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Indien:Beziehungsstress im Himalaja

Der schwelende Konflikt mit China beschäftigt in Indien viele - und schafft es in der Losung "Boykottiert China" auch auf den Mundschutz eines Rikschafahrers in Delhi.

(Foto: Sajjad Hussain/AFP)

Durch weitere Provokationen an der Grenze verschärfen sich die Spannungen mit China. In einen Krieg zwischen den Atommächten würden schnell auch Pakistan und die USA mit hineingezogen werden.

Von Arne Perras, München

Indiens erster hochrangiger Kontakt zur neuen US-Regierung von Joe Biden kam über die Verteidigungsminister zustande. Rajnath Singh in Delhi und Lloyd Austin in Washington haben am Mittwoch miteinander telefoniert und setzten damit ein deutliches Signal, wo beide Staaten die Priorität ihrer künftigen Beziehungen sehen. Sie hätten sich gegenseitig zugesichert, "die Verteidigungskooperation zu vertiefen", und sie wollten ihre "strategische Partnerschaft stärken", schrieb Singh nach dem Gespräch.

China fand keine direkte öffentliche Erwähnung, doch indische Medien deuteten diesen eiligen Schulterschluss als Reaktion auf die anhaltende Konfrontation zwischen indischen und chinesischen Truppen im Himalaja. Indiens Außenminister beklagte am Donnerstag, dass Delhi und Peking gerade "außergewöhnlichen Stress" in ihren Beziehungen erlebten.

Wie weit Indien und China in ihren Positionen im Grenzstreit auseinanderliegen, ist selten so deutlich geworden wie in dieser Woche. Ein gemeldeter Zusammenprall von Truppen in Sikkim heizte die Stimmung auf, indische Medien berichteten, dass es auf beiden Seiten zahlreiche Verletzte gegeben habe, die Armee spielte den Vorfall herunter und sprach von einem "kleinen Duell". Peking wiederum streute, dass Berichte über einen Zusammenstoß im östlichen Himalaja, der schon am 20. Januar erfolgt sein soll, generell Fake News seien. In der staatlich gesteuerten Global Times hieß es, es gebe keinen Eintrag eines solchen Zusammenstoßes im Logbuch der Patrouille an der "Frontlinie". In Delhi verursachte das weitere Irritationen, manche sprechen dort davon, dass Peking sein Vorgehen verschleiern wolle.

Im Krieg 1962 wurde schnell klar, wie unterlegen Indien ist

Trotz wiederholter Gesprächsrunden zwischen Gesandten beider Armeen ist es bisher nicht gelungen, die Spannungen zwischen den beiden asiatischen Atommächten zu entschärfen. Eine größere militärische Konfrontation, die in einen Krieg zwischen den Rivalen münden könnte, zählt zu den gefährlichsten Szenarien in Asien. Mit großer Wahrscheinlichkeit würde sehr schnell eine dritte Atommacht, Pakistan, an der Seite Chinas mit in den Konflikt hineingezogen, und in einem zweiten Schritt, sofern er nicht vorher noch zu entschärfen wäre, wohl auch die USA.

Erinnerungen werden wach an 1962, als China und Indien schon einmal Krieg gegeneinander führten und schnell klar wurde, wie unterlegen die indische Seite war. Delhi hatte damals schließlich US-Militärhilfe erbeten, die allerdings nicht mehr nötig wurde, weil China sich vorher zurückzog. Es ist bis heute umstritten, wie viel militärischen Beistand US-Präsident John F. Kennedy den Indern tatsächlich geleistet hätte.

Ein Gefühl der Schmach hat sich seither in Indien gehalten, Gefühle der Ohnmacht und Verwundbarkeit mischen sich mit nationalistischen Überlegenheitsfantasien, in der Öffentlichkeit wird diskutiert, wie sich Indien gegen China behaupten könne. Als im Juni im westlichen Himalaja zwanzig indische Soldaten bei einer Konfrontation mit Fäusten und Keulen starben, war dies für Indien ein gewaltiger Schock. Peking machte damals über eigene Verluste keine Angaben.

Das jüngste chinesische Vorgehen in Sikkim sei "provokant", sagte Deppender Singh Hooda der Plattform Livemint, er ist Generalleutnant im Ruhestand und leitete früher das "Northern Command" der indischen Armee. Nur auf politischer und diplomatischer Ebene ließen sich Prinzipien für eine Entflechtung der Truppen erreichen, erklärte Hooda. "Die militärischen Kommandeure arbeiten dann aus, wie das im Feld umgesetzt wird." Doch solche politischen Gespräche kommen bislang nicht in Gang.

In Ladakh stehen sich Zehntausende Soldaten gegenüber

Besondere Unruhe lösten in Indien zuletzt auch Satellitenbilder einer neu errichteten chinesischen Siedlung aus, die im indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh im östlichen Himalaja liegen soll. Oppositionsführer Rahul Gandhi beklagte: "China dehnt seine Besetzung indischen Territoriums aus." Angesichts dieser Lage sei es unverständlich, weshalb Premier Narendra Modi so still bleibe.

Doch nicht nur China versucht, Fakten zu schaffen: Auf beiden Seiten treiben Bulldozer strategische Ziele voran, der schnelle Aufbau von Infrastruktur entlang der 3440 Kilometer langen Grenzlinie ist entscheidend dafür, wo und wie sich Truppen positionieren können und wie der Nachschub gelingt. Allein im Krisengebiet Ladakh sollen sich inzwischen Zehntausende Soldaten gegenüberstehen.

Die Existenz neuer Dörfer wird in China nicht bestritten. Aber sie lägen eben nicht auf indischem Terrain, heißt es in Peking. Die Bautätigkeit Chinas erfolge "auf eigenem Gebiet und ist eine Angelegenheit der Souveränität", sagte Hua Chunying, Sprecherin des Außenministeriums. Die Spannungen entzünden sich damit immer wieder an ungeklärten Grenzfragen, die im östlichen indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh besonders brisant sind. Dort reklamiert China das gesamte Gebiet für sich.

Das Krisengebiet Sikkim wiederum, wo die Truppen jüngst aneinandergerieten, liegt einen Gebirgsabschnitt weiter westlich. Strategisch ist auch er von größter Bedeutung, denn Sikkim liegt oberhalb eines schmalen indischen Korridors, den sie den "Hühnerhals" nennen: Diese Engstelle verbindet die westlichen indischen Bundesstaaten mit den östlichen. Südlich des Korridors erstreckt sich Bangladesch, nordwestlich Nepal. Indiens Generäle wissen: Dieses Nadelöhr macht ihr Land im Falle eines Krieges besonders verwundbar. Wer den "Hühnerhals" kontrolliert, unterbricht die einzige schmale Verbindung zwischen dem Westen und dem Osten Indiens. Das Land würde in zwei Teile zerfallen. Und die chinesische Grenze, oben im Bundesstaat Sikkim, ist nicht weit.

© SZ
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