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Indien:Die Chaostage von Delhi sind ein drohendes Zeichen

Die Familienmitglieder eines bei den Zusammenstößen in Delhi Getöteten.

(Foto: AP)

Es war eine historische Leistung: das friedliche Zusammenleben verschiedener Religionen unter einer fantastischen Verfassung. Doch nun gefährdet der Hindu-Nationalismus von Premier Modi die Einheit Indiens.

Zeugen notierten, welches Triumphgeheul am lautesten zu hören war, als der Mob durch Delhi tobte: "Jai Shri Ram", brüllten Männer, mit Brechstangen bewaffnet. "Sieg Gott Ram". Wo die Götterverehrung zum Schlachtruf wird, steht es schlecht um den Frieden, zumal in einem Land wie Indien, das überwiegend von Hindus bevölkert ist, aber auch Menschen anderer Religionen Heimat bietet, allen voran 200 Millionen Muslimen. Delhi erlebt in diesen Tagen die schlimmsten Unruhen seit Jahrzehnten, mit vielen Toten und Verletzten. Gewalt entlädt sich zwischen Hindus und Muslimen, es gibt Opfer auf beiden Seiten, und beide behaupten, der andere habe angefangen.

Es gehört zu guter Polizeiarbeit, Täter zu stoppen und Hintermänner aufzuspüren, egal auf welcher Seite sie stehen. Umso mehr irritieren Berichte von Augenzeugen, wonach Polizisten tatenlos zusahen, als wütende Horden muslimische Geschäfte verwüsteten. "Bist du Hindu? Du bist gerettet", war einer jener Sätze, die Journalisten im Getümmel hörten.

Die Indizien verdichten sich, dass radikale Hindus auszogen, um jene zu bestrafen, die gegen Premier Narendra Modi und dessen Politik protestieren. Nicht alle, aber viele dieser Demonstranten sind Muslime. Sie fühlen sich diskriminiert. Dass in den blutigen Nächten offenbar Einsatzkräfte fehlten, ist bizarr, denn Delhi ist Hauptstadt, dort schützt die Zentralregierung die öffentliche Ordnung. Sie konnte zwar Donald Trump beim Staatsbesuch sichern, aber nicht ihre eigenen Bürger.

Zusammenstöße zwischen Hindus und Muslimen sind nicht neu, religiöse Gewalt reicht weit zurück, sie prägte später auch die chaotische Geburt der Staaten Indien und Pakistan, befördert durch Fehler der britischen Kolonialmacht. Das Chaos von 1947 ist verankert im kollektiven Gedächtnis, was die Leistungen des unabhängigen indischen Staates umso beeindruckender macht. Hier hat sich ein Land eine fantastische Verfassung gegeben und ein weitgehend friedliches Zusammenleben organisiert, aller historischen Last zum Trotz.

Die Fähigkeit Indiens, allen einen Platz zu geben, ist sein Schatz. Er beruht nicht alleine, aber auch auf toleranten hinduistischen Traditionen, einem Geist, wie ihn Mahatma Gandhi verkörperte. Während Pakistan zum intoleranten islamischen Staat verkam, blieb Indien lange Leuchtturm für das Neben- und Miteinander der Kulturen. Und Indiens Muslime waren vor allem: stolze, patriotische Inder.

Die Chaostage von Delhi aber sind ein drohendes Zeichen: Unfriede zwischen den Religionen wird zur größten Bedrohung für den inneren Zusammenhalt. Denn unter Modi, dem Mann, der angeblich alles im Griff hat, können Hetzer ihre perfide Arbeit verrichten. Indien ist nun das Land, in dem selbst Minister straflos zur Jagd auf Muslime aufrufen dürfen. Ihr Slogan: "Erschießt die Verräter".

Das Klima im Land hat sich mit dem Siegeszug der hindu-nationalistischen Bewegung stark gewandelt. Premier Modi hat mit Schwung begonnen, vieles angeschoben, was Armut mindert, dafür lieben ihn viele. Aber die dunkle Seite tritt immer drastischer hervor, der Hindu-Nationalismus verhöhnt den Geist der Verfassung. Das Land ächzt unter einer religiös gefärbten und spalterischen Politik, die Mehrheiten organisiert, indem sie Minderheiten dämonisiert. Das Gift, das Eiferer versprühen, zersetzt den Kitt, der Indien im Innersten zusammenhält.

© SZ vom 27.02.2020/jsa
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