bedeckt München 17°
vgwortpixel

Indien:Sie laufen um ihr Leben

Auf Abstand: 21 Tage sollen die Menschen in Indien nur noch nach draußen gehen, um sich mit dem Nötigsten einzudecken.

(Foto: Sanjay Kanojia/AFP)

Premier Modi verhängt eine Ausgangssperre - weil es sonst bis zu 800 Millionen Infizierte geben könnte. Nicht nur die Tagelöhner trifft das hart.

Einundzwanzig Tage. So lange soll die Ausgangssperre in Indien dauern, die Premierminister Narendra Modi für den Subkontinent verordnet hat. "Ihr habt gesehen, wie selbst die mächtigsten Staaten hilflos wirken im Angesicht der Pandemie", rüttelte der Regierungschef seine Landsleute in einer Fernsehansprache auf. Die drei Wochen der Blockade seien jetzt entscheidend, beschwor Modi die Menschen. Wenn sie diese Zeit nicht durchhalten und strikt zu Hause bleiben, dann würde ihr Land um 21 Jahre zurückgeworfen und "viele Familien für immer zerstört sein", warnte er.

Kaum ein anderes Land der Welt steht vor einem größeren Schreckensszenario. Es könnte, wenn eine Eindämmung nach Modis Plan nicht gelingt, 800 Millionen Kranke geben, haben Experten durchgerechnet, das sprengt jede Vorstellungskraft, auch wenn es natürlich viele mild verlaufende Infektionen dabei gäbe. Indien greift jetzt schlagartig durch, nachdem die Zahlen in den letzten Tagen in die Höhe schnellten, die Zahl kletterte zuletzt auf über 600. Noch ist das vergleichsweise gering, aber Indien ist auch ein Land, in dem die wenigsten Menschen Zugang zu intensivmedizinischer Versorgung haben werden. 70 000 solcher Plätze gibt es im ganzen Land - für 1,3 Milliarden Menschen, zum Vergleich: Deutschland hat knapp 30 000 Intensivbetten, um eine Bevölkerung von 80 Millionen zu versorgen.

Aber das ist noch nicht alles. Denn während es sich Menschen der mittleren und obersten Schichten 21 Tage lang vermutlich zu Hause noch einrichten können, ist die Lage für ein Heer von Tagelöhnern lebensgefährdend. Sie stehen unmittelbar am Abgrund.

Viele von ihnen sind Wanderarbeiter und stranden jetzt mittellos in fremden Metropolen, in denen sie bislang jeden Morgen zum Schuften auf den Bau gingen, auf Märkte oder zu großen Fuhrunternehmen. Sie laden und beladen, sie schaufeln oder graben, härteste körperliche Arbeit, um abends ein paar Rupien einzusammeln, mit denen sie sich eine Mahlzeit kaufen können.

Der BBC-Reporter Vikas Pandey hat Stimmen verzweifelter Tagelöhner aufgeschrieben, einer heißt Ramesh Kumar, lebt in Uttar Pradesh, und er sagt: "Ich verdiene 600 Rupien am Tag und muss fünf Menschen ernähren. In ein paar Tagen haben wir nichts mehr zu essen. Ich weiß um die Gefahr des Virus, aber ich kann meine Kinder nicht hungern sehen." Sieben Euro am Tag, da bleibt nichts, was man sparen könnte. Jeder Tag ohne Arbeit ist da zugleich ein Tag ohne Essen. Und es ist ja auch nicht so, als wäre es in drei Wochen vorbei, das weiß die Regierung, aber würde sie jetzt schon gleich einen längeren Lockdown verkünden, würde das noch mehr Unruhe nach sich ziehen. Jetzt geht es darum, wie man all die Millionen Menschen am Leben erhält, die außer ihrer täglichen Arbeitskraft nichts besitzen.

Wer ein Konto hat, darf auf direkte Hilfszahlungen der Regierung hoffen, wie sie versprochen wurde. Modi hat vielen Armen den Zugang zum Bankensystem ermöglicht, es ist einer seiner größten Erfolge.

Und doch fallen immer noch viele Millionen durch das Netz, es sind Menschen, die darauf angewiesen sind, dass ihnen jetzt jemand Essen liefert oder ein paar Rupien aushändigt, was kompliziert ist in Zeiten einer strikten Ausgangssperre.

Von jenen, die als Wanderarbeiter nicht mehr weiter wissen, werden sich viele zu Fuß auf den Weg machen, wer wollte sie in größter Not auch aufhalten? So wie im westlichen Bundesstaat Gujarat, wo sie schon losgelaufen sind, 2000 Menschen, die nach Rajasthan wollen, heim in ihre Dörfer, in der Hoffnung, dass sie dort noch eine Chance haben, sich zu versorgen. Nur ein Bündel über der Schulter, es sind Männer, Frauen und Kinder, über deren Marsch der Indian Express gerade berichtet hat. Sie wandern stundenlang, ohne Wasser und ohne Nahrung, in der Hoffnung, irgendwo auf einen Truck aufspringen zu können oder einen Bus, der vielleicht noch fährt, Richtung Heimat.

Sie laufen jetzt um ihr Leben, aber es ist genau das, was die Regierung eigentlich vermeiden möchte, große Wanderbewegungen quer übers Land, die das Virus immer weiter verteilen.

Kein Wunder, dass Premierminister Modi nun in diesen schweren Stunden die Götter anruft. Im Universum des Hinduismus herrscht an heiligen Wesen kein Mangel, aber durch Corona sind jetzt noch einige dazugekommen. "Die Menschen in Weiß in den Klinken und Krankenhäusern sind jetzt unsere Götter", sagt der Regierungschef, er will, dass die Inder den Medizinern und Pflegern Respekt zollen für ihre harte und gefährliche Arbeit. "Sie retten uns und riskieren dafür ihr eigenes Leben." Nur dass es die Ärmsten erst einmal bis in ein Krankenhaus schaffen müssten. Für viele ist diese Hilfe schon in normalen Zeiten unerreichbar.

© SZ vom 26.03.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite