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Im Feindbild vereint:Falsch, aber faszinierend

Bill Gates

Bill Gates hat früh vor den Gefahren einer Pandemie gewarnt - und große Summen an die WHO gespendet. Das macht ihn zum Feindbild vieler Gegner der Corona-Auflagen.

(Foto: Gian Ehrenzeller/dpa)

Im Internet findet sich eine merkwürdige Allianz zusammen.

Unter normalen Umständen würde ein Großteil der Menschen, die derzeit gemeinsam auf die Straße gehen, wohl eher gegen- als miteinander demonstrieren. Rechtsextreme marschieren Seite an Seite mit Linksextremen, neben radikalen Wirrköpfen stehen arbeitslose Alleinerziehende, voller Sorge um ihre Kinder. Es sind aber keine normalen Umstände. Das Coronavirus beschwört Ängste herauf, die zu ungewöhnlichen Allianzen führen. Doch trotz aller politischen Diversität teilen die Demonstranten Gemeinsamkeiten. Viele haben im Netz von den Protesten erfahren. Sie wurden durch Youtube-Videos mobilisiert, tauschen sich in Facebook-Gruppen aus oder organisieren ihren Widerstand über den Messenger Telegram.

Wer diese Kanäle und Plattformen beobachtet, findet große Überschneidungen. Neben Menschen, die schlicht Angst um ihre Existenz haben, gibt es Zehntausende, denen es in erster Linie darum zu gehen scheint, Schuldige zu finden. Sie wettern nicht nur gegen die Maßnahmen der Bundesregierung, sondern wittern eine gigantische Verschwörung. Angeblich haben "die Mächtigen" ein Interesse daran, dass sich das Virus verbreite. Teils ist der Unsinn so hanebüchen, dass selbst der Begriff "Verschwörungstheorie" zu viel der Ehre wäre. Die Mythen sind frei von Fakten, sie wimmeln von Vorurteilen, Feindbildern und haltlosen Unterstellungen. Immer wieder geht es gegen Microsoft-Gründer Bill Gates, dessen Stiftung zu den Großspendern der Weltgesundheitsorganisation WHO zählt. Die Verschwörungsideologen basteln sich daraus eine wilde Fantasie, wonach Gates die Welt in eine "Gesundheitsdiktatur" verwandeln und Menschen Mikrochips einpflanzen lassen wolle. Andere behaupten, er habe das Virus gezüchtet, um an einem Impfstoff zu verdienen.

Diese Lüge hält sich derart hartnäckig, dass Experten bereits jetzt vor möglichen Folgen warnen. Impfgegner, die seit Jahren Gerüchte streuen und Panik verbreiten, bekämen im Zuge der Pandemie großen Zulauf. Das könnte dazu führen, dass ein Impfstoff gegen Sars-CoV-2, den Wissenschaftler derzeit entwickeln, weniger wirksam ist. Wenn ein Teil der Bevölkerung Impfungen verweigert, würde sich das Virus weiter ausbreiten.

Die Mischung aus Gates-Hassern, Impfskeptikern, Antisemiten, Reichsbürgern und anderen findet auch deshalb zueinander, weil Medien und Prominente als Bindeglieder wirken. Das von Russland finanzierte Portal "RT Deutsch", das Querfront-Magazin Rubikon, ein ehemaliger Sänger, ein veganer Koch und ein geschasster Moderator des rbb erreichen jeweils Hunderttausende Menschen - und das, obwohl Plattformen wie Facebook und Youtube ihre Beiträge und Videos teils einschränken, weil sie falsche Behauptungen enthalten. Wenn Faktenprüfer wie die Rechercheorganisation Correctiv oder die Deutsche Presseagentur solche Falschaussagen identifizieren, beeinflusst das die Empfehlungsalgorithmen der Netzwerke. Die Inhalte werden Nutzern dann seltener oder gar nicht mehr automatisch vorgeschlagen und sind schlechter auffindbar. Das Problem: Die meisten Menschen, die solche Videos sehen wollen, sind ohnehin längst auf Messenger wie Telegram ausgewichen. Dort schicken sie sich die Links direkt, die Algorithmen der Plattformen spielen dann keine Rolle mehr.

© SZ vom 12.05.2020

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