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Indien und Pakistan:Kaschmirs Identität wird zerrieben

Kaschmirkonflikt

Pakistanische Demonstranten verbrennen bei einer Kundgebung eine Fahne mit dem Bild des indischen Premierministers Modi.

(Foto: dpa)

Die Region ist paradiesisch schön - und gezeichnet vom ewigen Konflikt zwischen Indien und Pakistan. Hat man jemals die Kaschmirer gefragt, welche Zukunft sie wollen?

Die Berge von Kaschmir sind von einer Schönheit, die Menschen aus aller Welt verzaubern könnte. Das Gebiet im westlichen Himalaja wäre längst ein Magnet für Touristen aus Ost und West, würden extremistische Gewalt und die chronische Feindschaft zwischen den Atommächten Indien und Pakistan die Aussicht auf einen Frieden nicht immer wieder zerstören. Indien hat nun einen aufsehenerregenden Vorstoß gestartet, der angeblich Frieden stiften will - den Konflikt aber verschärfen könnte.

Delhi entzieht Kaschmir autonome Rechte und ordnet die Verwaltung der Region neu. Die Bewegung der Hindu-Nationalisten feiert den Schritt als Geniestreich, doch der Jubel überdeckt die Gefahren, die sich aus dieser Politik ergeben. Es handelt sich um ein fragwürdiges Experiment, das Extremisten weitere Munition liefert und moderate Kräfte schwächt.

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Kaschmir ist umkämpft seit der Teilung des indischen Subkontinents vor mehr als 70 Jahren. Gewalt und Perspektivlosigkeit beherrschen die strategisch bedeutsame Region, die überwiegend von Muslimen bevölkert ist. Indien und Pakistan haben drei Kriege um Kaschmir geführt, das Gebiet ist geteilt. Und es zählt zu den bitteren Gewissheiten der jüngeren südasiatischen Geschichte, dass die Krisenzone nur dann Frieden finden kann, wenn sich zwischen den Rivalen Indien und Pakistan eine umfassende Aussöhnung anbahnt.

Nach Tauwetter aber sieht es nicht aus. Zum einen befeuern Terrorattacken islamistischer Gruppen Hass und Misstrauen, diese Kräfte haben ihre Rückzugsgebiete in Pakistan; zum anderen hat der eiserne Griff indischer Truppen die Menschen in Kaschmir von Delhi entfremdet; viele verachten das Militär als Besatzungsmacht, die bei rechtswidrigen Übergriffen keine Strafe fürchten muss. Das Gefühl der Ohnmacht unter den Kaschmirern dürfte sich jetzt noch steigern, da das Gebiet autonome Rechte verliert.

Die Identität der Kaschmirer wird langsam zerrieben

Mit dem Versprechen, Kaschmir wie alle anderen indischen Bundesstaaten zu behandeln, war die Partei von Premierminister Narendra Modi in den Wahlkampf gezogen; nach dem deutlichen Sieg im Mai fühlt sich Modi ermuntert, den drastischen Schritt rasch zu vollziehen. In Indien ist diese Politik populär, sie wird als Zeichen der Stärke gewertet. Der Kurs dürfte dazu führen, dass auch Inder aus anderen Regionen Land in den umkämpften Bergen erwerben dürfen. Die Hindu-Nationalisten rücken das alles in ein rosiges Licht: Kaschmir könne bald aufblühen, sich entwickeln, die Armut besiegen. Aber hat man die Kaschmirer jemals gefragt, welche Zukunft sie eigentlich wollen?

Ihre Identität wird zerrieben im Dauerkonflikt zwischen Delhi und Islamabad. Ein Referendum, wie es die Vereinten Nationen einst in Aussicht stellten, hat es nach der verkorksten Dekolonisierung nie gegeben. Delhi pocht auf seinen Anspruch, Kaschmir gehöre unverrückbar zu Indien, Pakistan gibt den muslimischen Schutzpatron, tut ansonsten aber kaum etwas, um den Konflikt zu lösen. Den pakistanischen Hardlinern erscheint er sogar nützlich, um Indien zu schwächen.

Insofern ist der indische Drang nach neuen Wegen sehr nachvollziehbar. Doch der nun eingeschlagene Kurs wird die Gewalt nicht stoppen, sondern nur die Teilung zementieren. Die Aussicht auf ein einiges Kaschmir, das sich irgendwann in Frieden selbst verwalten kann, rückt immer weiter in die Ferne.

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