Mord in der Tankstelle:Wer ist der Täter von Idar-Oberstein?

Lesezeit: 3 min

Ein Mann erschießt einen Kassierer, weil der ihn auffordert, eine Maske zu tragen. Social-Media-Profile des Verdächtigen liefern nun Hinweise auf seine Gesinnung.

Von Gunnar Herrmann

Es ist Samstagabend, als ein Mann im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein eine Tankstelle betritt, um Bier zu kaufen. Der 20-jährige Kassierer weist den Kunden auf die Maskenpflicht hin. Darauf hebt dieser drohend die Hand und verlässt den Laden. Kurz darauf kommt er mit einem Revolver zurück und tötet den Kassierer mit einem Kopfschuss. Der Student, der an der Kasse jobbt, ist sofort tot. Der Vorfall schockiert viele Menschen im ganzen Land. Über den Täter ist zunächst nur wenig bekannt, doch auf den Social-Media-Profilen des Mannes finden sich nun deutliche Hinweise auf sein Gedankengut.

Wer ist der Täter?

Die Polizei hat einen 49-Jährigen festgenommen, der die Tat inzwischen auch gestanden hat. Er befindet sich in Untersuchungshaft und wird des Mordes verdächtigt. Medienberichten zufolge stammt er aus Idar-Oberstein und arbeitet als Selbständiger in der IT-Branche.

Welche Motive gibt er für die Tat an?

Den Ermittlern zufolge hat der 49-Jährige bei seinem Geständnis angegeben, dass er die Corona-Maßnahmen ablehnt. Den Tankstellenkassierer habe er als "verantwortlich für die Gesamtsituation" gesehen. Er habe sich in die Ecke gedrängt gefühlt und keinen anderen Ausweg gewusst. Bislang ist er der Polizei zufolge nie auffällig geworden.

Gehört der Mann zur Querdenker-Bewegung?

Diese Frage lässt sich im Moment nicht abschließend beantworten. Auf den Social-Media-Profilen des Mannes finden sich aber deutliche Hinweise darauf, dass er sich schon länger mit dem Gedankengut der sogenannten Corona-Leugner befasst hat. Das gemeinnützige Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas) hat Auszüge aus dem Twitter-Konto des Mannes veröffentlicht und auch seine Aktivitäten bei dem Messengerdienst Telegram analysiert.

Der 49-Jährige gibt demnach dort an, ein enttäuschter CDU-Wähler zu sein. Er folgt vorwiegend AfD-Accounts und anderen Akteuren der rechten Szene, und auch dem CDU-Bundestagskandidaten und früheren Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen. Seine Äußerungen im Internet beziehen sich nicht nur auf Corona-Maßnahmen. Er schreibt unter anderem auch vom "fiktiven Klimawandel" und davon, dass er sich auf einen seiner Meinung nach bevorstehenden Krieg freue. Bei Demos oder Kundgebungen der Querdenker ist der 49-Jährige der Polizei bislang nicht aufgefallen.

Für den Extremismusforscher Andreas Zick ist ein genauerer Blick auf die Szene der radikalen Corona-Leugner nötig. "Wir müssen uns die Netzwerke angucken, wir müssen deutlich die Risikoeinschätzung verbessern", sagt der Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld der Deutschen Presse-Agentur. Die Tat von Idar-Oberstein sei ein Einzelfall. "Das können wir nicht generalisieren auf eine gesamte Bewegung, auf alle Proteste", so Zick.

Lässt sich der Täter der rechten Szene zuordnen?

Die Twitter-Auszüge geben zwar Einblick in eine krude Gedankenwelt, wie man sie auch bei Rechtsradikalen findet. Aber wie stark er in der Szene verwurzelt ist, lässt sich daran nicht so einfach erkennen.

"Die Social Media Aktivitäten des mutmaßlichen Täters deuten auf ein rechtes Weltbild hin", sagt Jan Rathje von Cemas, weist aber darauf hin, dass die Analyse der Social-Media Profile noch nicht abgeschlossen ist. Sie könne auch nur ein Baustein sein bei der Untersuchung des Radikalisierungsprozesses und der Beantwortung der Frage, ob dieser Prozess im Internet stattgefunden hat.

Generell lasse sich aber feststellen, dass die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen einen starken Bezug zum Internet hatten und dort - ähnlich wie in den Profilen des Täters, ein zunehmend apokalyptisches Weltbild verbreitet wurde. Auch seien die Proteste in den vergangenen Monaten gewalttätiger geworden, so kam es bei Kundgebungen zum Beispiel zu Angriffen auf Polizisten und Journalisten.

Es gibt bereits Stimmen, die die Tat in einen direkten Zusammenhang mit Rechtsextremismus bringen. Der Mord sei für ihn "keine Überraschung angesichts der steten Eskalation der letzten Wochen", sagt etwa der Thüringer Verfassungsschutzpräsident Stephan Kramer dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Eskalation rechter Verschwörungsfantasien von aggressiven und gewaltbereiten Bürgerinnen und Bürgern sei seit Monaten zu beobachten. Auch bisher als nicht gewaltbereit bekannte Menschen rasteten immer öfter aus, pöbelten und randalierten. "Die steigende Aggressivität ist im Alltag überall spürbar."

Kriminalpsychologen mahnen hingegen eher zur Vorsicht: Es könnten auch ganz andere Motive hinter der Tat liegen. Etwa persönliche Probleme oder eine psychische Störung. Ob es solche Hintergründe gibt, wird wohl erst eine genauere Untersuchung zeigen. Die Staatsanwaltschaft gibt sich im Moment noch zurückhaltend. "Wir müssen uns jetzt erst mal selbst ein klares Bild machen", sagte Oberstaatsanwalt Kai Fuhrmann am Dienstag. Im Moment sei man unter anderem noch damit beschäftigt, Handy und Laptop des Verdächtigen auszuwerten.

Wo hatte der Mann die Schusswaffe her?

Auch diese Frage wird zentral für die Ermittlungen sein. Die Waffe samt Munition konnte die Polizei nach der Verhaftung bei dem Verdächtigen zu Hause in Beschlag nehmen. Der Staatsanwaltschaft zufolge hat der 49-Jährige weder Waffenschein noch Waffenbesitzkarte, ist kein Sportschütze. Legal hat er den Revolver also nicht besessen.

Mit Material der dpa

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