Grenzkonflikt:Indien und China steuern auf Eskalation zu

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Indien und China

Ein verblichenes Schild, das die indisch-chinesische Freundschaft betonen soll am Bumla-Pass an der Grenze der beiden Länder.

(Foto: Adnan Abidi/REUTERS)

Die jüngste Verhandlungsrunde wurde gerade abgebrochen, beide Länder rüsten seit Monaten im Ladakh-Gebirge hoch. Dabei gibt es dort keine Rohstoffe. Es geht um etwas anderes.

Von David Pfeifer, Bangkok

Am Montag meldete die Nachrichtenagentur Reuters, dass die neuesten Verhandlungen zwischen den militärischen Gesandten beider Länder abgebrochen wurden. Man gab sich gegenseitig die Schuld. "Die indische Seite bleibt dabei, auf unvernünftigen und unrealistischen Forderungen zu beharren, was die Verhandlungen schwierig macht", mit diesen Worten zitierte Reuters einen Sprecher der chinesischen Armee aus einem Wechat-Account, einem chinesischen Messenger-Dienst.

Die indische Seite wiederum ließ in einem Statement wissen: "Während des Treffens machte Indien konstruktive Vorschläge, um die verbleibenden Gebietsprobleme vernünftig zu lösen. Doch die chinesische Seite war nicht einverstanden und konnte auch keine vorwärtsgewandten Vorschläge machen."

Eine Reihe Kommandeure beider Streitkräfte hatten im Dorf Moldo auf der chinesischen Seite der "Actual Line of Control" (ALC) getagt, der inoffiziellen Grenzlinie der Region. Es war das 13. Treffen dieser Art und das erste nach zwei Monaten Gesprächspause. Im Juni 2020 waren etwa 40 chinesische und 30 indische Soldaten bei Gefechten umgekommen. Es war keine offene Feldschlacht, die Soldaten schlugen sich teilweise mit Knüppeln aus dem Gebirge und stürzten in den Tod.

Der Konflikt entzündete sich um den Gletschersee Pangong Tso, der auf 4270 Metern liegt. Nach diesen Auseinandersetzungen hatten sich beide Parteien im Februar dieses Jahres aus der Gegend zurückgezogen.

China und Pakistan arbeiten in der Kaschmir-Frage zusammen

Ladakh liegt ganz oben im Norden Indiens und ist das halbe Jahr über eingeschneit. Um es ganzjährig erreichen zu können, lässt die indische Regierung derzeit vier Tunnel bohren, der erste ist bereits fertig. Ladakh grenzt aber nicht nur an China, sondern auch an Pakistan und die umstrittene Kaschmir-Region. Auf die erhebt Pakistan Ansprüche, in jüngerer Zeit war es auch dort wieder zu Unruhen gekommen. Delhi hat Kaschmir, in dem überwiegend Muslime leben, vor zwei Jahren seinen Sonderstatus aberkannt und einen Ausnahmezustand verhängt. Peking und Islamabad arbeiten in der Kaschmir-Frage gemeinsam gegen Delhi. Die Lage ist geografisch schwierig zu überblicken und politisch noch komplexer.

Nachdem die Kommunisten in China in den 1950er-Jahren an die Macht kamen, erklärten die neuen Machthaber die zahlreichen Grenzen für nichtig, die britische Kolonialherren in den zwei Jahrhunderten zuvor in der Region gezogen hatten. Erst nachdem China Tibet besetzt hatte, konnte es überhaupt zu direkten Konflikten mit Indien kommen. Zuletzt hatte es 1962 einen Grenzkrieg gegeben, aber die Welt hat sich seitdem verändert.

Heute will China seinen Status als Weltmacht demonstrieren, und das aufstrebende Indien versucht sich mit Hilfe der USA dem entgegenzustellen. Beide Länder verfügen über Atomwaffen. Die indische Seite wirft China nun vor, sich immer weiter in dem Gebiet auszubreiten, Kontrollposten zu errichten und die ALC in indisches Territorium zu verschieben. Peking wiederum beschuldigt umgekehrt Delhi genau desselben Vorgehens. Die Forderung der Inder in der ersten Verhandlungsrunde im Mai 2020 lautete: den Zustand vom April 2020 wieder herzustellen.

Doch obwohl beide Seiten in Gesprächen sind, werden weiter Kriegsgerät und größere Truppen in die umstrittenen Gebiete verlegt. Auf Satellitenaufnahmen, die im chinesischen Staatsfernsehen und auf indischen Sendern gezeigt wurden, sieht man leichte chinesische Panzer, die im Karakorum-Gebirge bei minus zehn Grad Celsius zu Übungseinsätzen unterwegs sind. Der K2 ist der berühmteste Berg dieser bis über 8000 Meter hohen Kette, die sich von Pakistan über Indien bis nach China erstreckt.

Es geht der chinesischen Armee wohl darum, die Kampffähigkeit der Gerätschaft in großer Höhe zu prüfen. "Die Übung unterstreicht die Bedeutung der Nutzbarkeit des Materials in extrem kaltem Wetter", zitiert die South China Morning Post aus einem Militärreport. Nach den gescheiterten Verhandlungen bereiten sich beide Seiten auf einen harten Winter vor.

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