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Tschad:Idriss Déby ist tot - die Zukunft im Sahel ungewiss

FILE PHOTO: TCHAD: IDRISS DEBY REMPORTE UN SIXIÈME MANDAT PRÉSIDENTIEL

"Kein großer Demokrat, aber ein echter Soldat": Idriss Déby starb bei einem Besuch seiner Truppen.

(Foto: Ammar Awad/Reuters)

Der Tod des tschadischen Machthabers schockt die Region. Débys Truppen bekämpften in mehreren Ländern Terrormilizen - doch nun rücken Rebellen im eigenen Land vor. Wie wird sich die Schutzmacht Frankreich verhalten?

Von Arne Perras

Er war Soldat bis zuletzt. Idriss Déby starb an der Front. Dort habe der Präsident des nordafrikanischen Staates Tschad "die souveräne Nation auf dem Schlachtfeld verteidigt", sagte ein Militärsprecher nicht ohne Pathos. Déby hatte am Wochenende seine Truppe im Kampfeinsatz gegen Rebellen besucht, das war allerdings geheim gehalten worden. Sein plötzlicher Tod, dessen genaue Umstände unklar blieben, kam als großer Schock für das Land und auch die Nachbarstaaten. Denn der 68-jährige Déby galt den meisten als ein unverwüstlicher Machthaber. Nun ist er seinen Wunden erlegen, die er offenbar beim Angriff aufständischer Kämpfer erlitten hatte.

30 Jahre lang hatte er über den Sahel-Staat geherrscht, nachdem er selbst durch eine Rebellion Anfang der 90er-Jahre an die Macht gekommen war. Zuletzt waren seine Truppen für die Terrorbekämpfung in der Region immer wichtiger geworden, seine Soldaten sind in Mali und in der Zentralafrikanischen Republik im Einsatz. Und sie kämpfen in der Region des Tschadsees, an der Seite Nigerias, um die Terrorgruppe Boko Haram zurückzudrängen.

Tschadische Truppen sind zu einer Art militärischer Feuerwehrtruppe im Sahel geworden, sie werden von Regierungen zu Hilfe gerufen, wenn es darum geht, neue Brandherde des Terrors auszutreten. Doch nun ist ihr oberster Befehlshaber Idriss Déby tot -und die Zukunft all dieser militärischen Einsätze, die zumindest teilweise auch von den Europäern begrüßt und befördert wurden, gilt als ungewiss.

Déby war im eigenen Land zuletzt selbst stark unter Druck geraten, Rebellen marschieren von Nordosten her auf die Hauptstadt N'Djamena zu und waren am Wochenende schon bis auf weniger als 300 Kilometer herangerückt. Sie nennen sich FACT (Front für Eintracht und Wandel in Tschad) und nutzen Rückzugsgebiete in Libyen. Dort kämpften zumindest Teile dieser Milizen für den libyschen Warlord Chalifa Haftar.

Seine Erben müssen sich gegen Rebellen wappnen

Déby hatte im Laufe seiner Herrschaft schon zahlreiche Umsturzversuche überstanden. Sein Militär brüstete sich noch am Wochenende öffentlich, dass tschadische Regierungstruppen einen großen Konvoi der Aufständischen "total zerstört" hätten. Ein Rebellensprecher redete hingegen von Eroberungen und Geländegewinnen. Angesichts der heranrückenden Kämpfe hatten die USA am Wochenende vorsichtshalber einen Teil ihrer Diplomaten und Angestellten abgezogen.

Nun wird viel von Paris abhängen. Frankreich unterhält in Tschad einen seiner größten afrikanischen Stützpunkte. Im Jahr 2019 verhinderten französische Luftangriffe, dass Rebellen auf die Hauptstadt vorrücken konnten. 2008 hätten Débys Gegner beinahe den Präsidentenpalast erobert, als ihm französische Truppen zu Hilfe kamen.

Frankreich und auch die USA setzten auf eine starke Allianz mit Déby, um eine Ausbreitung islamistischer Terrorgruppen im Sahel einzudämmen. Nun sei die große Frage, ob sie auch den Sohn Débys als seinen Nachfolger stützen werden, sagte der Afrika-Spezialist Nathaniel Powell von der britischen Lancaster University.

Die Macht im Tschad hat inzwischen ein vom Militär kontrollierter Nationaler Übergangsrat übernommen, Débys Sohn, Mahamat Kaka, sei zum Interimspräsidenten ernannt worden, hieß es. Erst am Wochenende war verkündet worden, dass Déby angeblich mit großer Mehrheit die jüngsten Wahlen in Tschad gewonnen hatte, allerdings hatten Oppositionsgruppen die Abstimmung boykottiert, die Unzufriedenheit mit dem Machthaber wuchs.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nannte Déby einen "mutigen Freund". Der Politologe und Afrikaexperte Douglas Yates, der in Paris lehrt, sagte: "Er war kein großer Demokrat, aber ein echter Soldat. Frankreich hat gerade einen seiner wichtigsten Verbündeten verloren." Anstatt seinen jüngsten fragwürdigen Wahlsieg zu feiern, der ihn in die sechste Amtszeit führen sollte, zog es Déby vor, an die Front zu fahren, was ihm zum Verhängnis wurde.

Augenzeugen berichten der Nachrichtenagentur Reuters zufolge nun davon, dass sich Truppen in der Hauptstadt sammeln. Panzer fahren auf. Die Erben des Déby-Regimes wappnen sich, um ihre Macht gegen den Ansturm der Rebellen zu verteidigen.

© SZ
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