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Ideologie und Kindesmissbrauch:Wie Päderasten Einfluss nehmen

  • Ein neues Buch über sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Protestbewegungen spannt einen Bogen vom antiken Griechenland über die 68er-Bewegung bis zur digitalen Revoultion.
  • Autor Christian Füller zeigt auf, wie es Pädophilen immer wieder gelang, Unterstützung für ihre Forderungen zu bekommen, in dem sie ihnen einen ideologischen Anstrich gaben.
  • Einen Höhepunkt dieses Phänomens sieht Füller bei den Grünen in den achtziger Jahren. Der Einfluss Pädophiler auf die grüne Politik werde bis heute unterschätzt.
  • Heute opferten digitale Revolutionäre den Schutz von Kindern vor Missbrauch einem fragwürdigen Verständnis von Freiheit im Netz.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Mit einem kommt Christan Füller nicht klar. Wenn man ihn einen Mann der "steilen Thesen" nennt, der es gern auch mal ein bisschen übertreibt. Dann wird er wild. Füller zieht die Augenbrauen hoch, das Mikro in der Hand. Übertreibung? Steile Thesen? "Es ist doch keine steile These, wenn ich beschreibe, das Hans Blüher schon 1912 in seinem Buch 'Der Wandervogel als erotisches Phänomen' den Missbrauch von Knaben als tolle Idee hinstellt!"

Das Café "Knorke" im Ost-Berliner Bötzow-Viertel, Sessel und Tische aus den 60ern. Wandtapete mit Blumendekor. Wäre das nicht gerade schick in Berlin, dann könnte das auch der Muff der Nachkriegszeit sein. Gar kein schlechter Ort vielleicht für diesen Anlass. Füller stellt an diesem Abend sein neues Buch vor: "Die Revolution missbraucht ihre Kinder."

Es geht um die sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Protestbewegungen, vor allem der der 68er. Das Buch ist auch eine Abrechnung. Mit der Blindheit jener, die in diesen Protestbewegungen aktiv waren und die Päderasten nicht hinderten. So wie die Grünen. Die wollen - in seinen Augen - bis heute nicht so genau hinschauen.

Das Thema hat ihn seinen Job gekostet. Im Wahlkampf 2013 schrieb der Journalist für seinen Arbeitgeber, die taz, einen Text, in dem er die Grünen als zentrale Plattform der bundesdeutschen Päderasten-Bewegung geißelte. Chefredakteurin Ines Pohl verhindert die Veröffentlichung, ein für taz-Verhältnisse bemerkenswerter Vorgang. Füller veröffentlichte den Text schließlich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Das war der Bruch mit der taz. Füller dürfte er darin bestärkt haben, an diesem schwierigen Thema dranzubleiben.

Sexuelle Ausbeutung von Kindern wurde ideologisch begründet

Zurück zu Hans Blüher, dem Chefideologen der eingangs erwähnten Wandervogelbewegung. Bis heute wird Blüher in manchen schwulen Kreisen als Held verehrt. Seine Schriften gehören für Füller zu den Sündenfällen der sexuellen Aufklärung. Angefangen hat alles im antiken Griechenland. Dort wurde die Idee geboren, die sexuelle Ausbeutung von Kindern ideologisch zu begründen. Die Knabenliebe sollte die Kinder, ja die ganze Gesellschaft, sagt Füller, besser machen. Das war die Legitimation für etwas, das nicht mehr ist als sexuelle Gewalt gegen Kinder.

Blüher setzte genau da an, verklärte den offenbar alltäglichen Missbrauch von Männern an Jungen in seiner Wandervogelbewegung zu etwas, das rein ist, geistig, höher steht. Viel mehr als ein schnöder Trieb. "Es gibt auffallend erotische Erlebnisse, die plötzlich eine Horde von 10 - 20 Männern ergreifen können", zitiert ihn Füller. Nicht selten waren Jungen wesentlicher Bestandteil dieser "erotische Erlebnisse". Ein besserer Mensch sein dank sexuellem Missbrauch. Auf so eine Idee muss einer erst mal kommen. Es ist die Idealisierung der eigenen Abartigkeit.

Die Wandervogelbewegung hat bis heute überdauert. Erst im Jahr 2005 sei eine deutsche Wandervogelgruppe in Griechenland auffällig geworden, schreibt Füller. Einer der Herren feierte seinen 61. Geburtstag. Das Geschenk: eine Reihe holder Knaben in weißer Tunika. Darunter nackt.

Die Leit-Themen der 68er boten Gelegenheit, aus der Schmuddelecke zu kommen

Füller geht von Bühler weiter zur 68er-Bewegung. Sexuelle Befreiung, sexuelle Revolution, Reform-Pädagogik - alles Leitthemen dieser Bewegung. Themen, die Päderasten Gelegenheiten boten, aus der gesellschaftlichen Schmuddelecke zu kommen. Hier konnten sie andocken. Sie mussten lediglich ihre sexuelle Neigung politisieren.

In einigen Kinderläden jener Zeit seien sexuelle Übergriffe der Normalfall gewesen, sagt Füller. Festgeschrieben gar in den Grundätzen dieser basisdemokratisch organisierten Betreuungsstätten. Grundlage für die Entstehung des "autoritäten Charakters" sei "die Unterdrückung der kindlichen Sexualität", zitiert Füller aus dem Papier eines Münchener Kinderladens. Die pädagogische Gegenmaßnahme? Wenn nackt rumrennen auf dem Plan stand, dann hatten sich alle nackt auszuziehen. Wer sich aus Scham verweigerte, der passte nicht ins antiautoritäre Erziehungskonzept.

Sexuelle Befreiung sollte jetzt für alle gelten

Sexuelle Befreiung sollte jetzt für alle gelten: für Heteros, Schwule und Lesben - und Päderasten gleichermaßen. Dazu passt die Forderung nach Straffreiheit für Pädokriminelle. In letzter Konsequenz hätte das bedeutet, dass Sex zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gesetzlich erlaubt gewesen wäre. Derlei Forderungen fanden in der grünen Partei immer wieder Mehrheiten.

In ihrem ersten nationalen Parteiprogramm verlangten die Grünen etwa, sexuelle Kontakte zu Minderjährigen und Schutzbefohlenen nur noch dann zu ahnden, wenn die Täter mit Gewalt drohen oder ein Abhängigkeitsverhältnis ausnutzen. Für Füller ist klar: Die Grünen haben "in ihrem ersten zentralen Parteiprogramm den Terminus des einvernehmlichen Sex mit Kindern" eingeführt.

Päderasten konnten offen ihre politischen Ziele formulieren

In der grünen Partei fanden Päderasten Unterstützung. Gruppen wie die Nürnberger Stadtindianer machten "Rabatz für Sex mit Kindern" (Füller) und fanden Mitstreiter in der jungen Partei. Päderasten konnten aber auch in den Medien völlig offen ihre politischen Ziele formulieren.

Füller liefert die Belege mit: Der Sprecher der baden-württembergischen Landesarbeitsgemeinschaft Kinder und Jugendliche fabulierte 1986 in der taz auf einer ganzen Seite darüber, es sei "unwiderlegbare Tatsache, dass ein großer Teil der zärtlichen bzw. sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern/Jugendlichen keinerlei Schädigungen hinterlässt". Den wenigen kritischen Feministinnen damals schleuderte er entgegen, es sei falsch, wenn Frauen aus einem mütterlichen Drang heraus "Kindern die freie Partnerwahl streitig" machten. Und die Hamburger "Fachgruppe Knast und Justiz" der Partei setzte sich 1985 lautstark für einen verurteilten Kinderschänder, grüner Stadtrat in NRW, ein. Man dürfe den Mann nicht aus der Partei schmeißen und ihn "schutzlos der Strafjustiz" überlassen.

Dem von der Partei in Auftrag gegebene Bericht mangelt es an Schärfe

Die Grünen haben mit der Wahlniederlage 2013 und nach langen Debatten mit der Aufarbeitung dieses Teils ihrer Geschichte begonnen. Im vergangenen November veröffentlichten sie den von ihnen in Auftrag gegeben Bericht des Göttinger Parteienforschers Franz Walter. Auch dieser Bericht kommt zu dem eindeutigen Ergebnis: Ja, solche Dinge gab es in der Partei. Aber der Ton ist ein anderer: Der Einfluss der Päderasten sei dann doch nicht so groß gewesen. Feministinnen werden angeführt, die sich schon früh und erfolgreich gegen die Päderasten gestellt hätten.

Füller hält dagegen: Es habe kritische Frauen gegeben bei den Grünen, aber sie seien irrelevant gewesen. In dieser Frage hätten sie nie Mehrheiten für ihre Position bekommen. Anders die Päderasten. Das sei "keine Splittergruppe gewesen", schreibt er. Die "Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule, Transsexuelle und Päderasten" etwa wurde von der Bundestagsfraktion der Grünen finanziert und in die Parlamentsarbeit eingebunden. Füller: "Niemals war eine pädophile Lobby näher am Gesetzgeber als bei den Grünen".

Heute sind es digitale Revolutionäre, die Kindesmissbrauch verharmlosen, sagt Füller

Heute sind es aus Füller Sicht die digitalen Revolutionäre, die das Thema Kindesmissbrauch ebenso verharmlosen und ignorieren wie vor ihnen die Grünen, die 68er und die Wandervögel. Nach dem Motto (so unterstellt es zumindest Füller): Das Internet ist cool, das darf nicht deshalb hinterfragt werden, weil dort der ein oder andere Kinderschänder sein Unwesen treibt. Nicht weniger als die Freiheit der (digitalen) Welt steht schließlich auf dem Spiel.

Wieder werde in Kauf genommen, dass Kinder sexuell ausgebeutet werden, so Füller. Damit sich eine ideologisch aufgeblähte Debatte nicht mit so etwas Randstänigem wie Kinderrechten beschäftigen muss.

Diesen großen Bogen, von den alten Griechen bis ins digitale Zeitalter, hat noch niemand auf diese Art gespannt. Das mag der ein oder andere für gewagt halten. Entbehrt aber nicht einer inneren Logik. Den Eifer Füllers muss niemand teilen. Das Buch aber zeigt deutlich, wie Päderasten in einem ideologisch aufgeheizten Umfeld Wege finden, sich diese Ideologien in ihrem Sinne zurechtzubiegen - und damit auf Akzeptanz stoßen.

Das relativiert nicht den Skandal des alltäglichen Missbrauchs, der in Umkleidekabinen von Turnhallen, in Sakristeien und elterlichen Schlafzimmern stattfindet. Aber Füllers Buch eröffnet eine neue, wichtige Perspektive.

© SZ.de/cmy/jobr
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