Indiens neuer Premierminister Modi:Mann mit zu vielen Eigenschaften

Lesezeit: 6 min

Narendra Modi wird Indiens neuer Premierminister. Und damit Chef eines Landes, das vor einem atemberaubenden Berg von Problemen steht. Doch was ist er für ein Mensch? Szenen einer Begegnung im Jahr 2012, die viel über ihn aussagt.

Von Hans von der Hagen

Natürlich ist es misslich, dass der Flachbildschirm im entscheidenden Moment seinen Dienst versagt. Mitten im Zentrum der Macht, in der Residenz von Narendra Modi, des Chief Ministers von Gujarat. Das ist der indische Bundesstaat, in dem doch alles so viel geschmeidiger und effizienter laufen soll als im übrigen Land.

Statt des geplanten Videos kommen also erst mal drei Handwerker und schrauben den Monitor von der Wand. Politiker mäandern fahrig durch den Raum und die Besucher geraten ins Plaudern - das Wirtschaftswunder von Gujarat kann an diesem Tag im Februar 2012 der Gruppe von Journalisten erst mit hässlicher Verzögerung vorgeführt werden.

Doch dann knallt es. Zahlen, Kurven, Bilder. Das Wachstum ist top, die Versorgung mit Strom ist top, das Verkehrsnetz ist top, die Organspenderate ist top. Selbst die Landesgeschichte ist top, weil Mahatma Gandhi hier geboren wurde. Kurz: Es geht dermaßen aufwärts mit Gujarat, dass es einem nur so schwindelt.

Der so üppig bebilderte Erfolg ist eine Werbeverkaufsschau im Auftrag des Chefs Narendra Modi. An sich nichts Ungewöhnliches - viele Regionen in aller Welt ringen auf diese Art um Geld und Aufmerksamkeit von Investoren. Es wäre also beinahe alles ganz harmlos in diesem reich begrünt daliegenden Regierungsviertel in Gandhinagar nahe der Metropole Ahmedabad, wo Modi in einem flachen, unauffälligen Bungalow residiert.

Doch da trübt etwas alle Beschaulichkeit. Und das ist Modi höchstpersönlich, der heute 63-jährige Regierungschef von Gujarat. Er hat zu viele Eigenschaften. Manche schimpfen diesen Mann einen Faschisten. Andere gar einen Massenmörder. Und wieder andere dagegen verehren ihn geradezu. Dazwischen geht es nicht bei Modi, der Mitglied der rechtskonservativen hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Partei (BJP) ist.

Die Vereinigten Staaten durfte er zeitweise nicht betreten und deutsche Politiker hielten sich lange fern von ihm. Doch das funktioniert nicht mehr. Jetzt im Mai 2014 ist klar: Indiens neuer Premierminister heißt Narendra Modi.

Weltgrößte Statue

Doch wer ist Modi, der Mann, der nebenbei noch für den indischen Staatsmann Sardar Patel die weltgrößte Statue bauen will? 182 Meter hoch - etwa doppelt so hoch wie die Freiheitsstatue in New York und viereinhalb Mal so hoch wie die Christus-Statue in Rio de Janeiro.

Wer zu Modi will, muss sich in dem kargen Wartezimmer seiner Residenz gedulden. Dort ausliegende Broschüren zeigen aber schon vor dem Treffen, wie sich Modi den Blick auf seine Person vorstellt: Da findet sich etwa eine Ausgabe von Diplomatist, eine Art Kundenmagazin im staatlichen Auftrag. Huldvoll grüßt Modi auf dem Titelblatt die Welt, gleich eine Seite weiter geht es dann um seine Visionen: "Ich sehe einen Tag, wenn sich die Welt Dialogen des Friedens hingibt, und die Menschheit ohne Krieg miteinander redet."

Frieden. Das ist das Stichwort. Dummerweise ging es in Modis Vergangenheit nicht immer friedlich zu: Vor zwölf Jahren soll Modi die Polizei zurückgehalten haben, als in seinem Bundesstaat ein Mob den Tod von knapp 60 hinduistischen Pilgern rächte, die in Godhra in einem Zug verbrannt waren. Nationalisten hatten Muslime für das Feuer verantwortlich gemacht. Zahlreiche Menschen - manche sprechen von mehr als 1000, manche von 4000 - starben später in den Pogromen.

Damals war Modi gerade erst Chief Minister in Gujarat geworden und hatte entsprechend geringe Erfahrung in dieser Position. Dies könnte man ihm zugutehalten. Mehr noch allerdings spricht dafür, dass die Pogrome keineswegs Folge politischer Unerfahrenheit waren, sondern bewusst in Kauf genommen wurden. Nicht nur, weil Modis Partei nachdrücklich für die Hindus eintritt und damit ebenso nachdrücklich Muslime ausgrenzt. Modi gehört auch noch dem radikalen, milizähnlichen Freiwilligenkorps Rashtriya Svayamsevak Sangh (RSS) an, das mitunter auch gewaltsam vermeintliche Rechte der Hindus durchsetzt.

Entschuldigung? Gibt es nicht!

Was sagt er selbst dazu? Seine Besucher empfängt Modi im Sitzungszimmer, das von einer ovalen Runde schwerer Holzpulte dominiert wird. Er sitzt an der Spitze, mit einigem Abstand flankieren ihn rechts und links seine Mitarbeiter, die Äußerungen des Chefs devot lächelnd goutieren. Der Chef wirkt äußerlich durchaus angenehm: Traditionelles langes Gewand, silberfarbenes Haar, Vollbart, ruhige Art. Er könnte auch ein Arzt sein, der im nächsten Moment Unregelmäßigkeiten des Herzschlags erklärt.

Möglicherweise ist das einer der Gründe, dass er bei den Wählern gut ankommt. Doch die Stimmung ist angespannt. Schon im Vorhinein hatte Modi deutlich gemacht, dass Fragen zu den Pogromen nur schriftlich im Voraus, aber nicht live gestellt werden dürften. Als es denn doch geschieht, reagiert er kühl. Die Gerichte würden entscheiden. Punkt. Einmal hatte er bei solchen Fragen schon einen Interviewer von CNN-IBN vor laufender Kamera sitzenlassen - er ist einfach gegangen.

Die offizielle Stellungnahme zu den Geschehnissen 2002 bekommt man also nicht von Modi persönlich, sondern sie wird später auf sechs Zetteln unter der Überschrift: "Gujarats Antworten auf die Post-Godhra-Unruhen 2002" ausgehändigt. Stellungnahmen zu den vorweg eingereichten Fragen sucht man vergebens. Vielmehr findet sich üppiges Eigenlob: Das Krisenmanagement sei beispielhaft gewesen.

Ansonsten: Keine Spur von Unbehagen. Das, was damals geschah, sei "bedauerlich". Fertig.

Mit der Macht eines Löwen

Bislang haben Sonderermittler Modi keine persönlichen Verfehlungen nachgewiesen. Und mittlerweile hat er genau das erreicht, was er erreichen will. Wenn von Modi die Rede ist, sprechen alle von seinen wirtschaftlichen Erfolgen. Doch noch immer ficht die Witwe eines muslimischen Abgeordneten vor Gericht gegen Modi und 59 weitere Personen, weil ihr Mann während der Pogrome 2002 verbrannte. Modi soll Polizeischutz für ihn und weitere 200 Menschen auf dessen Anwesen verweigert haben. Und ein früherer oberster Richter spricht im Zusammenhang mit den Ereignissen von 2002 schlicht von einem staatlich finanzierten Völkermord.

Vieles deutet darauf hin, dass die Ereignisse in Gujarat keineswegs nur spontane Gewaltausbrüche waren. Die Hindu-Nationalisten sollen gezielt vorgegangen sein. Sie haben angeblich - womöglich mit Hilfe von Wahllisten - genau gewusst, wo sie Muslime suchen und finden konnten, selbst wenn diese vom Namen her nicht als solche erkennbar gewesen seien. So berichten es jedenfalls Leute, die lange in Indien gelebt haben. Doch ob es tatsächlich so war, lässt sich oft nicht nachprüfen.

Mann ohne Größe

Modi hat sich zwar zuletzt Muslimen behutsam angenähert, doch zu symbolischen Gesten ist er nicht bereit: Als ihm eine muslimische Kopfbedeckung überreicht wurde, setzte er sie nicht auf.

Bei der Begegnung mit den Journalisten in Gandhinagar 2012 verwirrt genau das so sehr: Das Fehlen jener Größe, die es ihm ermöglicht, die Ereignisse aus dem Jahr 2002 über leere Worte hinaus zu würdigen. Da sitzt ein Mann, der - das ist da schon klar - Indiens nächster Premierminister werden könnte. Er redet aber nur über Wirtschaft. Darüber, dass seine Partei anders als die "halbsozialistische Kongresspartei" auf den Markt setzt. Er stellt sich gerne als Mann der Mittelklasse dar, der die Freuden und Nöte des Alltags nur zu gut selbst kennt. Aber kann er vermitteln in dieser Dauerfehde zwischen Muslimen und Hindus? Wohl kaum.

Erst recht nicht vor dem Hintergrund der Geschichte seiner Partei: Die BJP hatte in den achtziger Jahren die Beseitigung der berühmten Babri-Moschee zum Wahlkampfthema gemacht, die bis Anfang der neunziger Jahre in Ayodhya stand. Dort sollen sich Jahrhunderte zuvor Tempel des Rama befunden haben - Rama gilt in der hinduistischen Mythologie als Gottheit. Der erste Mogul-Kaiser Barbur ließ, aus Afghanistan kommend, diesen Tempel zu Beginn des 16. Jahrhunderts niederreißen und statt dessen die Babri-Moschee bauen.

Über Jahrhunderte stritten Hindus und Muslime nun um dieses Bauwerk. Die Partei forderte die Zerstörung der Moschee, 1992 wurde sie unter anderem mit Hilfe des RSS gestürmt und niedergerissen. Auch damals starben mehrere Tausend Menschen. Modi, so schreibt es der Economist, habe 1990 bei der Organisation eines Marsches nach Ayodhya geholfen, der in den zwei Jahren vor den Pogromen Teil der Stimmungsmache war. Auch die Hindu-Pilger in dem 2002 verbrannten Zug kamen aus Ayodhya.

Die Selbstdarstellung als Verteidiger des Hinduismus verschaffte der BJP einen unglaublichen Zulauf, schon Ende der neunziger Jahre übernahm sie einmal die Regierungsverantwortung in Indien.

Imageumkehr

Nun sagt man in Indien gerne, dass sich in diesem Land jede Geschichte auch in ihr Gegenteil verkehren ließe - und das sei dann genauso richtig. Das gilt auch für den Fall Modi. Seine Arbeit an der Imageumkehr war erfolgreich, er gilt nun überall als der Macher, der Korruption bekämpft, schnellere Entscheidungen trifft und effizienter regiert als andere es tun würden. Der Rest ist schon fast vergessen.

Die Finanzmärkte feiern nun Modis Sieg, hoffen darauf, dass die größte Demokratie der Welt so erfolgreich wird wie das straff geführte China. Schon seit Februar eilt die Börse von Rekord zu Rekord und auch die Landeswährung Rupie erholt sich. Man ist erleichtert, dass Modi kommt, weil das Land so große Probleme hat. Arbeitslosigkeit, Inflation, Hunger, Analphabetentum. Die Wirtschaft wächst zwar, im vergangenen Quartal um knapp fünf Prozent im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum. Doch gemessen an der Not vieler Menschen in Indien ist das zu wenig. 2010 lag die Wachstumsrate noch doppelt so hoch.

Als Modi die Journalisten in Gandhinagar 2012 verabschiedet, bekommt jeder noch ein Buch überreicht: Groß, weiß, im schwarzen Einschuber. "Golden Gujarat - the Spirit of Enterprise" steht da drauf. Man blättert ein wenig und findet dort ein Grußwort von Narendra Modi. Direkt daneben hat er das riesige Bild eines Löwen platzieren lassen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema