Pakistan:Ehemaliger Premier Imran Khan angeschossen

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Pakistan: Oppositionsführer Imran Khan fordert Neuwahlen, er mobilisiert die Massen wie kein anderer in Pakistan.

Oppositionsführer Imran Khan fordert Neuwahlen, er mobilisiert die Massen wie kein anderer in Pakistan.

(Foto: ARIF ALI/AFP)

Der Politiker ist in einem Protestzug unterwegs, als plötzlich Schüsse fallen. Ein Mensch stirbt. Das Attentat trifft ein Land, das gerade ohnehin von gewaltigen Krisen erschüttert wird.

Von Arne Perras

Die Kugeln sollten töten, daran herrschen inzwischen kaum noch Zweifel. Imran Khan, Cricket-Legende, Ex-Premier und populärster Oppositioneller in Pakistan, ist am Donnerstag während eines Protestzuges seiner Partei PTI in der Stadt Wazirabad in der Provinz Punjab durch den Schuss eines Angreifers ins Bein getroffen worden. Ein Mensch starb bei der Attacke, sieben weitere Menschen wurden laut Polizei verletzt.

In einem Video ist zu sehen, wie PTI-Parteiführer auf einem Truck fahren, dazu spielt Musik, dann zucken alle plötzlich zusammen und gehen in Deckung, als mehrere Schüsse fallen.

Es ist eine weitere explosive Nachricht für den Krisenstaat Pakistan, in dem sich so viele Probleme übereinander türmen: die Gewalt religiöser Extremisten, politisches Chaos, Schuldenberge, eine lahmende Wirtschaft und die Folgen einer gewaltigen Flut, die das Land und seine 230 Millionen Einwohner völlig überfordern. Und nun auch noch der Attentatsversuch auf Khan. Die Stürme, die über die südasiatische Atommacht hinwegpeitschen, dürften nach diesem Akt gezielter politischer Gewalt weiter zunehmen.

Analysten warnten schon in den vergangenen Wochen, dass sich die Stimmung im Land immer weiter polarisiere. Es haben sich viel Wut und Misstrauen angestaut gegen die von Premierminister Shehbaz Sharif geführte Regierung, die vielen als Symbol einer politischen Klasse gilt, die nur um sich selbst kreise und die Nöte der Menschen nicht ernst genug nehme.

Khan ist im Protestmodus - fast überall tritt er vor Tausenden auf

Imran Khan war im April über ein umstrittenes Misstrauensvotum gestürzt, seither versucht er, seinen Nachfolger mit Protesten vor sich herzutreiben, er fordert vehement Neuwahlen. Gleichzeitig trägt er mit scharfer Rhetorik selbst erheblich dazu bei, die Stimmung in Pakistan aufzuheizen. Er ist im Protestmodus, was seine Popularität vor allem unter jungen Pakistanern weiter stärkt. Der Angriff auf ihn zeigt aber auch, wie stark dieser Politiker im Alltag gefährdet ist. Fast überall tritt er vor Tausenden Menschen ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen auf.

Regierungschef Sharif, die Armee und andere führende Politiker des Landes verurteilten öffentlich die Attacke auf Khan. Wer hinter der Tat steckt, ist noch nicht klar. In Pakistan kursiert das Video eines bärtigen Mannes, angeblich zeigt es den Attentäter bei einer Aussage bei der Polizei; er habe allein gehandelt und Khan töten wollen, weil der das Volk in die Irre führe, sagt der Mann in dieser viel zitierten Szene. Die Süddeutsche Zeitung konnte die Authentizität des Videos, das von der Polizei herausgegeben sein soll, zunächst nicht überprüfen.

Khan soll inzwischen in einem Krankenhaus in Lahore versorgt werden. Manche Medien aus Pakistan berichten, es seien zwei Angreifer am Tatort gewesen, einer sei erschossen, der zweite in Polizeigewahrsam genommen worden.

Politische Attentate haben im südlichen Asien eine lange und traumatische Geschichte, in Indien starben die Premierminister Indira Gandhi und ihr Sohn Rajiv durch Angriffe von Extremisten, in Pakistan tötete ein Angreifer bei einer Wahlveranstaltung am 27. Dezember 2007 die ehemalige Premierministerin Benazir Bhutto, der Täter feuerte mehrere Schüsse ab, bevor er sich in die Luft sprengte. Wie genau Bhutto starb, ist bis heute nicht eindeutig aufgeklärt.

Niels Hegewisch, der als Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Pakistan die Lage aus der Nähe beobachtet, kommentierte die Lage auf Anfrage der SZ so: "Mit Blick auf die Entwicklung der letzten Wochen mit der immer stärkeren Polarisierung und rhetorischen Eskalation wurden gewaltsame Zwischenfälle wahrscheinlicher. Es ist offen, wie es weitergeht. Die Lage dürfte sich mit Blick auf die bevorstehende Ernennung des neuen Armeechefs eher weiter zuspitzen." Die Amtszeit des mächtigen Militärchefs, Qamar Javed Bajwa, geht in diesem Monat zu Ende, nun wächst die Nervosität, bis geklärt ist, wer ihm nachfolgt.

US-Präsident Joe Biden hatte der schwelenden Debatte um die Sicherheit Pakistans im Oktober neue Nahrung gegeben, als er den südasiatischen Staat als eines der gefährlichsten Länder der Welt einstufte - eines "mit Atomwaffen und ohne Zusammenhalt".

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