Süddeutsche Zeitung

Indien:Die Toten und die Vermissten

Das Virus breitet sich in den ländlichen Gebieten aus, und die Zahl der täglichen Covid-19-Toten ist bei mehr als 4000 angekommen. Doch die Regierung um Ministerpräsident Modi ist offenbar abgetaucht.

Von David Pfeifer

Weil die täglich gemeldeten Ansteckungszahlen von über 400 000 wieder auf etwa 350 000 gefallen sind, könnte man hoffen, das Schlimmste sei in Indien überstanden. Doch das Schlimmste sind nicht die Ansteckungen. Es sind die Toten. Mehr als 4000 am Tag hat das indische Gesundheitsministerium in der vergangenen Woche mehrmals gemeldet, und die Zahl ist vermutlich noch heruntergerechnet.

Die Umstände des Sterbens sind schrecklich, viele Patienten ersticken in den Kliniken. Auch der Umgang mit den Toten ist erschütternd, so wurden an den Ufern des Ganges Leichen gefunden, die vermutlich von Brücken geworfen wurden, weil man nicht wusste, wohin sonst mit ihnen. Und auch bei denen, die nach hinduistischem Ritual verbrannt werden, fehlt die Zeit und Ruhe, ordentlich Abschied zu nehmen.

Die Inderinnen und Inder müssen mit zunehmender Wut erkennen, dass die Pandemie sie mit voller Brutalität eingeholt hat und der Sieg über das Virus von ihrem Premierminister Narendra Modi zu früh ausgerufen wurde. Im Frühjahr hatte Modi noch Zustimmungswerte von fast 80 Prozent, als er die wundersam niedrigen Ansteckungswerte verkünden konnte. Es war Wahlkampf. Nun hat eine Studentengruppe eine Vermisstenanzeige bei der Parlaments-Polizeiwache in Delhi aufgegeben, wegen "des Verschwindens von Premierminister Narendra Modi" sowie zehn seiner Kabinettsminister, wie es der Guardian am Montag berichtete.

Die guten Nachrichten hatte der Premier noch selbst überbracht

Modi und die führenden Köpfe seiner Bharatiya Janata Party (BJP) scheinen abgetaucht zu sein. Die guten Nachrichten hat der Premier seinem Volk in Radio- und Fernsehansprachen selber überbracht, die aktuell katastrophale und chaotische Lage lässt er bisher unerklärt.

Nun haben die Toten aber auch Verwandte, die ansehen müssen, dass die Kliniken überlastet sind, genauso wie die Krematorien. Dass der Sauerstoff-Mangel abwendbar gewesen wäre, hätte man nicht zu früh so getan, als sei die Krise überwunden. Das indische Online-Magazin Scroll.in berichtete am Montag, dass die "Propaganda-Armee" der BJP in den Sozialen Netzwerken vor allem damit beschäftigt sei, die Narrative zu kontrollieren. Während sich also die Berichte häufen, dass mehrere Hundert Covid-Tote im Ganges treiben, twittert der Chef der Informationsabteilung der BJP: "Ist es das erste Mal, dass Tote im Ganges treiben? Nein."

Dass die Impfkampagne in Indien ins Stocken geraten ist und bisher keine drei Prozent der Bevölkerung voll geimpft worden sind, hat derweil auch Auswirkungen auf andere Länder, vor allem diejenigen, die vom weltweiten Hilfsprogramm Covax abhängig sind. Denn nach scharfer Kritik an Vakzin-Exporten hat die indische Regierung nun die Ausfuhr unterbunden. Die Impfdosen für das Covax-Hilfsprogramm für ärmere Länder werden aber weiterhin in Indien hergestellt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5296427
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/toz
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.