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Implant Files:Regeln mit Rückgrat

Ein besseres System hat seinen Preis, auch für Patienten. Illustration: Lisa Bucher.

Bessere Implantate haben ihren Preis, mehr staatliche Kontrolle wird vielen Patienten nicht gefallen. Aber nur mit deren Unterstützung kann der nötige Wandel gelingen.

Krankheiten gefährden die Gesundheit. Aber ihre Behandlung ebenfalls. Auch wenn weder Ärzte noch Patienten das gerne hören, bleibt dies eine Wahrheit: Wer sich einer Behandlung unterzieht, der nimmt Risiken in Kauf. Keine Wirkung ohne Nebenwirkung, so lautet das alte Credo der Pharmakologie.

Nur: Das gilt nicht nur für Arzneimittel, das gilt umso mehr für die technische Seite der Medizin, jene also, für die Medizinprodukte genutzt werden, vom Herzschrittmacher über Zahnimplantate bis hin zu Knieprothesen. In Deutschland, das einmal das Land der Erfinder war, wollte man das lange Zeit nicht zur Kenntnis nehmen. Es klingt ja auch überzeugend, wenn kleine Metallröhrchen verkalkte Herzkranzgefäße auf rein physikalische Art weiten, echte Ingenieurskunst die anfälligen biologischen Gelenke, welche die Natur entwickelt hat, ersetzt oder exakte elektrische Impulsgeber das Herz am Schlagen halten.

Doch Technik gibt niemals völlige Sicherheit, und Technik, die in ein biologisches System wie den menschlichen Körper eingebaut wird, schon gar nicht. Das hat die Recherche "Implant Files", die SZ, NDR und WDR gemeinsam mit dem Internationalen Konsortium Investigativer Journalisten seit Anfang der Woche veröffentlicht haben, umfassend enthüllt. Jährlich kommen allein in Deutschland wohl Zehntausende Menschen durch fehlerhafte Medizinprodukte zu Schaden. Wie viele es genau sind, weiß niemand.

Ja, die Behandlung von Krankheiten bedeutet immer ein Risiko. Aber auch wenn dies die Wahrheit ist, so darf man sie selbstverständlich nicht als gottgegeben hinnehmen. Risiken lassen sich natürlich minimieren: Wenn man Geräte und Implantate nach den Regeln der Kunst testet, bevor man sie Menschen implantiert; wenn man Warnhinweise aus Tierversuchen ernst nimmt; und wenn man die Probleme, die während des breiten Einsatzes der Produkte auftreten, so umfassend und so exakt wie möglich erfasst und Konsequenzen daraus zieht. Doch nichts von dem geschieht, oder wenn, dann zu selten.

Wer das ändern will, muss sich einer weiteren Wahrheit stellen. Ein besseres System hat seinen Preis, auch für Patienten. Es ist langsamer und teurer als das jetzige, in weiten Teilen von Gewinnmaximierung geprägte Geschäft. Die Medizinprodukteindustrie hat recht, wenn sie sagt: Wer den Zertifizierungsprozess hinauszögert, hemmt den Fortschritt. Wenn Medizinprodukte umfassende Prüfungen durchlaufen, bevor sie auf den Markt kommen, kostet das nicht nur Geld, dann sind sie auch nicht so zügig verfügbar wie bisher. Das schützt Patienten, aber es kann auch negative Folgen haben, weil Kranke von einer Innovation erst später profitieren. Bürger müssen sich also die Frage stellen: Wollen sie die Kosten tragen? Wollen sie den Fortschritt hinauszögern? Die Antwort sollte sein: Ja, wollen sie. Sonst sind die europäischen Patienten weiterhin das, was der für Medizinprodukte zuständige Abteilungsleiter der US-Arzneimittelaufsicht FDA über sie sagt: Versuchskaninchen.

Bislang spielen Patienten diese Rolle oft allzu bereitwillig. Sie sind getrieben von dem Wunsch, schnell und billig das Neueste zu bekommen. Statt nach der Beweislage, der wissenschaftlichen Evidenz, für ihre Behandlung zu fragen, verlangen sie nach dem vorgeblich Innovativsten. Firmen wissen diesen Wunsch gezielt zu nutzen, indem sie auf mehr oder weniger legalen Wegen direkt beim Patienten für ihre Produkte werben, sich in Patientenforen einschalten oder Patientenverbände finanziell und mit vermeintlichen Informationen unterstützen.

So erreichen Sie uns

Wenn Sie Fragen zum Thema Implantate oder Medizinprodukte haben, können Sie sich bei Ihrem Arzt melden oder bei der SZ. Sie erreichen uns per E-Mail unter implantfiles@sz.de.

Mehr Sicherheit bedeutet auch: mehr Verzicht. In diesem Fall ist es der Verzicht auf Verlockungen, auf Bequemlichkeit und mitunter auf eine Chance. Patienten tragen eine Mitverantwortung dafür, eine zügellose Industrie in ihre Schranken zu weisen. Ohne sie funktioniert eine Neuordnung des Medizinproduktemarktes nicht.

Dabei sollte man auch ein weiteres Argument der Industrie ernst nehmen: Wird der Staat den Marktzugang neuer Medizinprodukte wirklich besser kontrollieren als die privaten "Benannten Stellen", die die Produkte zurzeit zertifizieren? Nicht unbedingt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat sich immer wieder als kraftloses Placebo erwiesen. Die Behörde wirkte bisweilen so, als hätte sie schon unter den Anfragen des internationalen Rechercheverbunds zu Medizinprodukten einen Kreislaufkollaps erlitten. Selbst bei überschaubaren Anfragen brauchte das BfArM Wochen für eine Antwort - wenn sie überhaupt je kam. Es wirkte geradezu mitleiderregend, wie das Institut auf die Frage reagierte, weshalb es so wenige Probleme mit Medizinprodukten registriert: Es ermahne Ärzte und Hersteller immer wieder, sie möchten doch, bitte schön, ihrer Meldepflicht nachkommen.

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