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Indonesien:Eine Metropole zieht um

Jakarta, Hauptstadt von Indonesien

Jakarta hat als Hauptstadt ausgedient. Die Metropole sinkt jedes Jahr um bis zu 25 Zentimeter ab.

(Foto: Azka Rayhansyah/Unsplash)
  • Die Hauptstadt Indonesiens soll auch wegen drohender Überschwemmungen auf die Insel Borneo, in Indonesien "Kalimantan" genannt, verlegt werden.
  • Durch den Abzug des Regierungssitzes strebt Präsident Widodo eine Entlastung der bisherigen Hauptstadt Jakarta an.
  • Jakarta soll seine Rolle als Wirtschaftsmetropole jedoch behalten.
  • Schon von 2024 an soll mit dem Umzug erster Beamter begonnen werden.

Noch hat sie keinen Namen. Wie wird sie aussehen? Wem wird sie ähneln? Die Indonesier wissen noch nicht allzu viel über ihr neues Baby. Nur dass die Geburt nun doch näher zu rücken scheint. Präsident Joko Widodo trat Anfang der Woche vor die Nation und verkündete, dass Indonesien eine neue Hauptstadt bekommen wird.

Nun wissen die Leute schon eine Weile, dass Widodo auf dieses Ziel hinarbeitet, insofern hielt sich die Überraschung über die offizielle Ankündigung in Grenzen. Das Parlament ist nun beauftragt, ein Gesetz auszuarbeiten, um den Umzug rasch anzuschieben. Die Regierung habe die Optionen nun drei Jahre lang eingehend studiert, sagte Widodo. Und im Ergebnis sei die Wahl auf Kalimantan gefallen, das ist der indonesische Teil der Insel Borneo.

Die Hauptstadt wird in die tiefe Provinz verlegt

Es könnte das komplizierteste Projekt werden, das der Staat seit der Unabhängigkeit von den Niederländern jemals angepackt hat; zumal die Regierung nun von Insel zu Insel umziehen muss. Als Bauplatz für den künftigen Regierungssitz hat Widodo ein küstennahes Gebiet im Osten Borneos benannt, nicht weit von der Stadt Balikpapan entfernt. Die Hauptstadt wird demnach in die tiefe Provinz verlegt. Ein großes Abenteuer? Ganz bestimmt. Doch an der Entschlossenheit Jokowis, wie die Indonesier ihren Präsidenten nennen, gibt es kaum Zweifel.

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Schon in früheren Jahrzehnten spielten Politiker in Jakarta mit der Idee, die Hauptstadt zu verlegen. Allerdings hat kein Staatschef das Vorhaben so ernsthaft vorangetrieben wie Widodo. Und das dürfte mit der immerzu wachsenden Misere in der bestehenden Hauptstadt Jakarta zu tun haben. Im Einzugsgebiet der Metropole leben jetzt 30 Millionen Menschen, die Stadt ist ein Moloch, dessen Verkehrsstaus so legendär wie gefürchtet sind. Mangelnde Planung hat das Ballungsgebiet über die Jahrzehnte in massive Mobilitätsprobleme gestürzt, Müll und Smog sind schwer beherrschbar.

Jakarta sinkt - weil die Einwohner so viel Wasser aus dem Boden pumpen und weil der Meeresspiegel steigt

Doch am bedrohlichsten ist: Jakarta sinkt, teils senkt sich der Boden um 25 Zentimeter im Jahr ab, was vor allem daran liegt, dass die Bewohner so viel Wasser aus dem Boden pumpen. Damit steigt die Gefahr von Überflutungen, vor allem im Norden der Stadt. Ein Schutzwall im Meer soll künftig das Schlimmste verhindern, doch Widodo ist frustriert, dass sich der Bau immer wieder verzögert. Der Klimawandel dürfte die Leiden Jakartas weiter verschärfen, weil der Meeresspiegel steigt und damit zu rechnen ist, dass Stürme heftiger wüten als zuvor.

An apokalyptischen Szenarien für Jakarta mangelt es nicht, insofern spricht viel dafür, neue Wege zu gehen: "Jakarta trägt eine überwältigende Bürde als Zentrum der Verwaltung, der Geschäftswelt, von Finanzen, Handel und Dienstleistungen", erklärte der Präsident. Ihre Rolle als Wirtschaftsmetropole soll die Stadt zwar behalten, doch der Präsident will sie durch den Abzug des Regierungssitzes entlasten. Womöglich wird das helfen, von Jakarta zu retten, was noch zu retten ist.

Widodo sagte, dass Indonesien bisher nie in der Lage gewesen sei, seine Hauptstadt selbst zu wählen, er spielte damit auf die holländischen Kolonialherren an, die ihre ostasiatischen Besitzungen seit dem 17. Jahrhundert vom Handelsposten in Batavia aus kontrollierten, das später dann in Jakarta umbenannt wurde. Widodo erwähnte dies kaum zufällig, hofft er doch, dass die Wahl einer neuen Hauptstadt den Willen zur Einheit stärkt.

"Der Standort ist sehr strategisch", versichert der Präsident

Jakarta symbolisiert nicht nur das Erbe der Kolonialzeit. Die Stadt liegt auf Java und damit auf jener Insel, die Indonesien ökonomisch und politisch stets dominierte, obgleich sie die kleinste der sogenannten "Großen Sundainseln" ist. Sumatra, Borneo und Sulawesi sind weniger entwickelt, ganz zu schweigen von Tausenden kleineren Inseln, die zum riesigen Staatsgebiet gehören. Die Aufgabe, die entlegenen Regionen im Inselarchipel stärker anzubinden, gilt als immens. Und es gibt seit Langem eine indonesische Debatte darüber, ob es nicht ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit wäre, die Hauptstadt Indonesiens stärker zu "zentrieren", das heißt, einen Standort zu finden, der geografisch weitgehend in der Mitte zwischen Sumatra im Westen und Papua im Osten liegt. Diese Überlegung machte Borneo zum Favoriten. "Der Standort ist sehr strategisch", versicherte Widodo. Er möchte, dass dieser Ort dann auch zur Keimzelle für Aufschwung in vernachlässigten Gegenden wird.

Der Standort hat noch einen weiteren Vorteil: Es gibt keine speienden Vulkane in der Nähe. Außerdem ist auf Borneo noch verfügbar, was auf Java aufgrund der Bevölkerungsdichte äußerst knapp geworden ist: Land. Zwei Distrikte wurden für den Bau ausgewählt. Dort besitzt der Staat bereits 1800 Quadratkilometer Grund, anfangs soll sich die Metropole über 400 Quadratkilometer erstrecken, sie wäre dann etwas größer als München. Die Kosten werden auf 30 Milliarden geschätzt. Schon ab 2024 hofft die Regierung, mit dem Umzug erster Beamter zu beginnen.

Feuer und Palmölplantagen haben die Tropenwälder Borneos weitgehend zerstört

Einzigartig ist so ein Hauptstadt-Transfer nicht, schon andere Länder haben neue Verwaltungs- oder Regierungszentren gebaut, um die alten Hauptstädte zu ersetzen oder zu entlasten, Nigeria und Brasilien sind Beispiele dafür. Borneo war früher fast überall von Regenwald bedeckt, doch massiver Holzeinschlag, Feuer und das Anlegen von Palmölplantagen haben die Tropenwälder weitgehend zerstört oder so stark fragmentiert, dass einst verbreitete Tierarten wie die Orang-Utans inzwischen als extrem gefährdet gelten.

Auch der Abbau von Kohle hat viele Schäden angerichtet. Und das neue Großprojekt? Es gibt Sorgen, dass der Zuwachs an Bevölkerung den Druck auf die Umwelt Borneos weiter erhöht. Planungsminister Bambang Brodjonegoro sicherte immerhin zu, dass Schutzgebiete durch den Bau nicht tangiert würden, auch will er geschädigte Flächen wieder aufforsten, sodass sie der Stadt als Grüngürtel nützen. Wenn das gelingt, wird die neue Hauptstadt deutlich anders aussehen als die Betonburg Jakarta, wo jeder Baum schon zur Rarität geworden ist.

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