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Indien:Heilige Kühe im Wahlkampf

Geehrt vom indischen Staat: Kuh-Pflegerin Friederike Brüning.

(Foto: Arne Perras)

Die Ideologie der Hindu-Nationalisten verärgert die Farmer - das könnte die Partei Stimmen kosten.

Rakesh Kumar sieht müde aus, die Nächte verbringt der indische Bauer meistens auf dem Feld, er muss seinen Weizen gegen Eindringlinge schützen. Wenn er es nicht schafft, die Ernte zu retten, sieht es übel aus für ihn und seine Familie. Also muss er Wache schieben, aufpassen, wann die nächste Herde im Schutz der Dunkelheit auf seinen Acker trampelt.

Kühe. Herrenlos und hungrig. "Für uns Bauern sind sie zu einem gewaltigen Problem geworden", sagt Kumar. Man trifft ihn an einem Kiosk am Straßenrand, wo er erschöpft Tee trinkt. Kumar lebt im Bundesstaat Uttar Pradesh, wo sich viele Bauern mit streunenden Kühen herumschlagen, um die sich niemand mehr kümmert. Die Tiere suchen Futter und geraten so in Konflikt mit Ackerbauern, die sich von den Politikern alleingelassen fühlen.

"Früher gab es diese Probleme kaum", erinnert sich Kumar, erst in letzter Zeit habe sich die Lage derart verschlechtert. Für die hindu-nationalistische Partei BJP, die nicht nur die Regierung in Delhi stellt, sondern auch den bevölkerungsreichen Bundesstaat Uttar Pradesh regiert, könnte dies zum Problem bei den Wahlen werden. Viele Bauern sind sauer, die Partei muss fürchten, dass die Krise auf den Äckern die Hindu-Nationalisten Stimmen kosten wird.

Weil Kühe im Hinduismus als heilige Wesen verehrt werden, spielt der Kuhschutz in der religiös gefärbten Ideologie der BJP eine wichtige Rolle. In Uttar Pradesh regiert die Partei seit 2017, sie hat, um sich als Wächter des Glaubens zu profilieren, alle geduldeten Schlachthäuser für Kühe geschlossen. Viele Jobs gingen verloren. Außerdem haben Hindu-Eiferer private Milizen zum Schutz von Kühen gebildet, sie schwärmen aus und jagen Menschen hinterher, die im Verdacht stehen, Kühe geschlachtet zu haben. Manchmal töten sie die Gejagten sogar, sie fühlen sich zu ihren Lynch-Feldzügen ermuntert, seitdem Hindu-Nationalisten die Regierung führen. Der Staat geht oft nur halbherzig gegen die Gewalttäter vor.

Schlachthäuser sind geschlossen worden, aber dadurch gingen viele Jobs verloren

Die Kuhpolitik der BJP hat noch weitere Auswirkungen. Sobald die Tiere keine Milch mehr geben, werden sie von vielen Besitzern ausgesetzt, sie verwahrlosen, ziehen über die Felder und treiben Ackerbauern in den Wahnsinn. Versprechen der Landesregierung, herrenlose Tiere in Kuhschutzheimen unterzubringen, sind längst nicht überall eingelöst worden.

So zieht der Stress der Bauern die Kühe mit in den Wahlkampf, allerdings anders, als es der hindu-nationalistischen BJP lieb sein kann. Ihre Kuhpolitik verstört nun die Masse der Kleinbauern, keine günstige Konstellation vor einer Wahl, in der alle um die Stimmen der Farmer buhlen.

Besuch in einem Kuhschutzheim in Radhakund. Auf dem Hof haben nicht Inder das Sagen, sondern eine Frau aus Berlin. Friederike Brüning, 61, hat ihr Leben den indischen Kühen verschrieben, sie versorgt die kranken, blinden und verletzten Tiere mit Hingabe. Für ihre Verdienste um die heilige Kuh hat ihr der indische Staat im März einen der höchsten zivilen Orden verliehen. Vor 40 Jahren ist sie als Touristin gekommen, auf der Suche nach Sinn und Zweck im Leben. Ihr Ziel war eine "spirituelle Annäherung an Gott." Dass sie auf diesem Weg auf ein verletztes Kälbchen stoßen sollte, war für sie nicht abzusehen.

Das Tier hatte einen offenen Bruch am Hinterbein, jemand hatte es lebend auf den Abfall geworfen, Brüning rettete es. "Ich habe so viel Dankbarkeit und Liebe in diesen Augen gesehen", sagt sie, da konnte sie nicht mehr aufhören. Die Leute brachten ihr weitere Kühe, und irgendwann richtete sie einen größeren Hof ein, in dem sich nun 1900 Tiere drängen.

Ihre Arbeit finanziert sie im Wesentlichen aus ihrem Erbe und einer vermieteten Immobilie in Deutschland. Außerdem gibt es Spenden. 30 Angestellte hat sie. Keines der Tiere, das bei ihr landet, wird eingeschläfert. "Man darf nicht töten", sagt Brüning, "stattdessen versuche ich, das Leid so gut es geht zu lindern." Im Stall liegt ein schwarzer Bulle reglos im Stroh. Verkehrsunfall. Er wurde mit gebrochenem Rückgrat eingeliefert. Für viele Tiere ist Brünings Hof ein Sterbe-Hospiz. "Wenn ich sie draußen liegen lasse, fressen die Hunde sie bei lebendigem Leib auf", sagt sie.

Einerseits werden in Indien Kühe als göttlich verehrt, andererseits wird überall zugelassen, dass die Tiere Plastik fressen, dass sie verhungern oder auf schlimmste Weise leiden. Kann Brüning das alles zusammenbringen? "Verstehen kann ich es auch nicht", sagt sie, vielleicht könne man aber versuchen, es zu erklären. Zumindest in sehr armen Familien ist klar, warum sie eine alte Kuh, die keine Milch gibt, nicht mehr durchfüttern. "Tierfutter ist teuer, und manche Familien wissen nicht einmal, ob sie morgen noch ihre eigenen Kinder ernähren oder zum Arzt schicken können." Weil das Schlachten tabu ist, bleibt ihnen nur, sie laufen zu lassen. Vielleicht finden sie ja einen Acker, wo sie noch ein paar Halme abgrasen können.

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