Indien Das Versprechen einer Blüte

Das Ausmaß des Wahlsiegs des bisherigen Premiers überrascht, auch wenn sein Erfolg nicht wirklich infrage stand. Nun beschwört Narendra Modi die Stärke des Landes - alle sollten von ihr profitieren, sagt er.

Von Arne Perras, Delhi

Siegesparty in Mumbai: Indiens Ministerpräsident Narendra Modi mit Anhängern seiner hindunationalistischen Partei BJP.

(Foto: Money Sharma/AFP)

Schon am späten Vormittag dröhnen die Trommeln am Markt von Saket, junge Männer ziehen schreiend durch das Viertel in der indischen Hauptstadt, sie schwenken die safranfarbenen Fahnen der BJP. Im Coffeeshop an der Ecke starren die Leute auf den Bildschirm, wo seit dem Morgen die Ergebnisse der nationalen Wahl tickern. Schon früh zeichnet sich bei der Auszählung ab: Narendra Modi wird einen fulminanten Sieg einfahren, die oppositionelle Kongresspartei und ihre Verbündeten sind geschlagen, der Premierminister wird weiter regieren.

Dass Modi es noch einmal schaffen würde, glaubten viele. Aber ein so deutlicher Sieg ist doch eine Überraschung, gerade angesichts der schleppenden Reformen und der düsteren Lage am indischen Arbeitsmarkt. Selbst Modi, der immer den Macher gibt, hat es in den fünf Jahren nicht geschafft, Arbeit zu schaffen für die indische Jugend. Doch wer an diesem Tag die Szenen auf der Straße beobachtet, sieht nichts von der Tristesse und dem Frust, sondern nur das Freudenfest der BJP-Anhänger: Sie glauben an ihren Premier, sie scharen sich um diesen Mann, der ihnen immer noch Hoffnung spendet - trotz allem.

Kritiker beklagen Parolen gegen Muslime und die spalterische Strategie der Hindu-Nationalisten

Er hat mehr als 200 Wahlveranstaltungen in den vergangenen Monaten absolviert, kreuz und quer durch 27 indische Bundesstaaten. Er hat dabei rhetorisch eingedroschen auf die Opposition, wie sie es vorher kaum je erlebt hatte. Selbst die Körpersprache des Premierministers wirkte manchmal bedrohlich, weniger souverän als sonst, er wirkte angespannt, was manche dahin deuteten, dass sich Modi seines Sieges womöglich selbst gar nicht so gewiss war.

Nun aber ist an seinem Triumph nicht mehr zu rütteln. 282 Sitze brauchten Modis BJP und ihre Bündnispartner, nach den Daten vom Donnerstagnachmittag steuerte das Lager des Premiers auf 345 Sitze zu, ein sehr komfortabler Vorsprung, mit dem er nun in eine zweite Amtszeit geht. Rajyavardhan Singh Rathore, ein früherer Oberst und Abgeordneter der BJP, sagte im Moment des Triumphs, Modi führe seine Partei "wie eine Armee", und sein Sieg zeige allen: "Indien ist mächtig."

Überall im Land strömen an diesem Donnerstag BJP-Anhänger jubelnd zu den Wahlkampfzentralen ihrer Partei. Bei einem Triumphzug am Nachmittag feiern sie auch den Parteichef Amit Shah wie einen König. Shah ist Modis engster Vertrauter und hat für ihn den Wahlkampf organisiert. Der Parteichef konnte dabei sehr viel Geld einsetzen und sich auf ein weit verzweigtes Netzwerk an der Basis stützen, dominiert von der Kaderorganisation der Hindu-Nationalisten, dem RSS.

Diese Kräfte haben ihre Wähler häufig mit anti-muslimischen Parolen mobilisiert. Kritiker klagen über die spalterische Strategie, die BJP hingegen lässt sich auf diese Diskussionen gar nicht ein. Sie betont vielmehr, dass sie Wähler aus allen Schichten, über alle Kastengrenzen hinweg hinter sich scharten. Der Populismus dieser Partei zielt auf die große Mehrheit der Hindus. Und solange diese zu Narendra Modi steht, hat der auch die scharfe Kritik der intellektuellen Schichten Indiens nicht zu fürchten, die in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen hat. Im Wahlergebnis haben sich diese Stimmen allerdings kaum niedergeschlagen.

Von Rahul Gandhi, dem geschlagenen Führer der Kongresspartei, ist lange nichts zu sehen, dann tritt er kurz vor die Journalisten, um seinem Rivalen Modi zu gratulieren. Wie es sich für einen indischen Bürger gehöre, akzeptiere er die Entscheidung, sagt Gandhi, was alles schief lief für den Kongress wollte er in diesem bitteren Moment aber nicht erklären. Für die Nehru-Gandhi-Dynastie, die Indiens Politik über Jahrzehnte seit der Unabhängigkeit dominierte, dürfte es nun sehr schwer werden, sich als Gegengewicht zur BJP noch zu behaupten.

Es wird darüber gestritten, ob Modi die Konfrontation mit Pakistan ausgenutzt hat

Vijay Jolly, einer der Führer der BJP, wehrte sich im Sender NDTV gegen Erklärungen, wonach Modi vor allem die Konfrontation mit Pakistan nutzen konnte, um Stimmen als Beschützer der Nation zu sammeln, Jolly sagte, der Premier habe ja nur auf die Ereignisse reagiert und seine Pflicht getan. Kritiker des Premiers deuten die Strategie der BJP jedoch anders, sie argumentieren, dass die Partei in der Krise mit Pakistan eine nationalistische Frontstellung für die Wahl aufgebaut habe, nach dem Motto: Wer jetzt gegen Modi ist, der stellt sich zugleich gegen Indien.

Der Premier konzentrierte sich in seinen Wahlkampfreden konsequent auf die Bedrohung von außen und präsentierte sich als "Wachmann" der Nation. Diese Strategie hob sich deutlich ab vom Rennen 2014, als Modi stark auf den Gedanken abhob, Indien für alle zu entwickeln. Damals brachte er immer wieder seinen eignen Aufstieg vom Sohn eines Teeverkäufers in die Spitze der Politik ins Spiel. Das sollte den Leuten vermitteln, dass auch sie eine Chance erhalten werden, sich aus der Armut zu lösen und hochzuarbeiten.

Vor der BJP-Zentrale in Delhi herrscht am Donnerstag stundenlang Jubel, das Gedränge unter den safranfarbenen Fahnen ist gewaltig, alle warten auf Modi, ihren Helden. Doch dann bricht ein heftiges Gewitter und Regen über die Hauptstadt herein, das Unwetter beendet abrupt die ausgelassene Party. Sieger Modi kommt, zieht sich aber ohne Ansprache zum Treffen seiner Partei zurück.

Zuvor hatte der Premier einen ersten Tweet abgesetzt: "Gemeinsam wachsen wir, gemeinsam blühen wir auf", schrieb er blumig. Als der Regen am Abend vorüber ist, tritt Modi auf die Bühne, er wirkt müde, doch viel entspannter als bei den Wahlkampfreden. "Ich verneige mich vor 1,3 Milliarden Menschen", ruft er in die Menge. Er widme diesen Sieg dem indischen Volk. Und den Helfern seiner Partei rät er, sie sollten im Triumph bescheiden bleiben, sie würden jetzt alle hart weiter arbeiten müssen. Die Wahlen 2019 nennt er schließlich ein "Urteil für das neue Indien", das er schon bei seinem ersten Sieg 2014 ausgerufen hatte.