die Polizei, doch spielte sie die Quälerei zugleich herunter, das Reptil sei ja nicht giftig gewesen, hieß es. Für die Papua war das nur ein weiterer Beleg dafür, wie sie entrechtet und geknechtet werden.