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Indien:Kein Schutz für Frauen

Vier Vergewaltiger wurden in Delhi hingerichtet. Das hilft niemandem.

Selten schritt ein Henker im 21. Jahrhundert mit so viel Zuspruch aus der Bevölkerung zur Tat wie am 20. März in der indischen Hauptstadt Delhi. Der Staat ließ im Morgengrauen vier junge Männer hinrichten, sie hatten im Dezember 2012 eine Studentin nachts in einen Bus gelockt und stundenlang vergewaltigt und gefoltert, so dass sie zwei Wochen später ihren schweren Verletzungen erlag.

Der grausame Überfall provozierte damals wütende Proteste in ganz Indien und löste weltweit Entsetzen aus. Kaum jemand zweifelte nach den Festnahmen, dass die Justiz bei diesen Tätern zur äußersten Strafe greifen würde. Zwar zählt Indien zu jenen Staaten, die Todesurteile traditionell eher selten vollstrecken. Doch war diese Tat so monströs, dass für die meisten Inder eine andere Strafe undenkbar erschien.

Die Vollstreckung der Urteile mag nun kurzzeitig die Sehnsucht vieler Inder nach einem starken Staat erfüllen. Doch im Kampf gegen sexuelle Gewalt zeigt sich noch immer, wie schwer sich das südasiatische Land tut, seine Gesetze zum Schutz von Frauen durchzusetzen und der häufigen Straflosigkeit bei derartigen Verbrechen beizukommen.

Sicherlich hat der Fall die indische Gesellschaft aufgerüttelt. Das hatte vor allem einen positiven Effekt: Es ist inzwischen auch in Indien nicht mehr tabu, solche Verbrechen anzuzeigen, den Missbrauch und die alltägliche Gewalt anzuprangern. Immer mehr Betroffene und deren Familien wagen es, solche Taten anzuzeigen. Ob sie allerdings Gerechtigkeit bekommen, ist eine ganz andere Frage. Denn der neue Mut fordert eine Machokultur heraus, die tief verwurzelt und noch immer nicht ausreichend geächtet ist.

Obgleich Gesetze zur Ahndung sexueller Gewalt verschärft wurden, hinkt der soziale Wandel hinterher: Im patriarchalisch geprägten Indien gilt noch immer, dass die Frau sich zu unterwerfen und schon gar nicht aufzumucken hat. Schlimmer noch: Der männliche Anspruch, mit einem Frauenkörper machen zu können, was er will, hält sich quer durch alle Schichten. Das macht Frauen extrem verwundbar, sie fühlen sich oft schutzlos, obgleich die Verfassung und die Gesetze alle ihre Rechte doch festschreiben.

Zwar sind die Kräfte männlicher Dominanz nicht mehr allgegenwärtig, aber doch noch stark genug, um Frauen um ihr Recht zu bringen. Polizisten zeigen oft keinen Einsatz und paktierten im schlimmsten Fall mit den Tätern, wenn sie untätig wegsehen. Die Gerichte sind völlig überlastet, so dass sich die Verfahren lange verzögern, manchmal ohne Aussicht, je zu einem Ende zu kommen. Das aber macht die Qualen der Opfer nur noch größer.

Die jüngsten Hinrichtungen sollen nun allen zeigen, dass die brutalen Täter von Delhi nicht davongekommen sind. Doch mit einer grundsätzlichen Wende haben sie nichts zu tun: Millionen Frauen in Indien leben noch immer in Angst, und je ärmer sie sind, umso stärker sind sie den Gefahren einer Gesellschaft ausgesetzt, die sich nur sehr langsam und zäh von den alten Mustern männlicher Herrschaft löst.

Immer wieder ist in Indien zu hören, dass die Hinrichtungen künftige Täter schon abschrecken werden. Beweisbar ist diese These nicht, womöglich wird das Leben für Frauen nun sogar noch gefährlicher als vorher. Denn ein Täter, der um sein Leben fürchtet, dürfte alles tun, um seine Spuren zu verwischen und sein Opfer für immer zum Schweigen zu bringen.

© SZ vom 21.03.2020

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