Präsidentschaftswahl Auf Hetzplakaten heißt es: "Es ist halal, wenn LGBT getötet werden."

Jeden Sonntag kommt ein Religionsgelehrter, um sie in den Koran einzuweisen, manchmal bringt er Studenten mit, die mithelfen. So erfahren sie Zuspruch, sie haben das Gefühl dazuzugehören. Aber das ist nur die eine Seite ihres Lebens, oft schlägt ihnen auch Ablehnung oder Hass entgegen. Die Schule wirkt damit wie ein Barometer, an dem sich der Grad der Toleranz ablesen lässt. Wenn dieser Unterricht überdauert, wäre das ein gutes Zeichen für den Pluralismus und auch den Rechtsstaat in Indonesien.

Aber die Gegner lassen nicht locker, was symptomatisch ist für diese Zeiten, in denen das konservativ-islamische Lager erstarkt. Der Vielvölkerstaat ringt um seine Seele, liberale und konservative Strömungen prallen aufeinander, auch und gerade in Yogyakarta, wo sich progressive Gruppen und die Zirkel muslimischer Hardliner belauern. Radikale wollen sich als Wächter des Islam hervortun, und sie versuchen dies, indem sie Stimmung machen gegen sexuelle Minderheiten. So tauchten vor der Wahl Hetzplakate und Hassbotschaften auf: "Es ist halal, wenn LGBT getötet werden", lautete eine.

Für Ibu Shinta und ihre Schüler sind solche Anfeindungen nicht neu, besonders bedrohlich wurde es 2016, als Dutzende Radikale nach dem Freitagsgebet mit ihren Motorrädern vorfuhren und verlangten, die Schule müsse umgehend schließen, weil sie alle sündigten. Gott habe nur Männer und Frauen erschaffen, behaupteten sie, Transgender könnten nie in den Kreis gläubiger Muslime gehören. Die Polizei schritt ein und verhinderte Übergriffe, die Frau des Gouverneurs machte sich für die Schule stark, Menschenrechtler intervenierten, so konnte die Schule die Attacke abwehren. Aber der Schock saß tief und die Sorgen sind nicht gewichen, auch wenn alle versuchen, gelassen damit umzugehen.

Der Koran-Lehrer, Lolihul Amin al Ma'um, ist ein Mann mit bedächtiger Stimme. Vor anderen muss er sich manchmal rechtfertigen, dass er herkommt, um die Transgender zu unterrichten. "Es gibt keinen Grund, diese Leute vom Islam auszuschließen", sagt er. Schließlich seien alle Menschen ein Geschenk Gottes. "Wer Transgender verfolgt, hat einfach nicht lange genug den Koran studiert", sagt der Gelehrte mit Blick auf die Hardliner.

Es sind aber nicht nur die Randalierer, die gegen sexuelle Minderheiten Stimmung machen, selbst der höchste muslimische Rat Indonesiens will vor allem Homosexuelle kriminalisieren. 2015 hat er in einer Fatwa gleichgeschlechtlichen Sex geächtet, in schweren Fällen sogar die Todesstrafe empfohlen. Allerdings ist nach indonesischem Recht Homosexualität nicht strafbar, eine Ausnahme bildet allein die ultra-konservative Provinz Aceh, wo die Scharia gilt und Schwule und Lesben öffentlich ausgepeitscht werden.

Transgender stehen am Rande der Gesellschaft

In Indonesien heißen die Transgender "Waria", ein Begriff, der sich aus der Mischung der Wörter für Mann und Frau ergibt. In der javanischen Kultur hatten sie jahrhundertelang ihren Platz. Inzwischen aber leben viele am Rand der Gesellschaft, die Transgender in der Schule können alle von Diskriminierungen erzählen, oft finden sie keine festen Jobs, manche tingeln als Straßenverkäufer von Tür zu Tür, andere arbeiten in Friseursalons oder Bars, die Gefahr, in die Prostitution abzurutschen, ist groß.

"Am schlimmsten ist es, dass man intellektuell nicht für voll genommen wird, keiner nimmt es ernst, wenn ich meine Meinung sage oder eine Idee habe", sagt Jessica Ayu Lesmana. "Das ist noch schlimmer als die Diskriminierung, die wir wegen unseres Körpers erleben". Wie Ibu Shinta ist die 26-Jährige eine Transfrau. Geboren in einem männlichen Körper hat sie sich schon als Kind als Mädchen gefühlt und Kleider angezogen. Ihre Eltern schienen das zu akzeptieren, anders als ihre Brüder musste sie dann aber auch Arbeiten verrichten, die traditionell Mädchen übertragen wurden. Putzen, Waschen, in der Küche helfen, während die Brüder spielten.

Als sie erwachsen wurde, waren die Eltern nicht mehr einverstanden, das Verhältnis verschlechterte sich. Sie nahm Hormone, Brüste wuchsen. Aber eine Geschlechtsumwandlung durch einen Arzt hat sie bislang nicht vorgenommen. "Das scheitert am Geld." Andere Transfrauen erzählen, dass sie Scheu hätten, sich operieren zu lassen, weil Allah sie doch so geschaffen habe: mit einem männlichen Körper, auch wenn sie sich immerzu als Frauen fühlen.

Ibu Shinta sagt, dass Transmänner noch zurückgezogener lebten als Transfrauen, auch in ihre Schule kommen sie nur selten. Jessica Ayu Lesmana geht immerhin manchmal in die Moschee zum Beten, sie hat damit keine Probleme, andere Transgender aber schon. Sollen sie sich vorne zu den Männern stellen, wo sie schräg angeschaut werden? Oder lieber hinter zu den Frauen, wo dann getuschelt wird? "In unserer Schule fühlen sich viele entspannter", sagt Ibu Shinta.

Am Nachmittag haben alle nacheinander im Koran gelesen, nun versammeln sie sich im Innern des Hauses. Vorne knien der Lehrer und die Studenten, hinter ihnen die Transfrauen. Sie blicken in Richtung Mekka und beten zu Allah, dem Allmächtigen. An der Rückwand wachen zwei geschnitzte Skulpturen. Traditionell sind das in javanischen Häusern Mann und Frau. "Loro Blonyo". Das unzertrennliche Paar. Bei Ibu Shinta sind es Frau und Frau, die stolz ins Gebetszimmer lächeln.

LGBTQ "Das Coming-out ist nie zu Ende"

Tag gegen Homophobie

"Das Coming-out ist nie zu Ende"

Markus Ulrich, Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes, erklärt, wie es um die Gleichberechtigung sexueller Minderheiten in Deutschland steht.   Interview von Cristina Marina