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Geberkonferenz:Ein Impfstoff kann zu einem Machtmittel werden

Corona-Impfstoff: Injektion eines potentiellen Impfstoffs bei einem Probanden in Großbritannien

Eine medizinische Mitarbeiterin der Universität Oxford setzt einem Probanden eine Injektion. Etwa 100 Forschungsgruppen auf der ganzen Welt arbeiten an Impfstoffen gegen das Coronavirus.

(Foto: Uncredited/Oxford University/AP/dpa)

Ein Impfstoff gegen das Coronavirus steht auf der Beschaffungsliste der Menschheit ganz oben, doch im internationalen Verbund mangelt es an Vertrauen. Daran sind auch China und die USA schuld.

Weil geben seliger ist als nehmen, kann es eigentlich keine Einwände gegen eine internationale Konferenz geben, bei der sich Staaten und Stiftungen zusammentun, um der Menschheit zu helfen. Gegeben wird Geld, gekauft wird davon hoffentlich eine medizinische Lösung für die Pandemie. Ein Impfstoff gegen das Coronavirus steht auf der Beschaffungsliste der Menschheit ganz oben.

Bei aller inhaltlichen Sinnfälligkeit für dieses Thema bleibt aber ein Paradox: Geld kann doch eigentlich das Problem nicht sein? Die Europäische Union hat sich bisher für eine halbe Billion Euro verbürgt, über eine zweite Tranche wird verhandelt. Kleiner wird sie vermutlich nicht ausfallen. Die Bunderegierung hat Zusagen von mehr als einer Billion Euro gegeben. Medizinische Versorgung, Ausrüstung für Krankenhäuser, Schutzkleidung, Tests - an Geld mangelt es doch wahrlich nicht, um Corona daran zu ersticken. (Ungeachtet des nicht trivialen Problems, dass der Überfluss an Liquidität nicht gleichzeitig ein Übermaß an Solvenz produziert.) Da wird sich doch ein einstelliger Milliardenbetrag schnell auftreiben lassen? Was bitte ist denn wichtiger als der Impfstoff?

Tatsächlich mangelt es also nicht an Geld, sondern an einem politischen Zahlungsmittel - an Vertrauen. Die Geberkonferenz ist in Wahrheit eine Nehmerkonferenz: Die Teilnehmer wollen die Zusicherung nach Hause tragen, dass sie nicht vergessen werden, wenn tatsächlich mal ein Impfstoff verfügbar sein sollte. Ein Impfstoff kann natürlich schnell zu einem Machtmittel werden, wenn er national, einseitig, hochpreisig oder sonst wie verzerrt zur Verfügung gestellt werden sollte. Die sattsam bekannten Begleittöne etwa eines Donald Trump lassen die Sorge berechtigt erscheinen. Die politische Instrumentalisierung von Hilfe durch China vom Tag eins der Krise an zeugt von der Polarisierungskraft, die natürlich auch ein Impfstoff entwickeln kann.

Wenn es sich also um ein politisches und nicht um ein finanzielles Problem handelt, dann sollte die EU nicht als Vermögensverwalterin sondern als politische Garantiegeberin auftreten. Hier stehen Staaten, die mit ihrer gesammelten Autorität und mit ihrem Geld Anteile am Menschheitsproblem Corona zeichnen und für die faire Ausschüttung garantieren. Hier stehen Staaten, deren Idee von Multilateralismus Dank der Impfstoffdebatte ganz praktische Relevanz erlangen könnte.

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Eine Geberkonferenz artet nicht selten schnell zum bloßen Symbol des guten Willens aus, zum Lobkreis der Besorgten. Gegeben wird Geld, das eh schon im großen Spendentopf liegt, produziert werden schöne Bilder und große Gesten. Woran es hingegen mangelt, ist das eindeutige politische Bekenntnis, diese Krise nicht zum nationalen Vorteil auszunutzen. Die EU muss also benennen, dass sie hier eine politische Agenda betreibt. Und sie muss den Mechanismus beschreiben, wie sie ihre politische Garantie umzusetzen gedenkt. Wer Anteile am Impfstoff zeichnen will, muss seinen politischen Vorteil an der Garderobe abgeben. Das hat die Kommission bisher nicht ausreichend klargemacht.

© SZ.de/fued
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