Indiens neuer Premierminister Modi:Mit der Macht eines Löwen

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Bislang haben Sonderermittler Modi keine persönlichen Verfehlungen nachgewiesen. Und mittlerweile hat er genau das erreicht, was er erreichen will. Wenn von Modi die Rede ist, sprechen alle von seinen wirtschaftlichen Erfolgen. Doch noch immer ficht die Witwe eines muslimischen Abgeordneten vor Gericht gegen Modi und 59 weitere Personen, weil ihr Mann während der Pogrome 2002 verbrannte. Modi soll Polizeischutz für ihn und weitere 200 Menschen auf dessen Anwesen verweigert haben. Und ein früherer oberster Richter spricht im Zusammenhang mit den Ereignissen von 2002 schlicht von einem staatlich finanzierten Völkermord.

Vieles deutet darauf hin, dass die Ereignisse in Gujarat keineswegs nur spontane Gewaltausbrüche waren. Die Hindu-Nationalisten sollen gezielt vorgegangen sein. Sie haben angeblich - womöglich mit Hilfe von Wahllisten - genau gewusst, wo sie Muslime suchen und finden konnten, selbst wenn diese vom Namen her nicht als solche erkennbar gewesen seien. So berichten es jedenfalls Leute, die lange in Indien gelebt haben. Doch ob es tatsächlich so war, lässt sich oft nicht nachprüfen.

Mann ohne Größe

Modi hat sich zwar zuletzt Muslimen behutsam angenähert, doch zu symbolischen Gesten ist er nicht bereit: Als ihm eine muslimische Kopfbedeckung überreicht wurde, setzte er sie nicht auf.

Bei der Begegnung mit den Journalisten in Gandhinagar 2012 verwirrt genau das so sehr: Das Fehlen jener Größe, die es ihm ermöglicht, die Ereignisse aus dem Jahr 2002 über leere Worte hinaus zu würdigen. Da sitzt ein Mann, der - das ist da schon klar - Indiens nächster Premierminister werden könnte. Er redet aber nur über Wirtschaft. Darüber, dass seine Partei anders als die "halbsozialistische Kongresspartei" auf den Markt setzt. Er stellt sich gerne als Mann der Mittelklasse dar, der die Freuden und Nöte des Alltags nur zu gut selbst kennt. Aber kann er vermitteln in dieser Dauerfehde zwischen Muslimen und Hindus? Wohl kaum.

Erst recht nicht vor dem Hintergrund der Geschichte seiner Partei: Die BJP hatte in den achtziger Jahren die Beseitigung der berühmten Babri-Moschee zum Wahlkampfthema gemacht, die bis Anfang der neunziger Jahre in Ayodhya stand. Dort sollen sich Jahrhunderte zuvor Tempel des Rama befunden haben - Rama gilt in der hinduistischen Mythologie als Gottheit. Der erste Mogul-Kaiser Barbur ließ, aus Afghanistan kommend, diesen Tempel zu Beginn des 16. Jahrhunderts niederreißen und statt dessen die Babri-Moschee bauen.

Über Jahrhunderte stritten Hindus und Muslime nun um dieses Bauwerk. Die Partei forderte die Zerstörung der Moschee, 1992 wurde sie unter anderem mit Hilfe des RSS gestürmt und niedergerissen. Auch damals starben mehrere Tausend Menschen. Modi, so schreibt es der Economist, habe 1990 bei der Organisation eines Marsches nach Ayodhya geholfen, der in den zwei Jahren vor den Pogromen Teil der Stimmungsmache war. Auch die Hindu-Pilger in dem 2002 verbrannten Zug kamen aus Ayodhya.

Die Selbstdarstellung als Verteidiger des Hinduismus verschaffte der BJP einen unglaublichen Zulauf, schon Ende der neunziger Jahre übernahm sie einmal die Regierungsverantwortung in Indien.

Imageumkehr

Nun sagt man in Indien gerne, dass sich in diesem Land jede Geschichte auch in ihr Gegenteil verkehren ließe - und das sei dann genauso richtig. Das gilt auch für den Fall Modi. Seine Arbeit an der Imageumkehr war erfolgreich, er gilt nun überall als der Macher, der Korruption bekämpft, schnellere Entscheidungen trifft und effizienter regiert als andere es tun würden. Der Rest ist schon fast vergessen.

Die Finanzmärkte feiern nun Modis Sieg, hoffen darauf, dass die größte Demokratie der Welt so erfolgreich wird wie das straff geführte China. Schon seit Februar eilt die Börse von Rekord zu Rekord und auch die Landeswährung Rupie erholt sich. Man ist erleichtert, dass Modi kommt, weil das Land so große Probleme hat. Arbeitslosigkeit, Inflation, Hunger, Analphabetentum. Die Wirtschaft wächst zwar, im vergangenen Quartal um knapp fünf Prozent im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum. Doch gemessen an der Not vieler Menschen in Indien ist das zu wenig. 2010 lag die Wachstumsrate noch doppelt so hoch.

Als Modi die Journalisten in Gandhinagar 2012 verabschiedet, bekommt jeder noch ein Buch überreicht: Groß, weiß, im schwarzen Einschuber. "Golden Gujarat - the Spirit of Enterprise" steht da drauf. Man blättert ein wenig und findet dort ein Grußwort von Narendra Modi. Direkt daneben hat er das riesige Bild eines Löwen platzieren lassen.

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