Illegaler Organhandel nimmt zu:Für ein paar Dollar mehr

Lesezeit: 2 min

Je länger die Wartezeit, desto größer die Bereitschaft, sich das Organ für viel Geld zu kaufen. Und auf dem Schwarzmarkt gibt es mittlerweile alles.

Von Nadeschda Scharfenberg

Für Alberty da Silva sind 6000 Dollar viel Geld - mehr, als er in seinem Leben mit ehrlicher Arbeit verdienen kann. Von klein auf war da Silva, Sohn einer Prostituierten aus dem brasilianischen Recife, arm gewesen; er erinnert sich, wie er mit sechs seiner Geschwister ein Ei teilen musste.

Später verdiente er mit Gelegenheitsarbeiten ein paar Dollar am Tag. Mit 38, als das Angebot seines Lebens kam, hauste er mit neun Mitbewohnern in einer Bretterbude.

6000 Dollar für eine Niere: Da Silva überlegte nicht lange. Die Operation fand im südafrikanischen Durban statt, Empfängerin war eine 48-Jährige aus Brooklyn, seit 15 Jahren Dialysepatientin. Für das Organ hatte sie 60.000 Dollar bezahlt. Vor der Transplantation musste da Silva unterschreiben, dass die Frau seine Cousine sei: "Da begriff ich, dass etwas nicht stimmte."

Nachfrage und Angebot

Weil sich die Erfolgsquote bei Transplantationen stetig erhöht, wächst die Nachfrage nach der lebensrettenden Operation; das Angebot indes stagniert.

Laut einem Report des Europarats warten allein 40.000 Westeuropäer auf eine Niere. Die Wartezeit liegt im Schnitt bei drei Jahren, "bis 2010 wird sie auf zehn Jahre gestiegen sein", befürchtet die Schweizer Autorin des Berichts, Ruth-Gaby Vermot-Mangold.

Je länger die Wartezeit, desto größer die Bereitschaft, sich das Organ für viel Geld zu kaufen. Die Klientel weitet sich aus", heißt es bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Dem Europarat zufolge ist der Organhandel in Europa zwar lange nicht so weit entwickelt wie der "Transplantationstourismus" reicher Asiaten nach Indien oder Brasilien, aber die Tendenz ist steigend.

Es häufen sich Fälle wie der des Brasilianers da Silva, den die New York Times dokumentierte. Da wäre zum Beispiel der Nepalese, der für 3000 Dollar seine Niere feilbot, um die Mitgift seiner Schwester zu finanzieren.

Oder der Moldawier aus dem Dorf Mingir, der jetzt eine Niere weniger, dafür aber ein Haus hat. 2500 bis 3000 Dollar erhalten die Bedürftigen laut Europarat meist für ihr Organ - die Empfänger zahlen oft das Hundertfache.

Die Differenz kassieren die Händler. Manchmal bekommen die "Spender" auch gar kein Geld. So berichten die UN von einer 14-jährigen Nepalesin, die entführt und ihrer Niere beraubt wurde.

In China werden hingerichtete Häftlinge regelrecht ausgeschlachtet, auch wenn sie die gesetzlich vorgeschriebene Einwilligung vor ihrem Tod verweigert haben.

Schwarzmarkt für Herzen

Besonders der Nierenhandel floriert, ist die Niere doch das einzige Organ, das entnommen werden kann, ohne dass der Patient stirbt.

"Auf dem Schwarzmarkt gibt es aber auch Lebern, Augen, Herzklappen, Hirnteile, praktisch alles", sagt Nancy Scheper-Hughes, Professorin an der Universität Berkley und Gründerin der Organisation Organs Watch.

Genaue Zahlen über den Organhandel gibt es laut WHO nicht - erstens, weil scheinbar alle Beteiligten von den Deals profitieren und deshalb schweigen. Zweitens ist die Branche extrem unübersichtlich, die Händler arbeiten grenzüberschreitend.

Wie im Fall da Silva: Eine Amerikanerin bekommt in Südafrika eine brasilianische Niere. Chef des Organhandelsrings war, wie sich später herausstellte: ein Israeli.

In den meisten Ländern ist Organhandel verboten, Spenden von Lebenden sind nur zwischen emotional eng verbundenen Menschen erlaubt - die Vorschriften lassen sich indes leicht umgehen.

In Deutschland wird Organhandel mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft. Ein 19-Jähriger kam 2001 glimpflich davon: Er wurde zu hundert Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, weil er seine Niere für 100.000 Euro bei Ebay angeboten hatte.

Den "Spendern" hilft das Geld für ihr Organ nur anfangs weiter. Meist verschlechtert sich ihr Zustand wegen fehlender medizinischer Nachsorge oder schlechter Ernährung.

Ein weiteres Opfer des Netzwerks, an das auch da Silva verkaufte, klagt seit dem Verkauf seiner Niere über starke Schmerzen. Er wird nie mehr arbeiten können.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB