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Indien:Verbot von Einwegplastik scheitert

A man walks on a garbage-strewn beach in Mumbai

Erst sollte Einwegplastik in Indien weitreichend verboten werden. Jetzt will man sich auf einzelne Produkte wie Tüten und Strohhalme beschränken.

(Foto: Hemanshi Kamani/REUTERS)

Die Regierung wollte ein weitreichendes Verbot von Einwegplastik durchdrücken. Doch das hat sich als nicht durchsetzbar erwiesen.

Wenn etwas die Zeit überdauert, ohne gleich weggeworfen zu werden, nennen das die Ökonomen nachhaltig. Es klang nach einem nicht nur nachhaltigen, sondern auch äußerst mutigen Vorhaben, was Indiens Regierung da entworfen hatte: Sie wollte ein weitreichendes Verbot von Einwegplastik in dem riesigen Land durchdrücken; eines, das vorbildlich in die Welt leuchten sollte. Dafür hatte Delhi ein symbolträchtiges Datum gewählt. Das Verbot sollte, pünktlich zum 150. Geburtstag Mahatma Gandhis am 2. Oktober, in Kraft treten. Das schien zu passen, weil die Freiheitsikone auch als tapferer Vorkämpfer gegen die Verschwendung gilt. Doch es kam dann anders. Delhi kippte die Pläne in letzter Minute.

Die Regierung bekam den Druck des Industrieverbands zu spüren, Produzenten protestierten und bohrten in einer Wunde. Sie warnten vor dem Verlust weiterer Jobs, was sich Regierungschef Narendra Modi kaum leisten kann, wo seine Arbeitsplatzbilanz schon so deprimierend ausfällt. Jeden Monat drängen eine Million Inder auf den Arbeitsmarkt, und Delhi findet keinen Weg, um die lahmende Wirtschaft anzuschieben.

Das indische Beispiel wirft ein Schlaglicht auf die hohen Hürden, die es beim ökologischen Umbau des Systems zu nehmen gilt. Delhis Notbremse ist symptomatisch für Schwierigkeiten, die sich weltweit zeigen. Westliche Industrienationen sind dabei nicht ausgenommen, man muss nur nach Berlin blicken, um zu sehen, wie die einst großen Verheißungen der Energiewende zusammengeschrumpft sind.

Für Premier Narendra Modi ist die Schlappe peinlich, zumal er rhetorisch immer das ganz große Rad dreht. Beim Plastik war das nicht anders. Indien will auf globaler Bühne glänzen, nun kratzt die Schlappe an der Glaubwürdigkeit. Darin liegt eine gewisse Ironie. Denn gerade beim Aufbau erneuerbarer Energien schreitet Indien weitaus forscher voran als andere Staaten. Das Land hält Kurs, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Als Verbündeter globaler Klima-Politik bleibt Indien damit ein Schlüsselpartner.

Beim Plastik muss Delhi nun aus dem Debakel lernen. Ökologen hatten längst davor gewarnt, so massive Veränderungen, die überall tief in den Alltag eingreifen, von oben hastig durchzudrücken. "Das kann nicht funktionieren", sagt Müllspezialist Chandra Bushan vom Centre for Science and Environment. Überlegt wird nun, in Phasen vorzugehen, um Einwegprodukte wie Tüten, Strohhalme, Besteck, Flaschen schrittweise zu verbannen. "Ein solches Vorgehen wäre viel effektiver", sagt Bushan. Sie gibt der Industrie Chancen, umzusteuern. Und der Staat kann die Leute besser mitnehmen. Immerhin wollen die Bahn und die staatliche Fluggesellschaft Air India künftig auf Einwegplastik verzichten. In Indien fallen täglich etwa 15 Millionen Kilogramm Plastikmüll pro Tag an oder etwa elf Kilogramm pro Einwohner und Jahr, während der weltweite Durchschnitt bei 28 Kilogramm pro Kopf und Jahr liegt, wie die indische Industrie- und Handelskammer mitteilte.

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