Proteste in Pakistan:Im Rollstuhl voll auf Risiko

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Proteste in Pakistan: Auf der Straße wird man Ex-Premier Khan erst mal nicht mehr sehen - oder doch?

Auf der Straße wird man Ex-Premier Khan erst mal nicht mehr sehen - oder doch?

(Foto: K.M. Chaudary/DPA)

Oppositionsführer Imran Khan, der bei einem Anschlag angeschossen wurde, attackiert ohne Scheu das mächtige Militär. Kann ihm das nützen?

Von Arne Perras

Imran Khan ist schon wieder raus aus dem Krankenhaus. Noch am Sonntag beschloss er, sich selbst zu entlassen, nachdem er drei Tage zuvor bei einem Anschlag am Bein verletzt worden war. Nun ist er, unter massiven Sicherheitsvorkehrungen, in seine Residenz in Lahore umgezogen, samt seinem Arzt, Faisal Sultan, der ihn zu Hause weiter behandeln soll.

Auf der Straße wird man Khan also erst mal nicht mehr sehen - oder vielleicht doch? Zumindest hat er angekündigt, dass seine Partei PTI den "langen Marsch" bis nach Islamabad Mitte der Woche fortsetzen will. Der Protestzug der Opposition gegen die Regierenden, er soll weitergehen. Am Montagabend versammelten sich PTI-Anhänger bereits vor dem Gouverneurssitz in Lahore, um für ihren verletzten Chef zu demonstrieren. Khan will offenbar das Momentum und die Sympathien für sich nutzen, zur Not im Rollstuhl. Jetzt erst recht, lautet die Botschaft, die er und seine oberen Parteileute nun unters Volk zu bringen versuchen.

Khans Hoffnung: Ein neuer Militärchef

Khan beschuldigt Premierminister Shehbaz Sharif, Innenminister Rana Sanaullah und General Faisal Naseer, den Chef des Geheimdienstes, ein Mordkomplott gegen ihn angezettelt zu haben. Und er bestand bisher darauf, alle drei Namen auch in einer Strafanzeige zu benennen. Er wisse, dass die drei hinter dem Anschlag stünden, behauptet Khan. Beweise hat er nicht vorgelegt.

Die Polizei hatte die Anzeige bis Montagnachmittag allerdings noch gar nicht aufgenommen, sie verzögerten den Fall Khan, was am Montag sogar die oberste Justiz in Pakistan zu einer Intervention bewegte. Die Polizei müsse innerhalb von 24 Stunden Untersuchungen im Fall Khan aufnehmen, andernfalls kümmerten sich die obersten Richter selbst darum, rügte der Supreme Court. Es gehe schließlich auch darum, rechtzeitig Spuren und Beweise zu sichern, erklärte der Vorsitzende, Umar Ata Bandial. Sonst würden die Kontroversen um die Tat nur noch zunehmen.

Besonders die Forderung, den General als Mitbeschuldigten zu benennen, ist in Pakistan äußerst heikel, den Namen nennen nicht einmal die Medien jetzt im Land, sie sprechen in ihren Berichten lediglich von einem "militärischen Offiziellen", der von Khan beschuldigt werde. Eines von vielen Indizien dafür, wie groß die Macht des Militärs ist. Allerdings sind es die Generäle auch gar nicht gewohnt, so massiv angeprangert zu werden wie jetzt von Khan.

Die Lage ist aufgeheizt, die Spekulationen blühen

Weil der Oppositionsführer nichts Konkretes vorgelegt hat für seine Anschuldigungen gegen Staat und Militär, blühen seither die Spekulationen darüber, wer denn nun eigentlich was in dieser aufgeheizten verwirrenden Gemengelage erreichen möchte. Sicher ist: Das Attentat rückt die Armee so stark ins Licht wie schon lange nicht mehr - aber nicht so, wie es sich das Militär wohl wünscht.

Manche Analysten glauben, dass Khan nun volles Risiko fährt, um maximalen Druck auf die Generäle auszuüben und so vielleicht noch Einfluss zu nehmen auf die Entscheidung der allerwichtigsten Personalie im Land: Pakistan soll noch in diesem Monat einen neuen Militärchef bekommen. Und alle, die politisch ganz nach oben streben, wissen: Nur wenn dieser Mann einem Regierenden gewogen ist, hat ein Premier eine Chance, sich für längere Zeit im Amt zu halten. Das ist das ungeschriebene Gesetz Pakistans.

Was andernfalls passiert, hat auch Khan schon zu spüren bekommen, als er im April durch ein Misstrauensvotum im Parlament stürzte. Viele glauben, dass es nie so weit gekommen wäre, hätte er sich nicht mit der Armee so stark überworfen.

Hofft Khan also, dass ein neuer Mann an die Armeespitze gelangen könnte, der ihm insgeheim wohlgesonnen ist und seine Rückkehr zur Macht ebnen könnte? Wenn ja, fährt er jetzt eine extrem riskante Strategie. Alles oder nichts, das ist Imran Khan.

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