Indien:Showdown in Delhi

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Wahlkampf in Delhi: Anhänger der hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) mit einem Plakat des indischen Premierministers Narendra Modi. (Foto: Deep Nair/dpa)

Noch eine Woche, dann sind die "größten demokratischen Wahlen der Welt" vorbei. Am Samstag steht der Urnengang im Hauptstadtgebiet an - und wie es aussieht, braucht Premier Modi noch etliche Stimmen. Ein Wahlkampfauftritt in großer Hitze.

Von David Pfeifer, Delhi

Man kann bei Narendra Modis letztem Auftritt vor der Wahl im Großraum Delhi beides sehen: glühende Begeisterung und Gleichgültigkeit. Vor dem Eingang zum DDA-Park in Sektor 14 der indischen Hauptstadt versammelten sich am Mittwoch diverse Unterstützergruppen um 16 Uhr und übten schon mal Jubeln. Etwa 30 000 waren gekommen, um Modi zu sehen, der sich um eine dritte Amtszeit als Premierminister bewirbt.

Für ihn geht auf den letzten Metern dieser vermeintlich endlosen indischen Wahlen darum, noch mal das Feuer zu entfachen. Die Wahlbeteiligung ist etwas niedriger als 2019, die jungen Leute scheinen sich nicht angesprochen zu fühlen, das Rennen um die Stammwählerschaft der hindunationalistische Regierungspartei BJP könnte bereits gelaufen sein. Und dann wird das Land auch noch von einer Hitzewelle geplagt. Selbst um 18.20 Uhr, als Narendra Modi endlich die Bühne betritt, herrschen noch 40 Grad, ein aufkommender Wind bläst dem Publikum Staub ins Gesicht.

Modi arbeitet sich an der Kongresspartei ab, die zuletzt vor zehn Jahren regierte

Nah an der Bühne haben sich begeisterte Modi-Fans eine Stuhlpyramide gebaut, um besser sehen zu können. Dahinter verlassen die ersten Zuschauer die Veranstaltung, nachdem sie ein Selfie mit sich und dem Premierminister im Hintergrund gemacht haben. "Mutter Indien" spricht Modi dreimal sanft in das Mikrofon, dann: "Seid bitte ruhig, damit ich sprechen kann." Seine Stimme ist brüchig von den vielen Auftritten und Reden, Fernseh- und Zeitungsinterviews.

400 von 545 Sitzen in der Lok Sabha zu erringen, dem indischen Parlament, hatte Modi vor der Wahl als Ziel ausgerufen. Aber inzwischen bestehen Zweifel, ob seine BJP überhaupt noch einmal das gute Ergebnis von 2019 erreichen kann. Es drohen weniger als 300 Sitze werden, also dreht Modi auf. "Die Opposition denkt nicht an die Zukunft", ruft er seinen Anhängern zu, "wir haben 70 Flughäfen in zehn Jahren gebaut." Das ist eine seiner Lieblingserzählungen, weil die Flughäfen das Leben der Menschen spürbar verbessert haben. "Während der Kongress regierte, wurden Mobiltelefone importiert, nun sind wir der zweitgrößte Exporteur."

Modi arbeitet sich an der Kongresspartei ab, die seit zehn Jahren nicht mehr an der Macht ist. Das verrät ein Problem dieses Wahlkampfs: Ein Jahrzehnt ist nicht nur im Mobilfunkbereich eine lange Zeit. In einem so riesigen Land, in dem ein Fünftel der etwa 968 Millionen Wahlberechtigten unter 29 Jahre alt ist, ist ein Jahrzehnt eine Ewigkeit. Die BJP und Modi werden also vor allem an sich selbst gemessen. Und obwohl überall Flughäfen gebaut werden und die Wirtschaftszahlen nach oben zeigen, Indien mittlerweile sogar auf Rang fünf der Wirtschaftsmächte steht - in der Breite der Bevölkerung kommt von dem Wachstum wenig an.

Immer mehr Milliardäre, weiterhin große Armut

200 Inder standen im vergangenen Jahr auf der Forbes-Liste der Milliardäre, mehr denn je, und doch gibt es weiterhin große Armut im Land. Modi beschimpft in seiner Rede Rahul Gandhi, den Spitzenkandidaten der Opposition, und seine Mutter Sonia als "Khan Market Gang" - Khan Market heißt der große Basar in Delhi, in dem die Wohlhabenden der Stadt einkaufen und essen gehen. Dabei sind es in zehn Jahren Modi und BJP vor allem die Reichen, die reicher geworden sind. Der World Inequality Report 2022, ein Bericht zur weltweiten Ungleichheit des World Inequality Lab in Paris, hat festgestellt, dass ein Prozent der indischen Bevölkerung mehr als 40 Prozent des indischen Reichtums besitzen.

Hinzu kommt nun, dass diese Wahlen in Zeiten einer steigenden Inflation stattfinden, die Reiche weniger hart trifft. Es könnte also sein, dass die vielen Armen im Land lieber für einen Wechsel stimmen. Ähnlich ist es beim Thema Arbeitslosigkeit. Die BJP rühmt sich zwar einer historisch niedrigen Arbeitslosenquote, doch Wirtschaftsexperten zweifeln die Zahlen an. Eine Umfrage des Forschungsinstituts "Centre for the Study of Developing Societies" in Delhi ergab, dass die Arbeitslosigkeit ein Hauptanliegen der Inderinnen und Inder ist. Mehr als 60 Prozent der Befragten gaben an, es sei schwieriger geworden, einen Arbeitsplatz zu finden. Vor allem die Jungwähler, die zum ersten Mal abstimmen, beschäftigt dieses Problem.

Der Wahlausschuss fordert Mäßigung

Darüberhinaus trifft Modi im laufenden Wahlkampf Entscheidungen, die ihm Kritik einbringen. Nachdem die Beteiligung in den ersten Wahlphasen niedrig war, verschärfte er etwa den Ton gegen die muslimische Minderheit im Land. Der indische Wahlausschuss forderte die regierende BJP, aber auch die Kongresspartei am Mittwoch auf, sich in den letzten Tagen ihrer Kampagnen zurückzuhalten. "Ich benutze die Muslime nie, um Politik zu machen", sagt Modi nun im DDA-Park mit lauter, aber zunehmend schwacher Stimme. "Das macht nur die Opposition, um Stimmen zu gewinnen."

Am selben Abend, nur ein paar Kilometer entfernt, spricht dann noch Arvind Kejriwal. Der Chief-Minister von Delhi ist einer der prominentesten Widersacher Modis. "Wenn sie die Demokratie ins Gefängnis werfen, dann werden wir von dort aus arbeiten", sagt er vor ebenfalls Tausenden Fans. Dafür wird er belohnt, am nächsten Morgen hat er die Schlagzeilen für sich. Viele Wählerinnen und Wähler haben es als unlautere Behinderung der Opposition angesehen, dass Kejriwal vor Beginn der Wahlen in Untersuchungshaft genommen wurde.

"Sie haben Delhi ausgeplündert", sagt dagegen Modi über Kejriwal und dessen politische Gefolgschaft. "Ihr habt gesehen, wie viel Geld bei denen konfisziert wurde. Das ist euer Geld!" Aber richtiger Jubel kommt da in seinem Publikum nicht mehr auf. Viele sind längst auf dem Weg nach Hause, durch Delhis ewigen Stau.

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