Südasien:Wie die indische Regierung jungen Menschen eine Karriere beim Militär erschwert

Lesezeit: 3 min

Südasien: Proteste gegen die neuen Rekrutierungsregeln für die indische Armee am Bahnhof der Stadt Secunderabad, wo Demonstranten einen Zug anzündeten.

Proteste gegen die neuen Rekrutierungsregeln für die indische Armee am Bahnhof der Stadt Secunderabad, wo Demonstranten einen Zug anzündeten.

(Foto: Noah Seelam/AFP)

Gewaltausbrüche, Straßenblockaden und brennende Züge: Weil eine Neuregelung den Zugang zu einem der raren sicheren Jobs beschränkt, kommt es jetzt zu heftigen Unruhen und Streiks.

Von Arne Perras

Der junge Inder Suresh Bhichar war schon vor einigen Wochen zu Ruhm im Internet gekommen, als er sich eines Tages im April - so berichtete es die Zeitung Indian Express - in seiner Heimat Rajasthan aufmachte, um in die Hauptstadt zu joggen. Vor ihm lagen 350 Kilometer. Der hagere 24-Jährige bewältigte die Strecke in 50 Stunden, mit wehender indischer Flagge in der Hand.

Ziel seines zähen Laufes war eine Demonstration junger Männer in Delhi, die vom Staat verlangten, Indien solle endlich wieder Rekruten für die Streitkräfte einstellen. Zwei Jahre schon hatte der Staat keine neuen Soldaten mehr in die Truppe geholt, was Suresh Bhichar und Tausende andere nervös machte. Sie warteten sehnlich darauf, endlich Soldat zu werden, eine andere Perspektive haben viele nicht.

Inzwischen will der indische Staat tatsächlich wieder neue Männer und Frauen für seine Streitkräfte rekrutieren, allerdings tut er dies in einer Weise, die heftige Unruhen ausgelöst hat. Zuerst entlud sich der Zorn in Uttar Pradesh und Bihar, dann weitete er sich auf andere Regionen aus. Der Grund für den Ärger: Wer jetzt in die Armee aufgenommen wird, soll diesen Job zunächst nur für vier Jahre bekommen. Danach bekommt nur jeder Vierte eine Chance, weiterzumachen. Für viele junge Leute heißt das: aus der Traum von einer planbaren Karriere im Militär, einem der wichtigsten Arbeitgeber in Indien.

Was früher noch einen gesicherten Job und ein festes Gehalt samt Altersversorgung versprach, ist jetzt für die Mehrheit der Bewerber viel weniger attraktiv. Und ihre Enttäuschung lassen viele junge Männer den Staat jetzt spüren. Der Zorn entlud sich teils bereits in Gewaltausbrüchen, Demonstranten blockierten Straßen, zündeten Züge an, attackierten Polizeifahrzeuge, Indiens Medien berichteten über Zusammenstöße aufgebrachter Jugendlicher mit den Sicherheitskräften. Es gab zahlreiche Verletzte, mindestens ein Todesopfer ist bestätigt. Wegen eines nationalen Streiks am Montag fielen Hunderte Züge aus.

"Wir haben die Schule abgeschlossen, wir sind arbeitslos, wir haben Hunger"

Die Regierung von Premier Narendra Modi hat bisher nicht signalisiert, dass sie ihre Pläne noch ändern wolle. Schon Anfang des Jahres hatte es gewaltsame Proteste um begehrte staatliche Jobs gegeben, damals ging es um die Eisenbahn. Auf 35 000 Stellen meldeten sich mehr als zehn Millionen Interessenten. "Wir haben die Schule abgeschlossen, wir sind arbeitslos, wir haben Hunger", fasste damals ein wütender junger Mann aus Bihar sein Lebensgefühl in einen Satz.

In einem Land, in dem jeder Zweite unter 25 Jahre alt ist, hat sich die Perspektivlosigkeit der Jugend zu einem explosiven Thema entwickelt. Die Corona-Pandemie traf die Wirtschaft hart, im Dezember 2021 sprach der indische Staat offiziell von 53 Millionen Arbeitslosen, exakte Daten gibt es nicht. Die Regierung rettet sich regelmäßig in vollmundige Versprechen, Abhilfe zu schaffen, doch das gelingt nicht. Indien ist jedenfalls weit davon entfernt, jeden Monat eine Million Jobs zu schaffen, die nötig wären, um die Probleme zu lösen.

Südasien: Der Ärger richtet sich auch direkt gegen Premierminister Narendra Modi, wie hier in der Stadt Chennai im Südosten des Landes.

Der Ärger richtet sich auch direkt gegen Premierminister Narendra Modi, wie hier in der Stadt Chennai im Südosten des Landes.

(Foto: Arun Sankar/AFP)

Auch die gebildeten Schichten sind stark betroffen, wie eine Episode aus Madhya Pradesh zeigt. Dort bewarben sich 11 000 Inder auf fünfzehn staatliche Jobs - als Laufburschen, Fahrer und Wächter. Unter den Interessenten befanden sich studierte Juristen und Ingenieure, sie alle waren überqualifiziert und chancenlos.

Eine Analyse der News-Plattform The Print benennt gewaltbereite Jugendliche bereits als das "größte nationale Sicherheitsproblem" Indiens. Nicht alle Experten formulieren es so drastisch, zumal Indiens sogenannter informeller Sektor - also all jene Jobs, in denen die Arbeiter weder sozial abgesichert sind noch regelmäßig Steuern zahlen - immer noch einen beträchtlichen Teil der Arbeitssuchenden auffängt. Nur dass keiner genau abschätzen kann, wann die Stimmung der Hoffenden auf breiter Front kippen könnte. Episoden aus dem Arabischen Frühling werden in Indien als warnende Beispiele diskutiert.

Pensionen und Gehälter schlucken die Hälfte des Verteidigungshaushaltes

Dass die Armee plant, einen Großteil der neuen Soldaten nicht länger als vier Jahre zu beschäftigen, hat damit zu tun, dass der Staat die Last von Pensionszahlungen abbauen möchte. Indiens Truppe umfasst 1,4 Millionen Soldaten, weniger als ein Prozent davon sind Frauen, auch wenn ihre Zahl nun deutlich steigt. Pensionen und Gehälter saugen etwa die Hälfte des Verteidigungsbudgets von etwa 70 Milliarden Dollar auf, Militäranalysten sehen in den neuen Rekrutierungsregeln eine Strategie, langfristig mehr Geld für moderne Ausrüstung und Waffen verfügbar zu machen, wenn die Kosten für die Altersversorgung sinken. Außerdem sollen die Streitkräfte insgesamt jünger werden, sie könnten dann die technischen Anforderungen moderner Waffensysteme besser bewältigen, argumentieren Befürworter der Reform.

Ohne die Armee direkt zu benennen, erklärte Modi in einer Rede am Montag: "Einige Entscheidungen mögen gegenwärtig unfair erscheinen. Aber diese Entscheidungen werden uns helfen, die Nation aufzubauen."

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